Eine Frage der Generation

Wie junge Menschen die Arbeitswelt sehen

Millenials, Generation What, Me oder Y: Für die Generation, die in den 1980er- und 1990er-Jahren geboren wurden, gibt es viele Bezeichnungen. Doch was macht diese Jahrgänge aus – gerade mit Blick auf die Arbeitswelt?

Text: Melanie Öhlenbach - Fotos: Kay Michalak

Sie sind mit digitalen Medien aufgewachsen, gelten als selbstbewusst und mehrheitlich gut ausgebildet. In ihrem Beruf wollen sie aber nicht nur Geld verdienen und Karriere machen. Sie wollen eine Arbeit haben, die ihnen Spaß macht und ihnen Freiraum bietet. Für ihre Freizeit. Für Familie. Und nicht zuletzt sich selbst. So in etwa charakterisiert die Forschung vielfach die Generation Y – Menschen, die heute zwischen 20 und Mitte/ Ende 30 sind. Für Professor Andreas Klee vom Zentrum für Arbeit und Politik der Universität Bremen (zap) greift dieses Bild jedoch zu kurz: „Ein Teil dieser Generation ist ungemein zielorientiert: Sie hat ganz klar vor Augen, was sie erreichen will. Andererseits gibt es aber auch viele, die Gefahr laufen, abgehängt zu werden.“ Einen Grund hierfür sieht der zap-Direktor in der fortschreitenden Spaltung der Gesellschaft. „Sind die Startbedingungen ungleich schlechter, ist der Abstand oft nicht mehr aufzuholen.“

Die Generation Y habe daher einen großen Leistungsdruck, sagt Klee. „Junge Menschen haben heute oft das Gefühl, etwas zu verpassen und die Sorge, den Anschluss zu verlieren. Selbstverwirklichung ist für sie gleich Selbstoptimierung: Es gilt, den Lebensstandard der Eltern-Generation zu verbessern oder zumindest zu halten.“

„Junge Menschen wollen sich nicht mehr über einen langen Zeitraum festlegen, sondern flexibel und punktuell engagieren – so wie es zu ihrem Eigeninteresse und ihrem aktuellen Lebensstil passt.“
Andreas Klee

Diese Einstellung habe auch Folgen für das Zusammenleben und -arbeiten, für gesellschaftliche Strukturen wie Vereine, Parteien und den Sozialstaat an sich, meint Klee: „Das langfristige Gemeinschaftsgefühl verliert durch die zunehmende Neoliberalisierung und Individualisierung an Bedeutung“, so der zap-Direktor. „Junge Menschen wollen sich nicht mehr über einen langen Zeitraum festlegen, sondern flexibel und punktuell engagieren – so wie es zu ihrem Eigeninteresse und ihrem aktuellen Lebensstil passt.“ 

Wie die junge Generation tickt, zeigt unter anderem „Generation What“ – eine europaweite Onlineumfrage, an der sich nach eigenen Angaben mehr als eine Million Menschen zwischen 18 und 34 Jahren aus ganz Europa beteiligten. Die Initiatoren – unter anderem der Bayerische Rundfunk, das ZDF und der Südwestrundfunk (SWR) – wollten wissen, was diese Generation über Arbeit und Bildung, aber auch über die Gesellschaft, Europa, die Familie und Sex denkt. Wie es um ihr Vertrauen in die Institutionen bestellt ist. Und wie ihr Blick in die Zukunft ist.

Fokko Mehrens

„Ich möchte mir jetzt einen Arbeitgeber aussuchen, der mich am Besten voranbringt.“ 

 

Franziska Quillfeldt

„Das Verhältnis von Arbeit, Qualifikation und Entgelt muss stimmen.“ 

 

Fokko Mehrens, 25, Masterabsolvent Maschinenbau

Seinen Uni-Abschluss hat er im Dezember gemacht. Jetzt geht Fokko Mehrens auf Jobsuche. Und das recht optimistisch. Denn mit seinem Master in Maschinenbau hat er derzeit gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Überall werden Arbeitskräfte mit seinen Kenntnissen gesucht, potenzielle Arbeitsfelder erstrecken sich von Luftfahrt und Windkraft bis hin zu Förderanlagen und Landmaschinen.

