Zu Hause, unterwegs oder im Betrieb

Arbeit wird flexibler

Noch sind es die Wenigsten, die zumindest hin und wieder im Homeoffice oder an anderen Orten außerhalb des Betriebs arbeiten. Experten gehen aber davon aus, dass flexible Arbeitsmodelle künftig an Bedeutung gewinnen werden.

Text: Anne-Katrin Wehrmann
Foto: Jonas Ginter

Der Handwerker hat sich angekündigt, das Kind liegt krank im Bett, die Fahrt zum Arbeitsplatz dauert auch ohne Stau schon mehr als eine Stunde: Es gibt viele Gründe, warum es manchmal besser passt, von zu Hause aus zu arbeiten.

Bei Bremens größtem Arbeitgeber ist das seit knapp drei Jahren möglich. Ende 2016 trat bei der Daimler AG eine Gesamtbetriebsvereinbarung in Kraft, laut der die Beschäftigten grundsätzlich das Recht haben, mobil zu arbeiten – sofern es mit ihrer Arbeitsaufgabe vereinbar ist.

„Dabei umfasst mobiles Arbeiten bei uns alle arbeitsvertraglich vereinbarten Tätigkeiten, die außerhalb der Betriebsstätte durchgeführt werden können“, erläutert der Bremer Betriebsrat Oguzhan Uzunay. „Und zwar temporär oder regulär, online oder offline.“

Das heißt: Egal, ob jemand kurzfristig für ein paar Stunden oder regelmäßig an einem bestimmten Tag die Woche zu Hause oder an einem anderen Ort arbeiten möchte, ob es um eine Onlinerecherche für eine Präsentation oder das Lesen eines ausgedruckten Projektberichts geht – alles ist möglich. Dabei wird die konkrete Umsetzung jeweils zwischen Beschäftigten und Führungskraft sowie innerhalb des Teams abgestimmt.

Es gibt viele Gründe, warum es manchmal besser passt, von zu Hause aus zu arbeiten.

„Den Beschäftigten wird durch Mobiles Arbeiten ein größerer individueller Gestaltungsspielraum sowie mehr Planungssicherheit bei der Vereinbarkeit beruflicher und privater Anforderungen ermöglicht“, heißt es in der Betriebsvereinbarung. Dadurch entstünden größere Spielräume für Kreativ- und Produktivphasen sowie verbesserte Arbeitsprozesse, „die in Summe einen Mehrwert für das Unternehmen schaffen“.

In der Praxis kommt diese Option allerdings nur für einen Teil der aktuell rund 12.800 Stammbeschäftigten im Bremer Mercedes-Werk infrage, berichtet Uzunay. „Die 10.300 Kolleginnen und Kollegen, die am Band arbeiten oder produktionsnahe Tätigkeiten verrichten, können das naturgemäß nur im Betrieb tun.“

Die übrigen 2.500 in der Verwaltung tätigen Mitarbeiter nähmen die Regelung dagegen schon vergleichsweise rege in Anspruch: Eine monatliche Auswertung für 2018 habe gezeigt, dass in der Spitze 1.100 und im Jahresschnitt 850 Beschäftigte in irgendeiner Form mobil gearbeitet hätten.

„Die Rückmeldungen, die wir aus dem Kollegenkreis bekommen, sind grundsätzlich sehr positiv“, sagt Uzunay. „Als Betriebsrat habe ich allerdings die Sorge, dass die Trennung von Beruflichem und Privatem beim mobilen Arbeiten vielleicht nicht immer ganz klar durchzusetzen ist.“ Eine Mitarbeiterbefragung hierzu habe ergeben, dass dieser Punkt tatsächlich als Herausforderung wahrgenommen werde. Trotzdem laute sein bisheriges Zwischenfazit: „Daumen hoch für mobiles Arbeiten.“

Kommentar von Elke Heyduck, Leitung Politikberatung und Geschäftsführerin AKB_Icon_Comment2

Homeoffice: Auf die Umstände kommt es an

Die fortschreitende Digitalisierung ermöglicht es, Arbeitszeit und Arbeitsort zu entkoppeln – viele Beschäftigte begrüßen zu Recht diesen Zugewinn an Flexibilität.

Gleichzeitig müssen Rahmenbedingungen und Umstände geprüft werden: Wird die Arbeitszeit außerhalb des Betriebs vollständig anerkannt oder begünstigt sie unbezahlte Überstunden? Werden die mobilen Endgeräte auch mal abgeschaltet oder sind die Beschäftigten rund um die Uhr online (und erreichbar)?

Und nicht zuletzt: Sind ortsflexible Lösungen tatsächlich ein Beitrag zur Vereinbarkeit? Die Formel ‚Homeoffice=familienfreundlich‘ ist ein Kurzschluss: Einer Studie des WSI zufolge machen Väter im Homeoffice mehr Überstunden als Väter ohne Heimarbeit. Und auch Mütter, für die im Homeoffice die Grenzen zwischen Lohnarbeit und Familienarbeit unter Umständen noch mehr verwischen, müssen sich sehr deutlich fragen, welche Form für sie die bessere ist: die klare Trennung von Beruf und Privatem oder die flexible Wahl des Arbeitsorts.

