Die Zukunft am Arbeitsplatz

Beschäftigte und Betriebsräte stellt sie vor große Herausforderungen

Arbeiten 4.0 – Digitalisierung in Bremer Betrieben

Die Arbeitswelt wird sich künftig stark verändern. Dabei geht es um mehr als Roboter und Smartphones. Beschäftigte und Betriebsräte stellt das vor große Herausforderungen.

Die Arbeitswelt von morgen wird eine andere sein als heute, da sind sich die Experten sicher. Denn die zunehmende Digitalisierung der Arbeit betrifft nicht nur Hightech-Industrieproduktionen, wo Roboter die Handgriffe von Menschen. "Im Prinzip kommt die Entwicklung auf fast alle Branchen zu", sagt Wolfgang Groß, Referent in der Abteilung Mitbestimmung und Technologieberatung der Arbeitnehmerkammer Bremen. Arbeitsprozesse werden weiter automatisiert und Daten, Computer sowie Maschinen immer mehr ortsunabhängig miteinander vernetzt. Zwar können laut einer aktuellen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nur sehr wenige Berufe durch Computer komplett ersetzt werden. Auch ein massiver Beschäftigungsabbau im Zuge der Digitalisierung ist demnach nicht zu befürchten, da auch neue Tätigkeiten entstehen werden. Innerhalb der Berufe wird es aber große Umbrüche geben.

Mit dem Tablet zur Baumkontrolle
Pilze, Parasiten oder Risse gefährden die Standsicherheit von Bäumen. Wenn Äste abfallen oder Bäume umfallen, können Menschen und Sachen zu Schaden kommen. Deshalb prüfen Gärtner vom Umweltbetrieb Bremen regelmäßig alle Bäume auf öffentlichen Grundstücken. "Früher hat jeder Bezirk seine eigenen Excel-Tabellen ausgefüllt. Die Daten waren deshalb nicht zentral auswertbar", erzählt Götz Hesemann, Referatsleiter Grünflächeninformationssystem beim Umweltbetrieb Bremen. Um eine solche Auswertbarkeit der Daten zu schaffen, wurde vor zehn Jahren in Bremen ein digitales Baumkataster mit einer zentralen Datenbank eingeführt, zunächst für die 70.000 Straßenbäume. Die Kontrolleure überprüfen den Zustand des Wurzelbereichs, des Stammes und der Krone und tragen vor Ort alle Daten in ihre Tablets ein. Demnächst sollen auch alle Bäume in Parkanlagen eingepflegt werden. "Auf Knopfdruck kann jeder zum Beispiel sehen, wie viele Bäume gefällt wurden, wie das Schadensbild eines einzelnen Baumes aussieht oder ob noch Totholz beseitigt werden muss", so Hesemann. Dadurch wird die Arbeit der Baumkontrolleure transparent. Für die Beschäftigten bedeutet das, alle erhobenen Daten präzise und sofort ins System einzugeben. "Sonst würden sich Lücken und Fragen ergeben",  sagt Hesemann. Etwa, warum eine dringende Maßnahme noch nicht eingeleitet wurde – obwohl sie längst erledigt ist. "Dadurch kann der Druck auf die Mitarbeiter steigen", weiß Hesemann, "denn jeder Einzelne trägt eine große Verantwortung". Andererseits schützt die sofortige Eingabe in Rechtsfällen, etwa wenn Bäume auf Rad- oder Fußwege stürzen. Durch die zeitnahe Erfassung kann der Umweltbetrieb nachweisen, dass der Baum geprüft und als "verkehrssicher" eingestuft wurde. Denn die Daten stehen inzwischen auch anderen Institutionen wie Energieversorgern und Straßenbaubehörden zur Verfügung.
Götz Hesemann, Referatsleiter Grünflächeninformationssystem beim Umweltbetrieb Bremen

"Die Arbeitsbedingungen werden sich schleichend verändern", sagt auch Berater Wolfgang Groß. "Darauf sollten Betriebs- und Personalräte vorbereitet sein, damit sie an der Gestaltung mitwirken können." Ein großes Problem in vielen Betrieben sei, dass die Qualifzierungsmöglichkeiten, um mit den neuen Technologien umgehen zu können, nicht ausreichten. Auch Datenschutzbestimmungen werden von Arbeitgebern nicht immer beachtet.