Der 25-Jährige hat die Qual der Wahl. Denn in welcher Branche sein Arbeitsleben beginnt, ist für ihn grundsätzlich erst einmal zweitrangig. „Ob Förderband oder Windkraftanlage: Die Methoden, solche Konstruktionen zu entwickeln, sind gleich“, sagt er. Und genau das methodische Arbeiten ist es, worin Fokko Mehrens seine Stärke sieht: „Ich bin ein logischer Denker“, sagt er, „ein Problemlöser. Ich will die bestmögliche Lösung für eine Aufgabe finden.“

Sechs Jahre lang hat sich der gebürtige Oldenburger fast ausschließlich seinem Studium gewidmet. Nun freut er sich auf das Arbeitsleben. Denn neben einer angemessenen Bezahlung, Weiterbildungsmöglichkeiten und einem Team, in dem er produktiv arbeiten kann, wünscht er sich auch ein gewisses Maß an Work-Life-Balance – zumindest langfristig. „Ich habe kein Problem damit, mich jetzt erst einmal reinzuhängen und viel zu arbeiten. Aber Zeit für Hobbys und Familie, die sollte auch sein.“ Sein großer Wunsch: Wieder mit dem Handball anfangen – sei es als Spieler oder als Trainer. Den Sport hatte er zugunsten der Uni weitestgehend aufgegeben. „Und auch mal wieder richtig Urlaub machen – das wäre super.“

Grundsätzlich blickt Fokko Mehrens zuversichtlich in die Zukunft – auch dank seiner Berufswahl. „Ich möchte mir jetzt einen Arbeitgeber aussuchen, der mich am besten voranbringt.“ Allein um das Thema Rente macht sich der 25-Jährige ein wenig Sorgen. „Während des Studiums hatte ich kein Geld, das ich zur Seite legen konnte. Aber ich weiß, dass es nun so langsam an der Zeit wäre, für das Alter vorzusorgen.“

Franziska Quillfeldt, 25, gelernte Industriekauffrau, Personalsachbearbeiterin

Schule, Ausbildung, Studium neben dem Vollzeitjob: Franziska Quillfeldt weiß, was sie will. Derzeit arbeitet die 25-Jährige in der Personalabteilung der Bremer Straßenbahn AG. Dort kümmert sie sich darum, dass Abrechnungen stimmen, Arbeitszeiten korrekt erfasst, Zulagen und Zuschüsse ausgezahlt werden. Eine Arbeit, die der Bremerin Spaß macht – auch weil sie dadurch viel Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen hat. „Ich hätte keine Lust, meine Zeit einfach nur so abzusitzen. Ich will jeden Tag auch einmal im Büro gelacht haben.“

Trotz Freude an der Arbeit, ein gewisser Lebensstandard ist ihr wichtig – ein eigenes Auto und eine eigene Wohnung beispielsweise. „Ich möchte mir auch etwas leisten können“, sagt sie und betont: „Das Verhältnis von Arbeit, Qualifikation und Entgelt muss stimmen.“ Im Moment ist sie mit ihrer Arbeit komplett zufrieden. Und was die Zukunft bringt? „Das wird sich zeigen“, sagt Franziska Quillfeldt. Eins steht dabei aber für sie fest: „Auf Kosten meines Privatlebens möchte ich nicht Karriere machen.“

Dass sie trotzdem für Mai den Bachelor in Business Administration anstrebt, hat einen anderen Grund. „Ich wollte nach meiner Ausbildung im Unternehmen bleiben und die Wartezeit auf eine Stelle sinnvoll überbrücken“, erklärt die gelernte Industriekauffrau, die auch ein Fahrpatent hat. Mit Straßenbahnfahren finanzierte sie sich das Studium, bevor sie 2017 in die Verwaltung wechselte.

Dass ihr durch die Doppelbelastung gerade nicht viel Zeit für Sport und Freunde bleibt, bedauert sie. „Work-­LifeBalance ist mir eigentlich sehr wichtig. Im Moment liegt mein Fokus aber voll auf der Bachelorarbeit.“ Die schreibt Franziska Quillfeldt über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Keine hohe Priorität hat hingegen im Moment die Altersvorsorge. „Ich weiß aber, dass ich mich darum kümmern sollte. Man kann sich nicht allein auf den Staat verlassen, dass die Rente am Ende des Arbeitslebens reicht.“  

Maja Zastrau

„Ich will nicht 60 Stunden pro Woche schuften und dann davon nicht leben können.“

 

Nic Adrian

„Ich finde es sehr wichtig, dass man Zeit für ein Privatleben hat."

