Editorial von Peter Kruse

Vorwort des Präsidenten der Arbeitnehmerkammer

Tarifflucht auffhalten

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie sieht es in Ihrem Betrieb aus – sind Schichtzuschläge, Urlaubsgeld und Arbeitszeiten nach Tarif geregelt? Und wird auch nach Tarif bezahlt? Die Wahrscheinlichkeit, dass das so ist, wird immer geringer. Inzwischen sind im Land Bremen nur noch 20 Prozent der Betriebe tarifgebunden. Das wiederum bedeutet, dass 46 Prozent der Beschäftigten ohne tarifliche Regelungen arbeiten. Vor gut zehn Jahren waren es lediglich 33 Prozent. 

Was das zur Folge hat, bekommen wir in unserer Rechtsberatung deutlich zu spüren: Die Menschen sind verunsichert über die geltenden Regelungen im Betrieb, müssen Arbeitsverträge selbst aushandeln. Das Ergebnis: Häufig gibt es Streit und Auseinandersetzungen. Zwar freut es uns, wenn wir die Kolleginnen und Kollegen bei uns dann beraten können – mit rund 47.100 Arbeitsrechtsberatungen haben wir das 2018 so häufig getan wie nie zuvor. Gleichzeitig beobachten wir mit großer Sorge, was die Folgen der wachsenden Tarifflucht von Unternehmen für unsere Mitglieder bedeuten: schlechte Bezahlung, Nichteinhalten von Schichtplänen, unbezahlte Überstunden – um nur ein paar Beispiele zu nennen. 

Ein besonders drastisches Beispiel bietet derzeit die Supermarktkette Real, über die wir in der vorliegenden Ausgabe berichten. Warum Tarifflucht gerade für die meist weiblichen Beschäftigten im Einzelhandel fatale Folgen hat, machen Zahlen deutlich: In nicht tarifgebundenen Betrieben verdienen Beschäftigte bis zu 30 Prozent weniger. In einer Branche wie dem Einzelhandel, mit ohnehin niedrigen Löhnen und oft nur Teilzeitstellen, heißt das für viele Frauen: Trotz Arbeit lässt sich der Lebensunterhalt nicht bestreiten. 

Solange sich die Unternehmen weiterhin aus der Tarifbindung verabschieden, muss Politik die gesetzlichen Rahmen verändern: Es muss leichter werden, Tarifverträge für allgemeinverbindlich zu erklären, damit sie für alle Beschäftigten in dieser Branche gelten. Es darf nicht sein, dass sich eine Branche wie der Einzelhandel zu einer Niedriglohnbranche entwickelt. 

Ihr Peter Kruse

Kontakt: bam@arbeitnehmerkammer.de

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