Welche Mitbestimmungsmöglichkeiten Interessenvertretungen haben, zeigt das Beispiel einer Dienstleistungsfrma in Bremen. Der Arbeitgeber hatte zwei Dienstwagen von Außendienstlern ohne Wissen des Betriebsrats mit GPS ausgestattet. Dadurch hatte das Unternehmen permanent die Möglichkeit, die Fahrten zu überwachen. "Ein Kollege hat zufällig bei einer Reparatur am Wagen das Gerät entdeckt", sagt der Betriebsratsvorsitzende. Einen Verdacht hatte es schon gegeben, da Mitarbeiter darauf angesprochen worden waren, warum sie von ihrer Route abgewichen waren. "Begründet wurden die GPS-Geräte mit der Ortungsmöglichkeit, wenn das Auto gestohlen werden sollte", sagt der Betriebsratschef. Da die Beschäftigten aus Datenschutzgründen nicht permanent überwacht werden dürfen, schritt der Betriebsrat ein. "Es war ja nicht auszuschließen, dass die Daten missbraucht werden." Mithilfe eines Schlichters erklärte sich der Arbeitgeber schließlich bereit, die Geräte ersatzlos auszubauen.

Der mitarbeitende Bankkunde
Die Finanzbranche befindet sich im Umbruch: Immer mehr Bankfilialen schließen, zugleich wird den Kunden zunehmend die Onlinenutzung schmackhaft gemacht. "Das ist eine selbsterfüllende Prophezeiung", betont Rainer Martens von Verdi. "Wenn immer mehr Filialen wegfallen, wird der Kunde quasi gezwungen, seine Bankgeschäfte am Computer oder Mobiltelefon zu erledigen." Und wenn eine wachsende Zahl an Menschen Onlinebanking macht, sich im Internet über Bank- und Versicherungsprodukte informiert und Verträge elektronisch abschließt, würden tatsächlich auch weniger Niederlassungen gebraucht. "Der Kunde kommt eigentlich nur noch, wenn er einen komplexen Beratungsbedarf hat", sagt der Gewerkschafter und Betriebsratschef einer Großbank in Bremen. Der Kunde übernehme zunehmend Aufgaben des Bankberaters. "Wir nennen ihn den mitarbeitenden Kunden", sagt Martens. Die Folge: Personalabbau. Nach Ansicht von Martens hätte das nicht sein müssen. "Die Finanz- und Versicherungsbranche hat lange den Trend zur Digitalisierung verschlafen", ist er überzeugt. Hätte sie frühzeitig eigene Leute qualifiziert und daran gesetzt, digitale Lösungen zu entwickeln, müssten die Produkte nicht extern eingekauft werden. "Die Jobs wären im Haus geblieben." Die Digitalisierung berge aber auch Vorteile für die Beschäftigten. "Sie sind weniger an ihren Arbeitsplatz gebunden", so Martens. Kollegen könnten auch familienfreundlich tageweise von zu Hause aus arbeiten.
Rainer Martens, Vorsitzender des Fachbereichs Finanzdienstleistungen Gewerkschaft Verdi im Bezirk Bremen-Nordniedersachsen

Dass auch in anderen Betrieben im Land Bremen Daten dazu genutzt werden, um die Leistungs- und Verhaltenskontrolle der Beschäftigten auszuweiten, zeigt eine Befragung im Auftrag der Arbeitnehmerkammer Bremen. Über 180 Personal- und  Betriebsräte verschiedenster Branchen, die insgesamt über 100.000 Beschäftigte repräsentieren, gaben Einblicke in die digitale Arbeitswelt ihrer Betriebe. "Selbst in den Unternehmen, in denen eine Datenerhebung nicht der Kontrolle dient, haben Beschäftigte das Gefühl, überwacht zu werden", sagt Autor Moritz Hanke. Dadurch fühlten sie sich einem allgemein gestiegenen Leistungsdruck ausgesetzt.
Über die Hälfte der Befragten gab an, dass die Digitalisierung in ihrem Betrieb zugenommen habe. Smartphones, Tablets, Laptops sind inzwischen Standard. In zwei Dritteln aller Betriebe würden IT-Systeme eingesetzt, die zumindest teilweise vorgeben, welche Arbeitsschritte als nächstes zu erledigen sind. Das betreffe auch Dienstleister, das Handwerk und den öffentlichen Dienst.

