Tarifvertrag für die Zukunft

Automatisierung bei Eurogate

Automatisierung und Digitalisierung sind Themen, die aktuell an kaum einem Unternehmen spurlos vorbeigehen – und die Beschäftigte verschiedener Branchen um ihre Arbeitsplätze bangen lassen. Hafenbetreiber Eurogate und die Gewerkschaft Verdi haben jetzt einen Tarifvertrag geschlossen, der als wegweisend gilt. Ziel ist es, die Folgen von Automatisierungsmaßnahmen sozialverträglich und mitbestimmt zu gestalten.

Text: Anne-Katrin Wehrmann
Foto: Kay Michalak

Ihr Arbeitsplatz befindet sich in einer Höhe von mehr als zehn Metern und setzt neben Schwindelfreiheit auch ein hohes Maß an Konzentrationsfähigkeit und Belastbarkeit voraus: Die Fahrer so genannter Van Carrier (VC) sorgen im Hafen 24 Stunden am Tag und an sieben Tagen in der Woche dafür, dass Container von A nach B transportiert werden. Für den Hafenbetrieb sind sie von entscheidender Bedeutung: Allein auf dem Container Terminal Bremerhaven von Eurogate sind von gut 1.200 Beschäftigten etwa die Hälfte als VC-Fahrer ausgebildet. Doch was passiert mit ihnen, wenn die Van Carrier eines Tages autonom fahren und nicht mehr in allen Fahrerkabinen Menschen benötigt werden? Ferne Zukunftsmusik ist das nicht: Auf einem abgeteilten Bereich des Containerterminals Wilhelmshaven hat Eurogate gerade ein Pilotprojekt gestartet, das die Sicherheit und Funktionsfähigkeit automatisch fahrender Portalhubwagen unter Beweis stellen soll. Von den Ergebnissen wird es abhängen, ob und in welchem Ausmaß diese autonomen Gefährte künftig an Hafenstandorten der Eurogate-Gruppe zum Einsatz kommen.

„Uns ist allen klar, dass wir den Zug der Automatisierung und Digitalisierung nicht aufhalten können. Aber wir müssen gemeinsam Wege finden, die Auswirkungen auf unsere Kolleginnen und Kollegen sozialverträglich zu gestalten.“
Heinz Dammann

Die VC-Fahrer sind ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie Automatisierungsprozesse den Arbeitsalltag und damit auch den Personalbedarf beeinflussen können. Doch der „Tarifvertrag Zukunft“, auf den sich Eurogate und Verdi geeinigt haben, geht deutlich weiter: Er enthält Schutzvorschriften nicht nur für die Hafenarbeiter des Unternehmens, sondern auch für die kaufmännischen und technischen Mitarbeiter, sofern mindestens zehn Prozent von ihnen von Automatisierung betroffen sind. „Wenn zum Beispiel in einer Abteilung, die aus 30 Mitarbeitern besteht, eine neue Software die Arbeitsbedingungen von drei Beschäftigten beeinflusst, kommt der Vertrag schon zum Tragen“, erläutert Christian Schadow, bei der Verdi-Bundesverwaltung für Maritime Wirtschaft zuständig. Der Gewerkschaftssekretär hält den neuen Tarifvertrag für einen großen Wurf: „Wir gehen davon aus, dass er Pilotcharakter für die gesamte Branche und darüber hinaus haben kann“, macht er deutlich.

Erweiterung der Mitbestimmung

Zu den wesentlichen Punkten des Tarifvertrags gehört es, dass er eine lange Laufzeit von zehn Jahren hat und bis Ende 2025 betriebsbedingte Kündigungen ausschließt, die im Zusammenhang mit Automatisierungen stehen. Die Tarifparteien haben sich auf Arbeitszeitmodelle verständigt, mit denen sich Schwankungen beim Personalbedarf abfedern lassen. Eine wichtige Rolle spielt zudem das Thema Qualifizierung: So haben die Beschäftigten von Eurogate einen Anspruch darauf, ihre Entwicklungsmöglichkeiten ermitteln und sich entsprechend qualifizieren zu lassen. Wer in seinem bisherigen Arbeitsfeld aufgrund von Automatisierungsprozessen nicht mehr gebraucht wird, soll ein Angebot für einen anderen Arbeitsplatz innerhalb des Konzerns bekommen. Sollte dies mit Gehaltseinbußen verbunden sein, wird fünf Jahre lang das alte Gehalt weitergezahlt und anschließend für weitere fünf Jahre in gleichmäßigen Schritten abgeschmolzen.

