Unterschätzte Branche

Die Gesundheitswirtschaft in Bremen

Die Gesundheitswirtschaft in Bremen

Wer an die bedeutendsten Wirtschaftszweige im Land Bremen denkt, dem fallen die Häfen, der Automobilsektor oder die Luft- und Raumfahrtbranche ein. Doch eine Studie zeigt: Die Unternehmen der Gesundheitswirtschaft prägen den Arbeitsmarkt zum Teil wesentlich stärker. Bekommen sie auch die entsprechende Unterstützung aus der Politik?

Text: Janet Binder – Fotos: Stefan Schmidbauer

Bremen gilt als Autostadt: Im Mercedes-Benz-Werk werden seit 40 Jahren Fahrzeuge produziert. Es ist der größte private Arbeitgeber in der Region, insgesamt arbeiten in der Automobilbranche in Bremen 17.000 Beschäftigte. In der öffentlichen Wahrnehmung gelten auch die Luft- und Raumfahrt oder die Häfen als Beschäftigungsmotoren im kleinsten Bundesland. Dabei wird regelmäßig eine wichtige Branche übersehen: die Gesundheitswirtschaft.

61.000 Menschen und damit über 15 Prozent der Erwerbstätigen stehen laut einer von der Arbeitnehmerkammer Bremen in Auftrag gegebenen neuen Studie im Zwei-Städte-Staat im Dienst der Gesundheit. Das sind 2,6 Prozent mehr als neun Jahre zuvor. Mit über 49.000 ist ein Großteil der Erwerbstätigen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, die meisten sind Frauen. Dazu kommen über 8.600 geringfügig Beschäftigte und mehr als 3.200 Selbstständige. Nach Hamburg ist Bremen gemessen an der  Bevölkerungszahl das Bundesland, das am zweitstärksten durch Beschäftigung in der Gesundheitswirtschaft geprägt ist.

Zur Branche gehören auch Fitnessstudios und Versicherungen

„Damit hat die Gesundheitswirtschaft eine herausragende Bedeutung für den regionalen Arbeitsmarkt“, betont Ingo Schierenbeck, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Bremen. Das Potenzial sei längst nicht ausgeschöpft. Die Gesundheitswirtschaft wächst laut der Studie des Instituts Arbeit und Technik (IAT) im Auftrag der Arbeitnehmerkammer Bremen deutlich stärker als andere Branchen, wenn auch etwas langsamer als in anderen Bundesländern. Zum Gesundheitssektor zählen nicht nur Akteure in der stationären und ambulanten Versorgung und Pflege, sondern genauso Versicherungen, Hebammen, Heilpraktiker oder Schönheitsfarmen und Fitnessstudios. Doch auch wenn nur der Kernbereich ins Visier genommen wird – also Kliniken, Pflegedienste, Apotheken, Arztpraxen oder Reha-Einrichtungen –, geht die Studie immer noch von über 42.500 sozialversicherten Beschäftigten aus.

Die Gesundheitswirtschaft wächst in Bremen deutlich stärker als andere Branchen

„Bremen braucht einen Brückenbauer, der Partner zusammenbringt“

Eine enorme Zahl – die von der Politik nicht gewürdigt wird, findet Ingo Schierenbeck: „Die Gesundheitswirtschaft muss in den Fokus der Wirtschaftspolitik rücken. Sie ist eine Branche mit Zukunfts- und Wachstumspotenzial.“ Das sieht auch der Mitautor der Studie und geschäftsführende IAT-Direktor, Josef Hilbert, so: „Die Branche ist derart groß und vital, dass es vernünftig wäre, Innovationen in dem Bereich voranzutreiben.“ Der Gesundheitssektor macht bei der Bruttowertschöpfung immerhin einen Anteil  von zehn Prozent der Bremer Gesamtwirtschaft aus. „Er ist damit einer der großen wirtschaftlichen Aktivposten“, unterstreicht Hilbert.

Doch während Bereiche wie Automotive oder Luft- und Raumfahrt bei der Wirtschaftsförderung eine ‚Kümmerer-Instanz‘ haben, fehlt diese in der Gesundheitswirtschaft. Sie sei aber dringend notwendig, betont Professor Hilbert: „Die Akteure im Gesundheitswesen sind geübt in der Versorgungsleistung, nicht aber darin, miteinander Kooperationen einzugehen.“ Das müssten externe Brückenbauer übernehmen, die sich in der Branche bestens auskennen. 

