Freiheit üben

In der Justizvollzugsanstalt Oslebshausen ist Arno Nowak einer von 67 Berufsfreigängern

Freiheit üben

Arbeit zu haben ist elementar für das Leben nach einer Haftstrafe. Viele ­Häftlinge in Bremen arbeiten deshalb als Berufsfreigänger. In ­Oslebshausen haben wir einen von ihnen getroffen.

Arno Nowak* fährt täglich pünktlich zur Arbeit. Mal hat er Spätschicht ab 13 Uhr, mal Frühschicht ab 6 Uhr. Nach der Arbeit unternimmt er jedoch nie etwas mit Kollegen, denn er ist einer von 67 Berufsfreigängern in der Justizvollzugsanstalt Oslebshausen. "Es ist schwierig, neue Freunde zu finden im Job. Wenn du neu anfängst, kennt dich keiner, aber die Kollegen, die ich mag, muss ich für einen Angelausflug auf Samstage vertrösten. Und ein Bier nach Feierabend ist nicht erlaubt", erzählt Nowak.

Für Berufsfreigänger der JVA gelten besondere Regeln im offenen Vollzug. Im Unterschied zum geschlossenen ­Vollzug dürfen die Häftlinge täglich das Anstaltsgelände verlassen, um zur Arbeit zu fahren. Zwei Stunden vor Schichtbeginn und zwei Stunden danach dürfen sie sich draußen bewegen, bis um 19:30 Uhr die Tore geschlossen werden. "Momentan arbeite ich bei einer Metallrecycling-­Firma in der Sortierhalle am Band. Wir trennen Schwer­metall von Leichtmetall für die Wiederaufbereitung. Die Arbeit ist körper­lich anstrengend und in der Halle ist es sehr staubig. Deshalb habe ich meinen Betreuer bereits ge­beten, mir nach Weihnachten etwas Neues zu suchen", sagt Nowak. Er wolle arbeiten und Verantwortung für sich übernehmen, seine Pflicht erfüllen und ärgert sich trotzdem über die Staub­belastung und seine Bezahlung. Aktuell verdient er neun Euro die Stunde. Früher habe er 55 Euro die Stunde als selbstständiger Abbruchunternehmer verdient. Nowak hat seine aktuelle Beschäftigung über eine Leiharbeitsfirma gefunden.

"Dass viele unserer Insassen über Leiharbeitsfirmen einen Arbeitsplatz finden, hat verschiedene Gründe. Eine Vorstrafe macht es natürlich schwerer, das Vertrauen eines Arbeit­gebers zu erwerben. In erster Linie liegt es jedoch häufig an der fehlenden Qualifikation. Der Großteil der hier In­haftierten hat keine qualifizierte Ausbildung und viele Unter­nehmen beschäftigen ungelernte Kräfte vornehmlich auf Zeit", erklärt Axel Janzen, Leiter des offenen Vollzugs in der JVA Oslebshausen.

Der offene Vollzug in Bremen ist Teil des sogenannten "Übergangsmanagements" zwischen geschlossenem Vollzug und der Entlassung von Häftlingen. Dabei spielt die Vermittlung in ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungs­verhältnis eine zentrale Rolle. Arbeiten schafft feste Tagesstrukturen, ermöglicht, ein Konto bei einer Bank zu eröffnen oder eine Wohnung zu finden und zählt daher zu einer der wichtigsten Reintegrationsfaktoren. Häftlinge müssen sich für den Übergang vom geschlossenen in den offenen Vollzug dazu verpflichten, arbeiten zu gehen, an Therapien oder sonstigen Unterstützungsmaßnahmen ­teilzunehmen und an der Reflexion ihrer Straftat aktiv mit­zu­wirken. 

"Dass viele unserer Insassen über Leiharbeitsfirmen einen Arbeitsplatz finden, hat verschiedene Gründe. Eine Vorstrafe macht es natürlich schwerer, das Vertrauen eines Arbeit­gebers zu erwerben."
Axel Janzen

Arno Nowak hat diese Bedingungen verstanden. "Wenn ich arbeiten geschickt werde, arbeite ich gewissenhaft und erfülle meine Pflicht. Ich will auf die Beine ­kommen und einen ­klaren Kopf bewahren, damit ich nicht wieder ­ab­rutsche", sagt er. Gleichzeitig ärgere ihn manchmal, dass er unter seiner Qualifikation eingesetzt werde. Zwar hat Nowak nie eine Berufsausbildung abgeschlossen, jedoch früher im Straßenbau gearbeitet, eine Aus­bildung zum ­Elektriker angefangen und zwei Jahre eine Ausbildung zum ­Schlosser gemacht. Er habe diese Ausbildung dann abge­brochen, um in die Abbruchfirma eines Kollegen einzu­steigen. "Als ­Kunden nicht zahlten, sind wir insolvent gegangen. Ich stand mit mehreren Tausend Euro Schulden da, konnte meine Mit­arbeiter nicht bezahlen. Als mein 21-­jähriger Sohn bei einem Unfall gestorben ist, habe ich mich mit Alkohol und Drogen gehen lassen und mit den falschen Leuten krumme Geschäfte gedreht", sagt er über den Zeitpunkt, ab dem er sein Leben nicht mehr im Griff hatte. 

