Weltklasse im All

Foto: Airbus

Kaum eine Branche steht in der Hansestadt so gut da wie die Luft- und Raumfahrt. Wie sich die ansässigen Unternehmen und die Wissenschaft an der Weser entwickelt haben, zeigt eine Studie der Arbeitnehmerkammer Bremen.

Text: Meike Lorenzen

In dieser Nacht fliegen Blitze aus den Wolken über Baikonur. Astronaut Alexander Gerst steht zwei Stunden draußen und beobachtet, wie es über die kasachische Steppe zieht. „Vielleicht letzter Regen für halbes Jahr. Werde diesen Planeten vermissen“, twittert der 42-Jährige. Kurz darauf besteigt er mit seinen russischen Kollegen die 300 Tonnen schwere Sojus-­Rakete, die das Team zur Internationalen Raum­station ISS bringen wird. Menschen und Medien jubeln. Gerst ist ein Botschafter seiner Branche. Das tut der Raumfahrt gut – und damit auch Bremen. 

Gemessen an der Einwohnerzahl ist nirgends in Europa die Dichte an Luft- und Raumfahrtunternehmen so hoch wie in der Hansestadt. Ins­gesamt sind hier etwa 140 Unternehmen mit rund 12.000 Beschäftigten angesiedelt. Hierunter befinden sich auch Unternehmen, deren Tätigkeit nur zu einem geringen Teil auf die Luft- und Raumfahrtbranche fällt. Sie arbeiten für die Raumfahrt, aber auch für die militärische wie zivile Luftfahrt. Flugzeuge, Hubschrauber, Drohnen, Satelliten, Spaceshuttle – all das wird an der Weser entwickelt.

Auch in der ISS steckt Technik aus Bremen. Airbus hat das europäische Forschungslabor Columbus gebaut und entwickelt. Seit zehn Jahren ist es im Einsatz und über 200 Experimente konnten bereits durchgeführt werden. Unter anderem lässt das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) aus Bremen dort testen, wie sich die drahtlose Kommunikation verbessern lässt. Auch der Astronauten-Flug­begleiter Cimon stammt von Airbus. Das medizinballgroße „künstliche Gehirn“ wird ebenfalls von Gerst und seiner Crew getestet. Auch OHB ist auf der ISS vertreten. Die Bremer haben ein Gerät erfunden, das misst, wie sich die Muskeln unter dem Einfluss von Schwerelosigkeit verändern. 

„Bremen nimmt europaweit eine wichtige Rolle ein“, sagt Thorsten Ludwig. Er ist Mitarbeiter der Agentur für Struktur- und Personalentwicklung GmbH (AgS) in Bremen und hat für die Arbeitnehmerkammer die Branche analysiert. „Es ist das erklärte Ziel der deutschen und der europäischen Luftfahrtindustrie, ihre führende Marktposition zu halten und vor allem weiter auszubauen.“

Cross-Clustering muss sein

Daher setzt auch die Bremer Politik auf die Branche. Die Raumfahrt gehört neben der Automobilbranche, der Wind­energiebranche und der Maritimen Wirtschaft/Logistik zu den vier Clustern der Bremer Wirtschaftsförderung (WFB). „Das ist löblich“, sagt Ludwig. „Dennoch sollte nicht nur in isolierten Clustern gedacht werden. Unternehmen der Luft- und Raumfahrt können aufgrund ihrer technologischen Kompetenz  und guten Vernetzung mit den Forschungseinrichtungen vor Ort den digitalen Wandel in der Industrie insgesamt vorantreiben.“ 

Cross-Clustering heißt das im Fachjargon. Wie so ein Cluster aussehen kann, zeigt das Projekt Ecomat. Der Begriff steht für „Center for Eco-­efficient Materials & Technologies“ – also wirtschaftlich effiziente  Materialien und Technologien. Eines der Hauptthemen werden Leicht­bau-­Module sein. Die dafür entwickelten Materialien gelten als besonders zukunftsträchtig, da sie auch etwa in der Automobil- oder Offshorebranche verwendet werden können. 

