Warum viele krank zur Arbeit gehen

Die Mehrheit der Beschäftigten geht arbeiten, obwohl sie sich krank fühlt. Vor allem zwei Branchen sind im Land Bremen auffällig.

Text: Melanie Öhlenbach - Foto: Kay Michalak

An manchen Tagen möchte man am liebsten einfach nur im Bett bleiben. Die Nacht über hat man kaum geschlafen, der Kopf fühlt sich an wie in Watte gepackt. Es kratzt im Hals, die Nase ist dicht. Fieber? Nicht wirklich – zum Glück. Denn das Gedankenkarussell rast: War heute nicht das Meeting mit dem neuen Kunden? Was wird mit dem Auftrag, der diese Woche noch raus muss? Wer kann meine Schicht übernehmen – es fehlen doch schon zwei aus unserem Team?  

Also raus aus den Federn und ran an den Medizinschrank. Ausgestattet mit Kopfschmerztabletten, Taschentüchern, Tee und Lutschpastillen geht es dann an den Arbeitsplatz. Ausnahmsweise.  

Ausnahmsweise? Bei einer aktuellen Umfrage auf der Facebook-Seite der Arbeitnehmerkammer gab die Mehrheit der 190 Teilnehmer an, krank zur Arbeit zu gehen. „Ich kann meine Kollegen nicht hängen lassen“, meinen 64 Prozent. Lediglich 36 Prozent würden sich erst mal auskurieren.   

Ein Stimmungsbild, das sich auch mit Ergebnissen von Studien deckt. Laut einer repräsentativen Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) aus dem Jahr 2017 gehen mehr als 67 Prozent der  Beschäftigten krank zur Arbeit. Jeder zweite arbeitet trotz Krankheit eine Woche oder mehr pro Jahr. In Bremen und Bremerhaven sieht es ähnlich aus, wie die aktuelle Beschäftigtenbefragung der Arbeitnehmerkammer zeigt: Drei Viertel aller Beschäftigten gehen demnach zur Arbeit, obwohl sie sich eigentlich krank fühlen. Im Durchschnitt sind es mehr als elf Tage innerhalb eines Jahres.

"75 Prozent aller beschäftigten im Land Bremen gehen zur Arbeit, obwohl sie sich eigentlich krank fühlen."
Beschäftigtenbefragung 2017 der Arbeitnehmerkammer

Krank zur Arbeit zu gehen, obwohl auch eine Krankmeldung möglich wäre – dafür gibt es einen Fachbegriff: Präsentismus. Er lässt sich mit übertriebener Anwesenheit übersetzen. Die Initiative  Gesundheit und Arbeit (iga) geht davon aus, dass Präsentismus „mehr Regel als Ausnahme“ ist – auch weil immer mehr Menschen an chronischen Krankheiten wie Diabetes, Herz-KreislaufErkrankungen oder  Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems leiden. Allerdings dürfe Präsentismus nicht mit motivierten Beschäftigten verwechselt werden, die „trotz vorübergehendem Unwohlsein, leichter Erkältung oder auch mäßigen Kopfschmerzen am Arbeitsplatz erscheinen und ihre Tätigkeit fortsetzen“. 

Problematischer sei es vielmehr, wenn Arbeitnehmer „häufig gegen den ausdrücklichen ärztlichen Rat krank  zur Arbeit gehen“, so die iga weiter. „Hier bestätigen mehrere Studien, dass ein solches Verhalten auf Dauer die Gesundheit schädigt und unter Umständen auch zur Chronifizierung von Krankheiten führen kann. Wenn Beschäftigte zudem mit Infektionskrankheiten am Arbeitsplatz er­scheinen, besteht darüber  hinaus das Risiko, dass weitere Beschäftigte erkranken.“

 

Im Land Bremen ist Präsentismus in den Branchen Einzelhandel, Gastgewerbe sowie Lagerei und Verkehr überdurchschnittlich verbreitet. Spitzenreiter sind mit Abstand die Pflege und das Baugewerbe. Hier gehen Beschäftigte durchschnittlich mit 17,5 Tagen beziehungsweise 22,5 Tagen krank zur Arbeit.

Edelgard Kleinekemper, Vorsitzende der Mitarbeitervertretung des DIAKO Bremen, und Petra Patschiska, Betriebsratsvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt in Bremerhaven, können sich viele Gründe vorstellen, warum Beschäftigte in der Pflege trotz Erkältung, Rückenproblemen oder Überlastung arbeiten gehen. Loyalität gegenüber den Kollegen gehört ebenso dazu wie die Sorge um den Arbeitsplatz: „Viele haben Angst vor Gesprächen mit Vorgesetzten, wenn sie häufig krank sind“, meint Edelgard Kleinekemper. Gerade bei Befristungen sei die Sorge groß, weiß Petra Patschiska. „Etliche Mitarbeiter kommen krank zum Dienst, weil  sie Angst haben, dass ihr Arbeitsvertrag nicht verlängert oder entfristet wird.“

Dass im Baugewerbe viele Beschäftigte krank zur Arbeit gehen, erklärt Olaf Damerow von der IG BAU mit dem hohen Druck auf den Baustellen und der Loyalität gegenüber den Arbeitgebern – gerade in kleinen  Betrieben mit bis zu sechs Beschäftigten. Dazu kommt seiner Ansicht nach die Be­lastung durch chronische Erkrankungen. „Wenn jemand Muskelschmerzen oder leichte Rückenschmerzen hat, bleibt er deshalb nicht zu Hause. Die Leute wissen, dass es davon nicht besser wird.“ Bis ein Bauarbeiter nach Hause gehe, müsse schon einiges passieren, so der Beauftragte für Arbeitsund Gesundheitsschutz. „Das Klischee, man müsse härter sein, weil man auf dem Bau arbeitet, bestätigt sich leider immer wieder.“

In der Pflicht sehen die Beschäftigtenvertretungen beider Branchen die Arbeitgeber: Petra Patschiska fordert für die Pflege unbefristete Verträge, mehr Personal und eine Änderung des Pflegeschlüssels. Olaf Damerow von der IG BAU fordert mehr Einsatz von Maschinen und die Einhaltung von Arbeitszeiten. „Im Sommer werden auf Baustellen jede Menge Überstunden gemacht. Da fehlen dem Körper die Ruhezeiten.“

Sicherlich: Man muss nicht gleich beim kleinsten Schnupfen zu Hause bleiben. Und auch eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vom Arzt sei kein Arbeitsverbot, betont Ingo Kleinhenz, Rechtsberater in der Arbeitnehmerkammer. Allerdings sollten sich Beschäftigte bestimmter Berufsgruppen genau überlegen, ob sie wirklich arbeiten gehen wollen: „Nimmt ein Gabelstaplerfahrer ein Medikament ein, das das Reaktionsvermögen negativ beeinflusst, und verursacht dadurch einen Schaden, kann ihm dies als grobe Fahrlässigkeit ausgelegt werden – was dazu führen kann, dass er für den Schaden in vollem Umfang haften muss.“

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