Wachsende Sozialwirtschaft ringt um Fachkräfte

Aktuelle Studie erschienen

Eine aktuelle Studie, die die Arbeitnehmerkammer in Auftrag gegeben hat, zeigt die Entwicklung und Probleme der Branche auf, die wirtschaftspolitisch bislang eher wenig beachtet wurden.

Text: Melanie Öhlenbach
Foto: Jonas Ginter


Sie pflegen alte und kranke Menschen in Pflegeheimen und Krankenhäusern. Sie betreuen Kinder und Jugendliche in Krippen, Kitas, Horten und Jugendeinrichtungen. Sie unterstützen Menschen mit Behinderungen und helfen Geflüchteten, in Deutschland Fuß zu fassen: Mindestens jeder achte Arbeitnehmer im Land Bremen arbeitet im sozialen Bereich – das sind mehr als 41.000 Beschäftigte und mehr als je zuvor.

Eine Branche, die viele Jahre lang ein Schattendasein führte – zumindest in der wirtschaftspolitischen Betrachtung. „Die Sozialwirtschaft gibt es eigentlich erst seit den 1980er-Jahren, seit die Europäische Union den Begriff erstmals in ihre Wirtschaftspolitik aufnahm“, sagt Thomas Schwarzer, Referent für kommunale Sozialpolitik bei der Arbeitnehmerkammer.

Wie groß die wirtschaftspolitische Bedeutung der Branche insbesondere für das Land Bremen ist, zeigt nun eine Studie des Bremer Instituts für Arbeit und Wirtschaft (iaw), die die Arbeitnehmerkammer im Jahr 2018 in Auftrag gab und deren Ergebnisse nun vorliegen: Demnach erwirtschaftet die Sozialwirtschaft durchschnittlich jedes Jahr zwischen 2,3 und 2,7 Milliarden Euro, etwa 7,8 bis 9,1 Prozent des Bremer Bruttoinlandsprodukts.

Auch die Größe der Branche ist beeindruckend. Von insgesamt rund 330.000 Beschäftigten im Land Bremen ar­beiten mehr als 41.000 Menschen in der Sozialwirtschaft. Sie beschäftigt damit deutlich mehr Menschen als das Bauoder Gastgewerbe und ist inzwischen fast so groß wie die Metall-, Elektro- und Stahlindustrie zusammen. „Die Sozialwirtschaft ist für Bremen ein wichtiger, großer Beschäftigungsbereich“, betont Schwarzer auch mit Blick auf die Entwicklung der Branche: „In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Beschäftigten um 25 Prozent gestiegen. Im Jahr 2008 arbeiteten gerade mal etwas mehr als 32.000 Menschen in sozialen Berufen.“

"Überall und für alle Bereiche der Sozialwirtschaft werden Fachkräfte gesucht, die Konkurrenzsituation ist groß.“
Thomas Schwarzer

Diese Entwicklung hängt aus Sicht des Referenten für kommunale Sozialpolitik auch mit gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Entscheidungen zusammen, insbesondere in drei Bereichen: bei der Altenhilfe, der Migrations- und Flüchtlingsarbeit und allem voran bei der Kinder- und Jugendhilfe. „Der Ausbau der U3-Betreuung, die neuen Ganztagsschulen und die Erhöhung des Betreuungsanspruchs bei Kitakindern von vier auf sechs Stunden pro Tag haben zu einer enormen Zunahme an Stellen geführt“, so Schwarzer. Und ein Ende ist nicht in Sicht, wenn Bremen bis zum Jahr 2025 alle Grundschulen auf den Ganztagsbetrieb umgestellt haben will: Der iaw-Studie zufolge braucht das Land allein für die Bereiche Bildung und Erziehung etwa 3.300 weitere Stellen.

Auch die Zuwanderung von Fachkräften aus Südund Osteuropa sowie die Aufnahme von Geflüchteten hat seit dem Jahr 2014 dazu geführt, dass mehr Arbeitsplätze für Sprachförderung und Arbeitsqualifizierung geschaffen wurden – besonders in der Stadt Bremen.