Statt zeichnen, Daten erheben und vernetzen
Man sieht sie manchmal auf der Straße mit ihrem Dreibein und einem Tachymeter drauf auf der Straße stehen: Vermessungsingenieure. Absolute Genauigkeit ist bei ihrer Arbeit gefragt, im Auftrag eines Architekten, Raumplaners oder für Katasterpläne. Die früher typischen rot-weißen Fluchtstangen und Maßbänder findet man vor Ort nicht mehr. "Heute nutzt man häufig Satellitendaten für die Vermessung von Gebäuden oder Grundstücken", sagt Michael Flathmann, Geoinformatiker. Die gesamte Branche der Geoinformation hat sich durch die Digitalisierung stark verändert. Neben den Vermessungsingenieuren und Vermessungstechniker sind neue Berufsfelder dazugekommen wie Geoinformatiker und Geomatiker. "Früher wurde Plan für Plan gezeichnet, heute werden Daten erhoben, verarbeitet, interpretiert und zusammengeführt", erklärt Flathmann. Und das geschieht so vielseitig, dass sich verschiedene Berufe die Aufgaben teilen. In Datenbanken werden Informationen miteinander vernetzt wie zum Beispiel: Wo liegen Vsorgungsleitungen? Wo sind noch Flächen, die bebaut werden können? "Geoinformatiker und Geomatiker haben noch mehr den Fokus auf der Interpretation der Daten als Vermessungsingenieure und - techniker", so Flathmann. Ohne Digitalisierung gäbe es den Beruf so gar nicht. "Die Geoinformation kommt aus der Nische heraus", sagt Flathmann. Räumliche Daten seien inzwischen für viele Bereiche interessant, etwa für Marketingzwecke oder für Verkehrsplaner. "Das ist ein Riesenfeld."
Michael Flathmann, Geoinformatiker bei Geoinformation Bremen

Hanke weist darauf hin, dass die neuen Technologien auch genutzt werden können, um Arbeitsbedingungen zu verbessern. So können fexible Arbeitszeiten oder die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, die Betreuung von Kindern erleichtern. Nicht selten führt solch eine Flexibilisierung allerdings zu mehr Arbeit und Stress. "Die Befragung zeigt deutlich, dass negative Folgen dort weniger stark ausgeprägt sind, wo Betriebs- oder Personalräte an der Gestaltung der Technik beteiligt sind", betont Hanke.

Computer gibt die Arbeit vor
"Früher war der Mensch der Taktgeber, heute ist es immer mehr der Computer", sagt Ralf Niemann, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender beim Stahlproduzenten ArcelorMittal Bremen. Das gelte sowohl für die Produktion als auch für die  Verwaltung. Ein Beispiel: Die Maschinen wurden bisher zwar nach Plan gewartet. "Man konnte davon aber abweichen und der Prozess ging trotzdem weiter", sagt Niemann. Der Computer diente als Hilfsmittel. Inzwischen werden die Arbeitsprozesse weiter standardisiert. Zunehmend bestimme deshalb das Softwaresystem einer Anlage, wann und in welcher Reihenfolge Aufgaben erledigt werden müssen. "Wenn der Beschäftigte dann versucht innovativ zu sein, stoppt der Prozess", so Niemann. Ähnlich sieht es im Büro aus. "Früher stand der Chef in der Tür und hat einem Mitarbeiter gesagt, worum er  ich  kümmern soll – und der konnte dann wiederum erklären, warum er erst einmal eine andere Aufgabe erledigen muss", so Niemann. In Zukunft könnten elektronische Taskplaner Aufgaben verwalten und vergeben, ohne dass ein Dialog möglich ist. "Noch ist das bei uns nicht so", sagt Niemann. Doch die Entwicklung gehe in die Richtung. "Das bereitet den Beschäftigten große Sorgen. Der individuelle Arbeitsprozess gehe verloren. Dadurch könne die Motivation und die Leistungsfähigkeit sinken. Menschen haben Ideen, wie sie ihre Arbeit angehen wollen“, betont der Betriebsrat. Haben sie keine Freiräume mehr zum Ausprobieren, können sie auch keine Verbesserungsprozesse in Gang setzen.
Ralf Niemann, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei ArcelorMittal Bremen

Text: Janet Binder
Fotos: Kathrin Doepner

Kommentar von Christian Nienstadt, Berater Mitbestimmung und Technologieberatung AKB_Icon_Comment2

Digitalisierung im Interesse der Beschäftigten gestalten!
"Im Rahmen der Digitalisierung werden neue Technologien über alle Branchen hinweg eingesetzt. Das verändert die Arbeit der Beschäftigten auf vielfältige Weise. Ob sich die Arbeitsbedingungen aber verschlechtern oder im Sinne „Guter Arbeit“ verbessern, hängt wesentlich davon ab, wie der Einsatz der neuen Technologien im Betrieb konkret gestaltet wird. ier haben Betriebs- und Personalräte starke Mitbestimmungsrechte. Um diese Rechte effektiv nutzen zu können, müssen Arbeitgeber die Interessenvertretungen über neue Technologien und ihre Einsatzmöglichkeiten informieren und sie frühzeitig an der Einführung beteiligen. Die Praxis zeigt: Auch wenn Arbeitgeber hierzu gesetzlich verpflichtet sind, müssen Betriebs- und Personalräte diese Beteiligung aktiv einfordern. Denn die Mitgestaltung der Digitalisierung bietet die Chance, negative Folgen zu vermeiden und die Arbeit stärker an den Interessen der Beschäftigten auszurichten."

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