58 Millionen Euro sollen seitens der WFB in das Projekt fließen. Gearbeitet wird ab Ende des Jahres in der Airport-Stadt, wo für Ecomat ein 22.000 Quadratmeter großes Gebäude entsteht. Hauptmieter sind die Airbus Group und das Faserinstitut Bremen (FIBRE). Weitere Unternehmen und Forschungseinrichtungen sollen folgen. Geplant ist eine Zusammenarbeit von etwa 500 Personen aus Wirtschaft und Wissenschaft.

Arbeitsbedingungen im Blick behalten

Die Luft- und Raumfahrtbranche boomt also – und benötigt vor allem gut ausge­bildete Fachkräfte. „Die gute Ausbildung der Beschäftigten und die hohe Tarifbindung in der Branche sorgen für relativ hochwertige Arbeitsplätze“, sagt Ludwig. Nach den aktuell vorliegenden Zahlen aus dem Jahr 2015 lag das durchschnittliche Bruttojahres­gehalt mit 69.229 Euro deutlich über dem des verarbeitenden Gewerbes (49.418 Euro). „Für Bremen ist wichtig, dieses Niveau zu halten“, sagt Ludwig.

In der Branchenanalyse, für die der Experte unter anderem mit Bremer Betriebsräten gesprochen hat, deutet sich ein Trend von Leiharbeitsverträgen an. So liegt die Leiharbeitsquote der Luft- und Raumfahrtbranche in Bremen bei 14,5 Prozent – und damit über dem Niveau des Bundesdurchschnitts in der Branche (11,1 Prozent). Allerdings sind die Bedingungen für Leiharbeiter in Bremen recht gut reguliert. „In fast allen Fällen werden die Leiharbeiter genauso bezahlt wie die Stammbelegschaft. Oft liegt auch eine Betriebsvereinbarung zur Regulierung von Leiharbeit vor“, so der Experte. Die Gleichbezahlung kommt in  3,3 Prozent der Fälle zum Tragen. Schwieriger sei die Regulierung der Arbeitszeit. „Leiharbeiter stehen oft unter einem höheren Druck zur Mehrarbeit als die Stamm­belegschaft“, sagt Ludwig.

Fachkräfte gesucht

Statistisch gesehen hat jeder dritte Betrieb am Standort Bremen Probleme, offene Stellen zu besetzen. Deutschlandweit ist es sogar jeder zweite. „Davon sind nicht nur die technischen Berufe betroffen, sondern auch der kaufmännische Bereich“, sagt Ludwig. Entsprechend versucht sich die Branche  zu rüsten und attraktive Arbeitsplätze zu gestalten. Flexible Arbeitszeitmodelle sind inzwischen die Regel, ebenso betriebliche Altersvorsorge, Programme zur Gesundheits­förderung und Weiterbildungsangebote. Instrumente zur Verein­barkeit von Beruf und Familie (zum Beispiel Kinderbetreuungsangebote) sind dagegen nur in 50 Prozent der befragten Betriebe vorhanden. „Dass das ein Mangel ist, zeigt auch die Beschäftigtenstruktur“, sagt Ludwig. „Nur 14,9 Prozent der Angestellten in Bremen sind weiblich und nur 3,9 Prozent der Angestellten arbeiten in Teilzeit.“  

Um die Herausforderungen des Standorts Bremen gemeinsam anzugehen, haben sich Betriebsräte der zu  Airbus gehörenden Betriebe zu einem Bündnis zusammengetan. „Dieses ist in Deutschland einzigartig und stellt eine gute Initiative für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und die Betriebsräte dar“, betont Ludwig.

Internationale Raumfahrt-Elite in Bremen

Technische wie betriebliche Herausforderungen werden in Bremen in diesem Jahr gleich zweimal intensiv diskutiert. Im September trifft sich das IG-Metall-Netzwerk air-connect zu einer Jahrestagung in Bremen. Rund 100 Betriebsräte der Luft- und Raumfahrtindustrie aus ganz Deutschland besprechen dann die Ergebnisse einer Jahresbefragung zu den Arbeits­bedingungen und Zukunftsperspektiven der Branche. Im Oktober wird Bremen dann zur Bühne der IAC, einer großen Tagung, bei der einmal im Jahr etwa 4.000 Teilnehmer aus aller Welt zu­sammenkommen. Astronaut Alexander Gerst wird das Event nur aus dem All verfolgen und per Video-Chat live dazugeschaltet. 

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