Von der Komfort- in die Lernzone

Weiterbildung im Netz: Wie Corona der Digitalisierung auf die Sprünge hilft

Weiterbildung im Netz: Wie Corona der Digitalisierung auf die Sprünge hilft.

„Ich hatte keine Ahnung von der Technik“, gesteht Martin Schmidt. Seit 20 Jahren hält der Trainer und Dozent Seminare – immer in Präsenz, von Angesicht zu Angesicht. Die CoronaKrise hat ihn und viele andere Lehrende in Bremen jedoch zum schnellen Umdenken gezwungen. Eigentlich wollten er und sein Kollege Hicham Boutouil zwei Tage lang eine Gruppe von Teilnehmerinnen und Teilnehmern zum Thema „Grundlagen des Managements von Diversität“ im Projekt „IKÖ“ (interkulturelle Öffnung der bremischen Verwaltung) in der Wirtschaftsund Sozialakademie (wisoak) schulen. Am Ende verlegten die beiden Dozenten ihr Seminar ins Internet.

Und damit waren sie nicht alleine. Die Corona-Pandemie war für die wisoak eine Katastrophe. Der Träger musste die Bildungsstätte in Bad Zwischenahn schließen. Teilnehmer durften das Haus nicht mehr betreten. Und zugleich hatte die wisoak eine Verpflichtung gegenüber der Agentur für Arbeit und den laufenden Aus- und Fortbildungen, das Angebot nicht komplett einzustellen. Rund 80 Prozent der
Angebote in der beruflichen Bildung wechselten deshalb relativ plötzlich in den virtuellen Raum.

„Das war eine echte Herausforderung. Denn es geht dabei nicht nur um kognitive Wissensvermittlung“,
sagt Schmidt. Vielmehr sollten sich die Teilnehmenden einbringen, so wie in einem Präsenz-Workshop – und das über zwei Tage à sieben Stunden. Das Unterfangen gelang dank Team-Work und externer Hilfe.

Unterstützung von Profis

„Wir haben gemeinsam ein Konzept entwickelt und uns überlegt, wie wir das auch technisch schaffen“,
berichtet Asmus Nitschke, der in der wisoak für die politische Bildung und das IKÖ-Projekt zuständig ist. Das Team entschied sich für das VideoKonferenz-Tool BigBlueButton – eine Open-Source-Lösung, die aber noch von der zwei Mann starken IT-Abteilung der wisoak innerhalb von wenigen Wochen angepasst werden musste. Eine Mammut-Aufgabe, bei der am Ende eine digitale Lernplattform heraus kam, die das Team den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Projekts Interkulturelle Bildung angeboten hat.

Bei den Teilnehmern habe es von Anfang an eine große Vorfreude auf das Projekt gegeben. Ein paar seien vor dem Start zwar abgesprungen, dafür aber auch neue hinzugekommen, die Lust auf das Experiment hatten. Auch die Dozenten waren enthusiastisch. „So wie zwei kleine Jungen, die ein neues
Spielzeug entdeckt haben. Sie wollten, dass ihr Online-Seminar ein gutes wird“, sagt Beraterin Gesa Friederichs-Büttner.

Gemeinsam mit Rebecca Kludig hat sie das Online-Seminar der wisoakDozenten begleitet und dabei unterstützt, die alten Workshop-Inhalte, die von Augenkontakt und Interaktion leben, in ein virtuelles Format zu übertragen.

Nicht nur Schmidt und Boutouil wurden von den beiden Beraterinnen fit gemach. Die wisoak hat im Zuge der Corona-Krise all ihren Dozentinnen und Dozenten interne Schulungen angeboten – und konnte nur so den Gesamtbetrieb hochhalten. „Wir versuchen aus unterschiedlichen Seminaren allgemeingültige Regeln abzuleiten, damit auch andere Dozenten noch davon lernen können“, erläutert
Friederichs-Büttner.

Aber: Nicht alle Seminare lassen sich im Netz abbilden. Und nicht jeder Dozent macht dabei mit. „Das ist
manchmal eine Altersfrage, manchmal eine Frage des Umgangs mit Veränderungen allgemein“, sagt Nitschke. Man müsse das Leuchten in den Augen und die Neugierde auf die Veränderung mitbringen.

Hätte die Krise länger gedauert, hätten sich sicher auch einige Dozenten von der Arbeit in der wisoak
verabschiedet, ist man sich bei der Bildungseinrichtung sicher.

Gruppenarbeit in Break-out-Räumen


„Auch wir mussten aus der Komfortin die Lernzone gehen“, sagt wisoakDozent Schmidt. „Wir haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer animiert, sich zu bewegen und haben auch längere Pausen als bei Präsenzseminaren gemacht. Und in den Gruppen gab es klare Arbeitsaufträge“, sagt Schmidt.

Außerdem haben die Dozenten virtuelle Break-Out-Räume angeboten, in denen die Teilnehmer zu zweit oder zu dritt arbeiten und dann ihre Ergebnisse wieder in das Plenum tragen konnten. „Das war eine wichtige Abwechslung“, findet Nitschke.

Profi-Beobachterin Kludig ist zufrieden. „Jeder fühlte sich im Seminar persönlich angesprochen“, sagt sie. Die Teilnehmenden mussten die Kamera an ihren Computern in bestimmten Situationen ab- und wieder aufdecken und waren damit immer aktiv gefragt.

Außerdem nutzten sie ein Web-Tool, das aussah wie eine Pinnwand, an die virtuelle Kärtchen gehängt werden können und das zugleich der Ergebnissicherung dient.

Was bleibt nach Corona von den Erfahrungen im Netz?

„Wir sind und bleiben ein Anbieter von Präsenzseminaren. Wir haben aber die Möglichkeit, künftig Elemente aus einzelnen Kursen zu virtualisieren“, sagt wisoak-Pressereferent Thomas Gebel.
Er denkt dabei an Lehrgänge, die eine lange Laufzeit haben und künftig je nach Lehrplan vielleicht bis zu einem Umfang von 20 Prozent im Netz stattfinden könnten. „Dadurch würden die Teilnehmenden viel Lebens- und Fahrtzeit sparen“, ist er überzeugt.

„Ich freue mich darauf, wenn es wieder Präsenzseminare gibt“, zieht Dozent Martin Schmidt ein klares Fazit. Denn auf der Beziehungsebene passiere dort einfach mehr. Und gerade das sei für die Gruppendynamik wichtig.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der nicht zu unterschätzen ist: Nicht jeder Mensch hat die technischen Mittel, um an der Digitalisierung teilzuhaben. Gleiche Bedingungen für alle. Eine wichtige Voraussetzung für die Digitalisierung sind deswegen Gleiche Bedingungen für alle, weiß auch Jessica Heibült, Referentin für Weiterbildungspolitik bei der Arbeitnehmerkammer. „Die Politik sagt, dass die
Weiterbildung wichtig ist.

Strukturell aber fällt dieses Thema leider immer wieder hinten runter“, so Heilbült. Sie sieht kritisch, dass die Weiterbildung seit langem unterfinanziert ist. Dabei seien viele der Weiterbildungen im
öffentlichen Interesse, beispielsweise, wenn es um politische Bildung gehe.

Auch Jessica Heibült glaubt, dass das Lernen und die Kommunikation im virtuellen Raum nicht jedem
Menschen gleichermaßen liege. „Das ist einfach eine Typfrage“, findet sie. Gerade Bildungszeiten und politische Weiterbildungen lebten vom Erfahrungsaustausch untereinander.

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