Vor allem Frauen sind in sozialen Berufen beschäftigt. Und das überwiegend mit reduzierter Stundenanzahl: Mehr als 54 Prozent arbeiten in Teilzeit – fast doppelt so viele wie in allen anderen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen im Land Bremen zusammen. Und das nach wie vor für verhältnismäßig wenig Lohn. „Und wir haben in der Branche nicht nur schwierige Arbeitsbedingungen, sondern auch rund 4.500 geringfügig Beschäftigte“, sagt Schwarzer.

Die Sozialwirtschaft AKB003_IconInfo

  • Kinder- und Jugendhilfe
  • Altenhilfe inklusive Altenpflege
  • Behindertenhilfe
  • Gesundheitshilfe
  • Migrations- und Flüchtlingsarbeit
  • Qualifizierungshilfen, zum Beispiel für Arbeitslose
  • Obdachlosen- /Wohnungslosenhilfe
  • Allgemeine Sozialberatungsformen wie Schuldnerberatung, Clearing-Stellen
  • Katastrophenschutz
  • Ausbildung in der Sozialwirtschaft wie Erzieherinnen und Erzieher und Sozialpädagoginnen und -pädagogen, Schulen des Gesundheitswesens

 

Zwar sind laut iaw die Bruttolöhne im Bereich Gesundheits- und Sozialwesen in den vergangenen drei Jahren überdurchschnittlich stark gestiegen. Dennoch liegen sie in Bremen tendenziell weiterhin leicht unter dem Mittelwert. Vor allem beispielsweise in den pflegerischen Berufen gibt es laut iaw-Studie nach wie vor Nachholbedarf: „Bei den Bruttomonatsentgelten in der Altenpflege erreicht das Land Bremen im Vergleich der alten Bundesländer nur unterdurchschnittliche Werte“, heißt es dort. Sprich: Die Beschäftigten verdienen in Bremen weniger als in anderen westdeutschen Bundesländern. Mit Blick auf die Besetzung von Stellen ist das laut Schwarzer schon jetzt ein Problem: „Überall und für alle Bereiche der Sozialwirtschaft werden Fachkräfte gesucht, die Konkurrenzsituation ist groß.“

Doch nicht nur die Lohnsituation, auch die Arbeitsbedingungen müssen sich aus Sicht der Experten verbessern, um den Standort Bremen attraktiv zu machen. „Sinken die Belastungen durch bessere Personalschlüssel, so steigen die Anreize für Fachkräfte, ihr Stundenvolumen zu erhöhen. Und wenn die Beschäftigten mehr Geld in der Tasche haben, werden die Sozialberufe in der gesellschaftlichen Wertschätzung aufgewertet“, so Schwarzer.

Wenig Anerkennung, belastende Arbeitsbedingungen, niedrige Löhne: Trotz dieser Herausforderungen sieht Schwarzer die Entwicklung der Bremer Sozialwirtschaft grundsätzlich positiv. „In den vergangenen Jahren hat sich vieles getan, auch weil sich die Beschäftigten in den Gewerkschaften organisiert und ihren Forderungen Nachdruck verliehen haben“, sagt er mit Blick auf die Streiks der Kita-Beschäftigten. Diesen Weg gelte es nun in anderen Bereichen – insbesondere der Pflege – ebenfalls einzuschlagen. „Wenn Tarifvereinbarungen geschlossen werden, die Beschäftigten besser bezahlt und die Ausbildung für Erzieherinnen und Erzieher und in der Altenpflege vergütet werden, dann besteht die Chance, dass mehr Menschen in diesen besonders sinnstiftenden Berufen arbeiten wollen.“

 

 

Unsere Geschäftsstellen

Bremen-Stadt

Bürgerstraße 1
28195 Bremen

Tel. +49.421.36301-0

Beratungszeiten
Bremen-Nord

Lindenstraße 8
28755 Bremen

Tel. +49.421.669500

Beratungszeiten
Bremerhaven

Barkhausenstraße 16
27568 Bremerhaven

Tel. +49.471.922350

Beratungszeiten

Arbeitnehmerkammer Bremen

© 2019 Arbeitnehmerkammer Bremen