All das wissen seine aktuellen Kollegen nicht, wohl aber sein zuständiger Arbeitsvermittler bei der Leiharbeitsfirma und eine Kontaktperson bei dem ­Metallrecycling-Unternehmen. "Bevor wir Häftlinge in Jobs vermitteln, prüfen wir intern, ob sich Häftlinge an Absprachen ­halten und Aufgaben vernünftig erledigen. Draußen bekommen sie auch unangekündigte Besuche von Vollzugs­beamten und wir tauschen uns mit der Kontaktperson im Unternehmen aus", erklärt Axel Janzen die Vereinbarung zwischen der JVA und Arbeitgebern. Diese Kon­trollen dienen aber auch dem Schutz der Häftlinge. Die JVA pflegt feste Kontakte zu Leiharbeitsfirmen und überprüft neue Firmen gründlich. Beim Besuch am Arbeitsplatz prüfen Vollzugsbeamte auch, ob beim entleihenden Unternehmen beispielsweise alle Sicherheits­bestimmungen und sonstige Arbeitnehmerschutzgesetze eingehalten werden. Gibt es vertrag­liche Probleme, falsche Abrechnungen oder Arbeitsschutzverstöße, schaltet die JVA die zuständigen Behörden ein oder schickt die Häftlinge zur Rechtsberatung der Arbeitnehmerkammer.

"Für Leiharbeiter gelten grundsätzlich die gleichen Rechte und ­Pflichten wie für direkt angestellte Mitarbeiter. Zusätzlich bestimmen das Arbeitnehmerüberlassungs­gesetz und branchenspezifische Tarifverträge die Entlohnung, zulässige Arbeits- und Ruhe­zeiten oder den Urlaubsanspruch", erklärt Rechtsberater ­Alireza Khostevan. Aus der Beratung kennt er die typischen Rechtsverstöße von Leiharbeitsfirmen. Beispiels­weise ­dürfen diese ihre bei einem Kunden eingesetzten Arbeitskräfte nicht ohne Weiteres entlassen, wenn ­dieser Kunden­auftrag wegfällt. So müssen sie unter anderem eine Sozialauswahl unter allen vergleichbaren Leiharbeitern vornehmen, auch wenn diese bei anderen Kunden eingesetzt sind. Ebenso ­dürfen sie dem betroffenen Mitarbeiter bei Nichteinsatz keine Minusstunden aufschreiben oder auf Urlaub bestehen. Sie sind zu Lohnfortzahlungen verpflichtet und müssen auch die Anreise- oder Übernachtungskosten für weiter entfernte Arbeitseinsätze bei Kunden zahlen. Generell rät Alireza Khostevan jedem Arbeitnehmer, den Arbeitsvertrag vor der Unterschrift prüfen zu lassen. "Wir beraten unter striktem Beratungsgeheimnis", betont er.

Arbeiten schafft feste Tagesstrukturen, ermöglicht, ein Konto bei einer Bank zu eröffnen oder eine Wohnung zu finden.

Bisher hat sich Arno Nowak lediglich einmal verbal mit ­seinem Ansprechpartner beim Leiharbeitsunternehmen an­gelegt. Die Firma hatte ihn in die falsche Lohnsteuerklasse einsortiert. Vier verschiedene Arbeitseinsätze hat er hinter sich; eine weitere Stelle will er bis zum Ende seiner Haftstrafe im Februar noch annehmen, dann wünscht er sich "eine Frau, einen neuen Job und keinerlei Kontakt zu alten falschen Bekannten". Er will Firmen auf Jobs ansprechen, die ihn aus seiner Selbstständigkeit kennen. "Die Leute kennen mich und wissen, dass sie auf meinen Einsatz zählen können", sagt er. Er muss aber mit Auflagen oder Weisungen rechnen. Denn zum Übergangsmanagement im offenen Vollzug gehören auch ein Vollzugsplan und Fallkonferenzen. Für jeden Einzelfall entwickeln Bewährungshelfer, Sozialarbeiter anderer freier Träger für Sträflingshilfe sowie verschiedene Behördenvertreter auch die Entlassung nach Vollzugsplan. Sie werden ihn ins normale Leben begleiten und prüfen Auflagen wie etwa Drogenabstinenz, sein soziales Umfeld oder helfen bei Wohnungs- und Jobsuche, damit Arno Nowak nicht wieder rückfällig wird.

* Name von der Redaktion geändert

Text: Janina Weinhold
Foto: Kay Michala
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