 

Mehr Flexibilität, weniger klare Grenzen

Aktuelle Zahlen für Bremen und Bremerhaven liefert die jüngste Beschäftigtenbefragung der Arbeitnehmerkammer. Aus ihr geht hervor, dass 19 Prozent der Befragten gelegentlich im Homeoffice, also von Zuhause aus, arbeiten. Gegenüber der Befragung von 2017 ist das eine Zunahme von vier Prozent. Tendenziell ist Homeoffice umso gefragter, je mehr Kinder im Haushalt leben. 13,4 Prozent der Befragten – und damit geringfügig weniger als vor zwei Jahren – gaben an, manchmal an wechselnden Orten wie Cafés und öffentlichen Verkehrsmitteln mobil zu arbeiten (Überschneidungen möglich). Sowohl beim Homeoffice als auch beim mobilen Arbeiten unterwegs sind Beschäftigte mit Hochschul- oder Universitätsabschluss weit überdurchschnittlich vertreten. Am weitesten verbreitet sind diese Arbeitsformen bei IT- und naturwissenschaftlichen sowie bei sozialen und kulturellen Dienstleistungsberufen.

„Als Betriebsrat habe ich allerdings die Sorge, dass die Trennung von Beruflichem und Privatem vielleicht nicht immer ganz klar durchzusetzen ist.“
Oguzhan Uzunay

Die große Mehrheit der im Homeoffice und mobil Arbeitenden sieht darin viele oder überwiegend Vorteile. Nur bei knapp der Hälfte der Befragten, die mobil arbeiten, sind die Bedingungen dafür in einem Tarifvertrag oder einer Betriebs- beziehungsweise Dienstvereinbarung geregelt, bei weiteren 14 Prozent gibt es eine Vereinbarung im Arbeitsvertrag. Bei mehr als einem Drittel ist hingegen lediglich eine mündliche oder gar keine Regelung festgehalten.

„Gerade Letzteres ist sehr kritisch zu sehen, weil damit oft auch Überstunden, womöglich unbezahlt, verbunden sind“, meint Elke Heyduck, Geschäftsführerin der Arbeitnehmerkammer. Grundsätzlich begrüße die Kammer den Flexibilitätsgewinn von Homeoffice und mobiler Arbeit, sofern dies von den Beschäftigten gewünscht werde. „Die Voraussetzung muss aber sein, dass der Arbeitsschutz berücksichtigt wird – gerade auch mit Blick auf die zulässige tägliche Höchstarbeitszeit und die gesetzlich vorgeschriebenen Mindestruhezeiten.“

Das häufig gehörte Argument, durch mobiles Arbeiten ließen sich Beruf und Familie besser vereinbaren, sei mit Vorsicht zu genießen. „Wenn die Grenzen verwischen, und davon sind besonders häufig Frauen betroffen, führt das schnell zu psychischen Belastungen“, sagt Heyduck. „Es kann darum von großem Vorteil sein, die Dinge klar voneinander zu trennen.“

Trendwende in Aussicht?

Was die Diskussion erschwert: Für die Begriffe Homeoffice, mobile Arbeit und Telearbeit gibt es in unterschiedlichen Studien unterschiedliche Definitionen, wobei Homeoffice und Telearbeit oft synonym verwendet werden.

Feststeht, dass allein die Telearbeit seit 2016 in der Arbeitsstättenverordnung gesetzlich geregelt ist (s. Info-Kasten). „Die Arbeitsstättenverordnung kommt faktisch nur dann zum Tragen, wenn der Arbeitgeber explizit einen Telearbeitsplatz im Wohnbereich des Arbeitnehmers eingerichtet hat“, erläutert Tim Schröder von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Sei dies nicht der Fall, könne man von Homeoffice oder mobiler Arbeit sprechen. Hier gälten aber weiterhin die Regelungen von Arbeitsschutz- und Arbeitszeitgesetz, die grundsätzlich auch außerhalb der Unternehmen gültig sind. „Jenseits dieser rechtlichen Regelungen ist die tatsächliche Gestaltung letztlich eine Frage der Aushandlung zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretung.“

„Der Arbeitsschutz muss berücksichtigt werden – gerade auch mit Blick auf die zulässige tägliche Höchstarbeitszeit und die gesetzlich vorgeschriebenen Mindestruhezeiten.“
Elke Heyduck

Laut Schröder stagniert die Ent­­­­­­wicklung in Sachen Homeoffice seit den 1990er-Jahren, ein echter Trend sei bisher nicht zu erkennen. Er gehe aber davon aus, dass das Thema in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen werde. „Unsere BAuAArbeitszeitbefragung 2017 hat zwar gezeigt, dass 88 Prozent der Befragten kein solches Modell mit ihrem Arbeitgeber verabredet haben. Ein knappes Drittel von ihnen würde aber gerne die Möglichkeit zum Homeoffice haben – da ist also ein gewisses Potenzial.“

Die Gelegenheit sei momentan gleich aus mehreren Gründen günstig: „Es gibt erst seit ein paar Jahren die technologische Infrastruktur, um das großflächig umzusetzen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist angesichts zunehmender Frauenerwerbstätigkeit ein Thema, das immer mehr an Bedeutung gewinnt. Und jetzt gibt es auch noch den politischen Willen, das Ganze zu forcieren“, meint Schröder mit Blick auf die Pläne des Bundesarbeitsministeriums, noch in diesem Jahr ein Recht auf Homeoffice und mobiles Arbeiten auf den Weg bringen zu wollen. Hinzukomme, dass die Arbeitgeber in Zeiten des Fachkräftemangels mehr auf die Bedürfnisse ihrer Beschäftigten eingehen müssten.