Bremens Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD) ist da allerdings skeptisch. Start-ups und Unternehmen in der Gesundheitsbranche könnten schließlich von den allgemeinen Fördermaßnahmen profitieren, sagte er auf einer Veranstaltung der Arbeitnehmerkammer Bremen im April. Das sieht Professor Hilbert anders: „Fast alle aussichtsreichen Innovationsbaustellen im Gesundheitsbereich brauchen Kooperation. Und die kann nur von Menschen mit Branchenkenntnissen angestoßen werden.“ Er verweist darauf, dass zum Beispiel in Essen – eine Stadt mit so vielen Einwohnern wie Bremen – eine solche Stelle erfolgreich in der Wirtschaftsförderung eingerichtet wurde.

 

Potenzial ist vorhanden – es muss nur genutzt werden

Potenzial in der Gesundheitswirtschaft sieht Hilbert in Bremen reichlich. So könnte seiner Ansicht nach die Hansestadt ein Nutzungszentrum für kleine Elektroautos im Bereich der ambulanten Pflege werden.  „Vielleicht entstehen ja sogar Hersteller, die diese Autos ganz nach den Bedürfnissen der Pflegedienste bauen.“ Eine ähnliche Entwicklung hat es in Aachen gegeben, wo Uni-Professoren mit Unterstützung der Landesregierung den Prototyp eines günstigen Elektroautos bauen lassen, den „Streetscooter“.  

Was Kooperationen bewirken können, zeigt ein Beispiel aus der ambulanten Altenhilfe: Vier Partner aus dem Bereich der Wohlfahrtspflege, darunter die Bremer Heimstiftung, schlossen sich zum Netzwerk „Song“ zusammen, um sich den Herausforderungen des demografischen Wandels zu stellen. Der Name steht für „Soziales neu gestalten“. Die Modelle, die entwickelt wurden – wie das „Haus im Viertel“ – sind bundesweit wegweisend. Sie bieten den Bewohnern normale, barrierefreie Wohnungen in Anlagen, die mitten im Stadtteil sind und viele Begegnungsmöglichkeiten bieten. Bei Hilfebedarf werden individuelle Unterstützungsnetzwerke aus Angehörigen, Nachbarn, Ehrenamtlichen und Dienstleistern geknüpft. 

"Die Gesundheitswirtschaft muss in den Fokus der Wirtschaftspolitik rücken." - Ingo Schierenbeck

Solche Modelle könnten entscheidend auch von digitalen Assistenzsystemen wie intelligenten Rollatoren und Rollstühlen „Made in Bremen“ profitieren, betont Hilbert. „Hightech ist ein starker Baustein der Bremer Gesundheitswirtschaft.“ So wird an der Uni und am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz an mobilen Robotersystemen geforscht, die langfristig in der Pflege eingesetzt werden könnten. Die Serviceroboter könnten Pflegekräfte entlasten, indem sie beim Heben von Patienten helfen oder Transportaufgaben übernehmen. So bliebe den Pflegekräften mehr Zeit für die eigentliche Versorgung. „Dafür muss man aber Forschung in Praxis übersetzen“, betont die Geschäftsführerin der  rbeitnehmerkammer Bremen, Elke Heyduck. 

Dasselbe gelte für Systeme des „Ambient Assisted Living“, was so viel wie „Alltagstaugliche Assistenzlösungen für ein selbstbestimmtes Leben“ bedeutet. Wohnungen werden so ausgestattet, dass es alten Menschen dank technischer Unterstützung möglich ist, länger in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Auch dazu wird in Bremen intensiv geforscht. „Wir sind in vielen Bereichen Vorreiter bei der Forschung. Wenn wir diese Innovationen praktisch anwenden, können wir unter Umständen bundesweit eine Vorreiterrolle bei der Versorgung alter Menschen mithilfe neuer Technik werden“, meint Elke Heyduck. Das  schaffe nicht zuletzt Arbeit. Auch Josef Hilbert ist der Auffassung, dass Bremen sich schon durch  wegweisende Aktivitäten beim Ausbau der ambulanten Altenhilfe hervorgetan hat. Jetzt gelte es, diese Angebote mit digitaler Technik zu unterstützen. „In all den Bereichen hat Bremen stark angefangen und ist  gut dabei, muss aber durchstarten, um nicht überholt zu werden“, betont der Experte.  

