Wohnen in Bremerhaven

Vom Problemquartier zum Hoffnungsprojekt

Bremerhaven gilt schon seit Langem als Stadt der niedrigen Mieten und hohen Leerstände. Doch nun wird gebaut, saniert – und die Mieten steigen. Ein Besuch in Lehe, einem Stadtteil im Wandel.

Text: Melanie Öhlenbach
Fotos: Kay Michalak

Schneeweiß leuchtet das Gebäude im Bremerhavener Winterschmuddelwetter. Durch die Sprossenfenster im Erdgeschoss fällt Licht. Junge Menschen sitzen mit Laptops an einem langen Tisch und arbeiten. Ein Kronleuchter baumelt von der hohen, stuckverzierten Decke, ein Sofa steht mitten im Raum. Alles wirkt recht edel – und sehr neu: Erst seit Juli 2018 gibt es das offene Gemeinschaftsbüro im sanierten Gründerzeithaus an der Goethestraße. Drei Etagen höher, unterm Dach, wohnt Kilian Haye. Drei Zimmer, Küche, Bad und einen großen Balkon teilt er sich mit einem Mitbewohner. Mehrfach verglaste Fenster, Holzboden, moderne Deckenheizung: alles frisch saniert. „Ein Traum“, sagt der 21-Jährige. „Die Wohnung ist Luxus pur.“

Als Student in der Seestadt leben

Kilian Haye studiert an der Hochschule Bremerhaven. Anders als so mancher Kommilitone hat er sich nicht dafür entschieden, in Bremen zu wohnen und jeden Tag zu pendeln. Das spart ihm nicht nur Zeit, sondern auch Geld: Etwa 700 Euro warm kostet die gut 75 Quadratmeter große Studentenbude, die Miete teilt er sich mit seinem Mitbewohner. Die pendelnden Studienkollegen zahlten etwa 500 Euro für ihr WG-Zimmer, schätzt er.

Dass er dafür nicht in angesagten stadtbremischen Quartieren wie dem Viertel oder der Neustadt wohnt, stört Kilian Haye nicht. „In einem der größten geschlossenen Gründerzeitviertel Deutschlands zu wohnen, ist ja auch etwas Besonderes“, sagt er nicht ohne Stolz. Dass dieses ausgerechnet im Bremerhavener Stadtteil Lehe liegt, der in den Medien immer wieder als Problemquartier beschrieben wird – das stört ihn nicht.

„Im Goethequartier versucht man sich in einem Balanceakt: das Quartier zu sanieren und die Mieten bezahlbar zu halten.“
Dominik Santner

Wobei: Es tut sich was in Lehe, insbesondere im Quartier rund um die Goethestraße. Einige Häuser sind frisch gestrichen. Es gibt Räume für Anwohnerinitiativen und Kreative, wie zum Beispiel das Goethe45, eine Mischung aus Galerie und Künstlerwohnhaus. „In den vergangenen Jahren haben sich Stadtverwaltung, Investoren und Wohnungsbaugesellschaften zusammengetan, um Quartiere wie Lehe aufzuwerten und attraktiven, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen“, sagt Dominik Santner, Referent für Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik der Arbeitnehmerkammer Bremen.

Der Wohnungsmarkt in Bremerhaven

Wohnraum an sich ist zwar nie ein Problem in Bremerhaven gewesen. Und auch die Preise lagen noch vor wenigen Jahren mit fünf Euro pro Quadratmeter zum Teil deutlich unter dem Niveau anderer westdeutscher Großstädte. Doch die geringe Nachfrage und die geringen Mieteinannahmen führten zu den Problemen, die man bis heute rund um die Goethestraße sehen kann: Häuser stehen leer, von den Wänden bröckelt der Putz. „Die Rendite aus der Vermietung von Wohnungen ist oft so gering, dass Eigentümer notwendige Investitionen in Instandhaltung und Modernisierung nicht leisten können oder wollen“, erklärt Santner.

Gleichzeitig entstehen am Neuen Hafen, auf dem Kistnergelände, im Warringsquartier und dem Werftquartier Neubauten mit Mieten von über zehn Euro pro Quadratmeter. Für viele Beschäftigte ist das nicht bezahlbar. Die Folge: Normalverdiener konkurrieren mit ärmeren Menschen um denselben Wohnraum. „Dass Vermieter im Zweifelsfall lieber an das Ehepaar mit einem doppelten, geregelten Einkommen vermieten als an eine Familie mit Hartz-IV-Bezug, dürfte keine Seltenheit sein“, meint Santner.

Kilian Haye: „Meine Wohnung ist Luxus pur.“

 

Mira Levinson: „Ich wünsche mir sehr, dass das Viertel durchmischt bleibt – mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern und sozialen Schichten.“

 

Im Goethequartier versucht man sich nun in einem Balanceakt: das Quartier zu sanieren und die Mieten bezahlbar zu halten. In anderen Städten hätte ein Quartier mit einem ähnlichen architektonischen Schatz längst eine Gentrifizierungswelle mit Luxussanierungen und entsprechenden Mietsteigerungen losgetreten, davon ist Santner überzeugt. „Gerade in Bremerhaven ist es aber wichtig, dass sich auch gering verdienende Arbeitnehmer modernen Wohnraum leisten können.“

Eine Akteurin, die diesen sanften Strukturwandel mit vorantreibt, ist die städtische Wohnungsbaugesellschaft Stäwog. Bei ihr wohnt Mira Levinson mit ihren Zwillingen, in einem Mehrgenerationenhaus. „Ein absoluter Glücksfall“, sagt die 42-Jährige. Seit dem Jahr 2005 leben in dem Projekt an der Goethestraße ältere Menschen, Familien und Alleinerziehende unter einem Dach. Die Stäwog sanierte in Absprache mit den Bewohnerinnen und Bewohnern das mehrstöckige Gebäude, baute einen Fahrstuhl an. Im Erdgeschoss haben sich Mieterinnen und Mieter eine Werkstatt, eine Gästewohnung mit Musikzimmer und eine Sauna eingerichtet.

Für ihre 75 Quadratmeter große Dreieinhalbzimmerwohnung zahlt Mira Levinson monatlich rund 600 Euro an die Stäwog. Eine Miete, die für sie in dieser Höhe in Ordnung ist. Doch durch ihre Arbeit als Migrationsberaterin weiß sie auch, dass sich nicht jeder das leisten kann. Sie fragt sich oft: Was passiert mit den Menschen, wenn Lehe gentrifiziert ist? Können wir alle hier wohnen bleiben? „Ich wünsche mir sehr, dass das Viertel durchmischt bleibt – mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern und sozialen Schichten“, sagte sie. 

„Die Entwicklung Bremerhavens steht und fällt auch damit, wie attraktiv die Stadt für Studierende und Berufsanfänger bleibt.“
Dominik Santner

Eine Frage, die auch die Arbeitnehmerkammer umtreibt. Wie sich die Wohnsituation im Goethequartier, aber auch im Rest der Seestadt entwickeln wird, hängt aber nicht nur von bezahlbaren, modernen Wohnungen ab. „Die Entwicklung Bremerhavens steht und fällt auch damit, wie attraktiv die Stadt für Studierende und Berufsanfänger bleibt“, meint Santner. „Um sie langfristig zu halten, brauchen sie nicht nur eine berufliche Perspektive, sondern auch urbane Viertel mit einem vielfältigen Angebot an Einzelhandel, Cafés und Freizeitangeboten.“ Die Aufwertung des Goethequartiers sei ein Schritt in die richtige Richtung. „Bremerhaven hat aber noch einen langen Weg vor sich.“  

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