„Gut auf sich aufpassen“

Der Arbeitsschutz-Experte und seine Kollegen aus der BAuA-Fachgruppe „Wandel der Arbeit“ haben gerade ein Projekt gestartet, in dem sie den Einfluss von Führungskräften und allgemeinen Rahmenbedingungen auf den betrieblichen Wandel untersuchen.

Konkrete Ergebnisse wird es erst im kommenden Jahr geben, doch schon jetzt ist aufgrund der bisherigen Datenlage laut Tim Schröder klar: „In den Unternehmen müsste sich die Betriebskultur ändern, um Homeoffice häufiger in die Praxis umzusetzen. Das kann nur funktionieren, wenn die Führungskräfte die Interessen ihrer Mitarbeiter erfragen – und dann im Team die Arbeit so gestalten, dass es keine Benachteiligungen für die Telearbeiter gibt.“

Das betreffe sowohl eine gesunde Gestaltung der Telearbeitsplätze, auch mit Blick auf Überstunden und ständige Erreichbarkeit, als auch mögliche Karrierewege. Gleichzeitig sei darauf zu achten, dass sich die Kollegen, für die Homeoffice keine Option sei, nicht benachteiligt fühlten. „Zusätzlich sollte, wer Homeoffice macht, Werkzeuge zur Selbstorganisation an die Hand bekommen, damit er oder sie nicht am Ende die eigene Gesundheit gefährdet“, so Schröder.

„Arbeitgeber und ihre Beschäftigten sollten schriftliche Vereinbarungen über orts- und zeitflexible Arbeitsmodelle treffen.“
Barbara Reuhl

Ein Punkt, den auch Barbara Reuhl von der Arbeitnehmerkammer für enorm wichtig hält. „Die Beschäftigten müssen gut auf sich achten und für Pausen und Belastungsausgleich sorgen“, betont die Referentin für Arbeitsund Gesundheitsschutz.

Damit dürften sie aber nicht allein gelassen werden: Es brauche unter anderem Unterweisungen, die zum Thema ergonomische Gestaltung qualifizierten, die Beschäftigten über ihre Rechte und gesundheitliche Risiken informierten, damit sie Optimierungsbedarf erkennen sowie Belastungen verringern können. „Auf jeden Fall sollten Arbeitgeber und ihre Beschäftigten schriftliche Vereinbarungen über orts- und zeitflexible Arbeitsmodelle treffen“, so Reuhl.

„Dazu gehört es auch, Klarheit über die Arbeitszeiten schaffen.“ Hier dürfte das jüngste Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) zur Arbeitszeiterfassung wichtige Eckpfeiler setzen: Demnach müssen Unternehmen in der EU künftig verlässliche Systeme einrichten, mit denen die tägliche Arbeitszeit ihrer Beschäftigten erfasst wird – ganz gleich, wo sie ihre Arbeit verrichten. Es bleibt nun abzuwarten, wann und wie genau der deutsche Gesetzgeber die EuGH-Vorgaben umsetzen wird.

Telearbeit AKB003_IconInfo

In § 2 Absatz 7 der Arbeitsstättenverordnung heißt es: „Telearbeitsplätze sind vom Arbeitgeber fest eingerichtete Bildschirmarbeitsplätze im Privatbereich der Beschäftigten, für die der Arbeitgeber eine mit den Beschäftigten vereinbarte wöchentliche Arbeitszeit und die Dauer der Einrichtung festgelegt hat. Ein Telearbeitsplatz ist vom Arbeitgeber erst dann eingerichtet, wenn Arbeitgeber und Beschäftigte die Bedingungen der Telearbeit arbeitsvertraglich oder im Rahmen einer Vereinbarung festgelegt haben und die benötigte Ausstattung des Telearbeitsplatzes mit Mobiliar, Arbeitsmitteln einschließlich der Kommunikationseinrichtungen durch den Arbeitgeber oder eine von ihm beauftragte Person im Privatbereich des Beschäftigten bereitgestellt und installiert ist.“

Unsere Geschäftsstellen

Bremen-Stadt

Bürgerstraße 1
28195 Bremen

Tel. +49.421.36301-0

Beratungszeiten
Bremen-Nord

Lindenstraße 8
28755 Bremen

Tel. +49.421.669500

Beratungszeiten
Bremerhaven

Barkhausenstraße 16
27568 Bremerhaven

Tel. +49.471.922350

Beratungszeiten

Arbeitnehmerkammer Bremen

© 2019 Arbeitnehmerkammer Bremen