Der Einsatz von Technik sei außerdem ein wichtiger Baustein, um die Qualität der Pflege- und Gesundheitsarbeit zu verbessern, unterstreicht Elke Heyduck. Angesichts des Fachkräftemangels scheint das auch notwendig zu sein: In der Altenpflege arbeitet nur rund ein Drittel der Beschäftigten in Vollzeit.

Bremen liegt damit laut IAT-Studie sogar deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ist der Beruf in Vollzeit schlicht zu anstrengend. Technische Unterstützung, die die körperlich schwere Arbeit erleichtert und mehr Zeit fürs Kümmern lässt, könnte die Menschen jedoch in die Lage versetzen, ehr Vollzeit zu arbeiten. Auch der oft beobachtete Wechsel in einen anderen Beruf könnte möglicherweise eingedämmt werden. 

Gesundheitswirtschaft ist auch Außenwirtschaftsfaktor

In der Politik wird die Gesundheitswirtschaft nach wie vor als Nischenbranche wahrgenommen, die wirtschaftliche Bedeutung unterschätzt, kritisiert Hilbert. Kommunale Krankenhäuser würden vor allem als großer Kostenfaktor angesehen. Tatsächlich sind sie aber auch bedeutende Arbeitgeber: In den 14 Kliniken im Land Bremen sind 16.000 Menschen beschäftigt. Eine Studie zeigte zudem schon vor Jahren, dass auch der wirtschaftliche Nettoeffekt etwa durch Geld ausgebende Klinikbesucher positiv ist. 

„Die Branche ist derart groß und vital, dass es vernünftig wäre, Innovationen in dem Bereich voranzutreiben.“ - Josef Hilbert

„Es gibt immer noch Menschen, die sich am Begriff ‚Gesundheitswirtschaft‘ stören“, sagt Professor Josef Hilbert. Die einen meinten, Gesundheit dürfe nicht mit wirtschaftlichem Denken in Zusammenhang gebracht werden, die anderen seien sich sicher, dass Gesundheit niemals ein Aktivposten für die Wirtschaft sein könne. „Dabei ist die Gesundheitswirtschaft auch ein Außenwirtschaftsfaktor für Bremen“, betont Hilbert. Ende Mai veröffentlichte das Bundeswirtschaftsministerium Zahlen, wo - nach Bremen in der Gesundheitswirtschaft zwischen 2007 und 2016 Exporte im Wert von 0,6 Milliarden Euro umsetzte – Tendenz steigend. 

Darüber hinaus gilt: Nirgendwo sonst gibt es nach Überzeugung Hilberts so vitalen Mittelstand. So wurden in den medizinischtechnischen Berufsfeldern Hörgeräteakustik, Reha- und Orthopädietechnik sowie Augenoptik zwischen 2013 und 2016 durchweg Zuwächse in der Beschäftigung verzeichnet. „Die Politik sollte die Chancen nicht verpassen, die sich in dem Bereich auftun“, mahnt er.

Kommentar von Elke Heyduck, Leiterin Politikberatung und Geschäftsführerin AKB_Icon_Comment2

Keine Fachkräfte - kein Business

Die Gesundheitswirtschaft boomt – doch dank des Fachkräftemangels wird dieses Wachstum schon heute ausgebremst. Wie in keiner anderen Branche gilt hier: keine Fachkräfte – kein Business. Ob Ärztinnen und Ärzte, die Hebamme im Kreißsaal, die medizinische Fachkraft in der Praxis oder Pflegekräfte in Krankenhäusern und Pflege – sie fehlen, der Arbeitsmarkt ist leer.

Die Folgen sind: Flucht in Teilzeit oder in andere Branchen, vorzeitiges Ausscheiden aus dem Beruf – wenn die Politik über eine bessere finanzielle Ausstattung nicht endlich für bessere Arbeitsbedingungen bei diesen (Frauen-)Berufen sorgt, bremsen wir nicht nur das Business aus.

Denn wie die zahlreichen Bremer Debatten um fehlende Arzttermine, Servicestellen, Kurzzeitpflegeplätze zeigen, ist Gesundheit eben mehr als ein Business. Sie ist ein hohes privates und öffentliches Gut und wichtiger Teil der Daseinsvorsorge. Fatal, wenn der Faktor Arbeit hier nur als Kostenfaktor gesehen wird!

 

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