 

Maja Zastrau, 28, Master-Studentin Medienkultur

Noch ein Semester – dann hat Maja Zastrau ihren Master in Medienkultur in der Tasche. „Dann beginnt der Ernst des Lebens“, sagt die 28-Jährige mit einem Lachen. Wobei - so ganz stimmt das nicht: Die Bremerin kann schon auf einige Arbeitserfahrung zurückblicken. Sie stand am Band, jobbte in Supermärkten, in Werbeagenturen und in der Verwaltung. Derzeit ist sie für 20 Stunden pro Woche im Bremer Institut für Produktion und Logistik BIBA angestellt. Für das Projekt Unified Predictive Maintenance UPTIME macht sie die Pressearbeit, betreut Website und Social-Media-Kanäle. Und das nicht nur, um ihr Studium zu finanzieren. „Hier lerne ich alles, was ich für meine Arbeit später brauche und an der Uni nicht lernen kann“, sagt sie.

Einfach nur Geld verdienen, das ist aber nicht ihr Ding. „Ich habe mal Probe-Vorlesungen in Jura besucht, aber schnell gemerkt: Das ist nichts für mich“, sagt die 28-Jährige. Viel wichtiger sei es, dass die Arbeit sie erfülle und sie ihr musisch-kreatives Talent einsetzen könne. Privat spielt sie Klavier, Bratsche und Geige – auch in diversen Laien-Orchestern. Berufsmusikerin zu werden, kam für sie dennoch nicht in Frage. Und auch gegen den Journalismus - ihr Bachelor-Studium – hat sie sich entschieden. Zu unsicher seien die Aussichten, meint sie. „Ich brauche feste Arbeitszeiten und die Gewissheit, auch mal krank sein zu dürfen.“

Nach der Uni will Maja Zastrau erst einmal Vollzeit arbeiten. Groß Karriere machen will sie dabei nicht unbedingt. Aber auf jeden Fall angemessen bezahlt werden: „Ich will nicht 60 Stunden pro Woche schuften und dann davon nicht leben können“, betont Maja Zastrau. Und schon gar nicht mit Nachwuchs. Die Vereinbarkeit von Job und Familie ist für die 28-Jährige ein Muss. Mit Kind würde sie auf eine halbe Stelle reduzieren – wenn der Nachwuchs das mitmacht.

Und die Rente? Die werde es später in dieser Form nicht mehr geben, glaubt sie. „Das System funktioniert nicht mehr. Wir brauchen was Neues, so was wie ein bedingungsloses Grundeinkommen.“

Nic Adrian, 21, Friedhofsgärtner

Schon als Kind war sich Nic Adrian sicher: „Ich möchte einmal das werden, was Papa macht.“ Inzwischen hat der 21-Jährige seine Ausbildung als Friedhofsgärtner abgeschlossen und arbeitet derzeit als Angestellter im väterlichen Betrieb. Den wird Nic Adrian wohl auch einmal übernehmen. Doch zunächst einmal will er Arbeitserfahrung sammeln und den Meister machen. „Ich habe da aber keinen Druck. Mein Vater ist mit 47 Jahren noch jung und ich kann langsam in alles reinwachsen.“

Die Zukunft des Betriebes hat er dennoch schon im Blick. Fachkräfte seien rar, sagt er. „Friedhofsgärtner ist für viele kein attraktiver Beruf.“ Er selbst kann sich keinen anderen vorstellen – gerade an warmen, sonnigen Tagen, wenn er unter freiem Himmel ein Grab kreativ gestalten kann. Die kühlen Tage, die er mit Unkrautzupfen im Nieselregen verbringt, nimmt er dafür in Kauf: „Es gibt wohl keinen Job, in dem man zu 100 Prozent zufrieden ist.“

Geld verdienen - das gehört für Nic Adrian zur Arbeit dazu. Aber es ist auch nicht alles: „Ich brauche keine Millionen um glücklich zu sein. Im Vergleich zu anderen Ländern geht es uns hier doch echt gut.“ Einen gewissen Lebensstandard möchte sich der Friedhofsgärtner dennoch leisten können. „Ein Auto und ein Haus wäre nicht schlecht – überhaupt bezahlbarer Wohnraum.“

Wichtiger als Reichtum ist ihm freie Zeit, sei es für seine Freunde oder seine beiden Bands, mit denen er mehrmals die Woche probt. Oder auch für eine Familie. „Ich finde es sehr wichtig, dass man Zeit für ein Privatleben hat. Gerade in einer Beziehung macht es doch keinen Sinn, wenn man immer nur arbeitet und sich nur morgens und abends kurz sieht.“

Und auch für seine Altersvorsorge hat der 21-Jährige schon einige konkrete Ideen, unter anderem eine Wohnung kaufen – für sich oder zum Vermieten. Bislang konnte er dafür aber noch nichts zurücklegen. Denn auch wenn ihm dieses Thema wichtig ist: „Ich möchte auch jetzt ein schönes Leben haben“, sagt er, „nicht erst, wenn ich alt bin.“

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