Neben diesem umfangreichen Instrumentenkasten zur materiellen Absicherung ist ein weiterer zentraler Aspekt die Einführung einer „Automatisierungskommission“, die aus jeweils vier Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern besteht. „So etwas hat es in dieser Form bisher noch nicht gegeben“, macht Gewerkschafter Schadow deutlich. „Faktisch bedeutet das eine Erweiterung der Mitbestimmung und damit einen Eingriff in die unternehmerische Freiheit. Diese Hürde mussten wir bei den Verhandlungen erst einmal nehmen.“ Letztlich sei aber auch in der Konzernführung das Interesse groß gewesen, einen Tarifvertrag abzuschließen, der die Belegschaft mitnehme und Rückhalt bei ihr finde. Über regelmäßige Informationen des Arbeitgebers soll die Kommission künftig in die Lage versetzt werden, sich über Umfang und Auswirkungen von Automatisierungen ein Urteil zu bilden und auf die Willensbildung Einfluss zu nehmen – insbesondere auch mit Blick auf die Personalplanung. Dabei kann sie Beschlüsse nur mit einer Mehrheit von 75 Prozent der Stimmen fassen. „Klar ist, dass auch die Betriebsräte frühzeitig mit einbezogen werden müssen“, meint Schadow. „Das Ganze muss jetzt mit Leben gefüllt werden. Wir gehen davon aus, dass sich das neue Instrument bewähren wird.“

Verhandlung auf Augenhöhe

Gerade im Hafen gebe es viele Bereiche, die von Automatisierung und Digitalisierung betroffen seien, betont Marion Salot, Referentin für Wirtschaftspolitik bei der Arbeitnehmerkammer: „Darum ist es enorm wichtig, dass dieser Tarifvertrag so gut gelungen ist – zumal in Bremerhaven jeder vierte sozialversicherungspflichtig beschäftigte Mann in und um den Hafen arbeitet.“ Der Abschluss des „Tarifvertrags Zukunft“ zeige, wie wichtig es gerade in Zeiten der Digitalisierung sei, starke Gewerkschaften und Betriebsräte zu haben. „Nur so ist es möglich, auf Augenhöhe mit den Arbeitgebern über die Folgen für die Betriebsabläufe und Arbeitsformen zu verhandeln und letztlich zu sozialverträglichen Regelungen zu kommen“, erläutert sie.

Das sieht Eurogate-Konzernbetriebsratsvorsitzender KarlHeinz Dammann genauso. „Uns ist allen klar, dass wir den Zug der Automatisierung und Digitalisierung nicht aufhalten können“, sagt er. „Aber wir müssen gemeinsam Wege finden, die Auswirkungen auf unsere Kolleginnen und Kollegen sozialverträglich zu gestalten. Dafür haben wir mit dem Tarifvertrag jetzt einen guten Werkzeugkasten in der Hand.“ Für die Eurogate-Gruppe sei er ein Meilenstein, sich den Herausforderungen der Zukunft stellen zu können. Und auch in anderen Betrieben sei man schon auf den Pilotabschluss aufmerksam geworden. „Wir stellen fest, dass das Interesse daran groß ist“, berichtet Dammann. „Denn der Vertrag greift ein aktuelles Thema auf, das in irgendeiner Form in jedem Unternehmen akut ist. Und gerade die Automatisierungskommission ist ein Instrument, das sich gut auch auf andere Branchen übertragen lässt.“

Beratung für Betriebs- und Personalräte AKB003_IconInfo

Betriebliche Interessenvertretungen können sich in der Arbeitnehmerkammer beraten lassen.

Unsere Geschäftsstellen

Bremen-Stadt

Bürgerstraße 1
28195 Bremen

Tel. +49.421.36301-0

Beratungszeiten
Bremen-Nord

Lindenstraße 8
28755 Bremen

Tel. +49.421.669500

Beratungszeiten
Bremerhaven

Barkhausenstraße 16
27568 Bremerhaven

Tel. +49.471.922350

Beratungszeiten

Arbeitnehmerkammer Bremen

© 2017 Arbeitnehmerkammer Bremen

© 2017 Arbeitnehmerkammer Bremen