Wie kommt Leben in die City?

Diskussion um Arbeitsplätze in der Bremer Innenstadt

Der Strukturwandel in den Innenstädten von Bremen und Bremerhaven ist kein neues Phänomen, erfährt durch die Corona-Krise aber noch einmal eine neue Dynamik. Leerstände und anstehende Ladenschließungen zeigen: Der Einzelhandel allein wird die Stadtzentren in Zukunft nicht mit Leben füllen können. Vielmehr braucht es jetzt neue Konzepte für eine buntere Nutzungsmischung.

Text: Anne-Katrin Wehrmann
Foto: Jonas Ginter

Der Anruf einer Kollegin kam im Juni, als Petra Coordes im Urlaub war: Karstadt in Bremerhaven macht dicht. „Mein erster Gedanke war: Jetzt ist es passiert“, erinnert sich die Einzelhandelskauffrau, die seit mehr als 34 Jahren in der Filiale in der Seestadt arbeitet und sich dort bis vor vier Jahren auch als Betriebsratsvorsitzende engagierte. Schon seit 2009 hatte immer wieder einmal das Damoklesschwert der Schließung über dem Haus geschwebt. Nach einem Insolvenzantrag des damaligen Mutterkonzerns war und blieb die Situation über die Jahre angespannt, für die Beschäftigten galten seither Sanierungstarifverträge. Nun also das endgültige Aus. „Im ersten Moment ist das gar nicht so richtig bei mir angekommen“, erzählt Coordes. „So eine Nachricht schockt natürlich schon, aber irgendwie ist das erst einmal unwirklich. Ich habe erst ein paar Tage später realisiert, dass es nun wohl tatsächlich kein Zurück mehr gibt.“

Mittlerweile hatte die 58-Jährige genügend Zeit, den ersten Schock zu verdauen. Wie rund 100 weitere Kolleginnen und Kollegen bei Karstadt Bremerhaven wird sie aller Voraussicht nach zum 31. Januar 2021 ihren Job verlieren. Das Angebot ihres Noch-Arbeitgebers, anschließend für sechs Monate in einer Transfergesellschaft unterzukommen, um auf diesem Weg möglichst schnell neue Arbeitsplätze zu finden, werden die meisten von ihnen annehmen. „Allerdings ist ein halbes Jahr eine sehr kurze Zeit für mögliche Qualifizierungsmaßnahmen“, macht Coordes deutlich. Gerade unter den jüngeren Kolleginnen gebe es einige,  die sich einen Wechsel in den sozialen Bereich vorstellen könnten: „Um neue Ideen zu entwickeln und vielleicht schon an passenden Qualifizierungen teilzunehmen, wäre ein längeres Bestehen der Transfergesellschaft enorm wichtig.“ Insgesamt ist für die Betroffenen, von denen rund 80 Prozent Frauen sind, die Karstadt-Schließung „Eine Tragödie“, wie Coordes sagt. „Viele von ihnen haben seit 30 Jahren keine Bewerbung mehr geschrieben und würden gerne im Einzelhandel bleiben.
Es wird aber sehr schwer, da eine Alternative zu finden – bei der dann ja auch der Lohn stimmen muss.“

„Aus der Konsumzone Innenstadt ein Quartier Innenstadt entwickeln.“
Elke Heyduck, Arbeitnehmerkammer Bremen

 

Strukturwandel aktiv gestalten

In Bremerhaven Karstadt und Saturn, in Bremen Kaufhof und Zara: Der viel zitierte „Niedergang der Innenstädte“, der in den vergangenen Jahren unter anderem durch eine Zunahme des Online-Handels sowie wachsende Konkurrenz durch Shopping Malls außerhalb der Stadtzentren vielerorts zum Problem geworden ist, erfährt in diesen Monaten durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie noch einmal eine Beschleunigung. Dass das Thema nicht neu ist, verdeutlicht unter anderem ein Positionspapier mit dem Titel „Zukunft für die Innenstadt“, das der Deutsche Städtetag und der Handelsverband Deutschland schon im Juni 2017 veröffentlicht haben. Als Handlungsoptionen werden darin beispielsweise eine Weiterentwicklung von Nutzungsmischung und sozialer Vielfalt in den Citys, der vermehrte Einsatz von digitalen Angeboten durch den stationären Handel sowie die Entwicklung neuer Nutzungskonzepte benannt.

In Bremen wurde im Sommer vor dem Hintergrund zunehmender Leerstände ein „City-Gipfel“ einberufen, in dessen Rahmen sich Akteure aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft mit der Entwicklung der Innenstadt beschäftigen. Nach einer ersten Diskussionsrunde Mitte Juli beschloss der Senat ein gut 13 Millionen Euro schweres Aktionsprogramm, das kurzfristig die „Aufenthalts- und Erlebnisqualität“ in der Innenstadt steigern soll. Geplant sind unter anderem die Einrichtung eines freien WLANs, ein attraktiverer Domshof, ein Beleuchtungskonzept, die Erhöhung der Sauberkeit sowie eine verbesserte Nutzungsvielfalt. Doch das allein wird nicht reichen: Davon ist Elke Heyduck, Geschäftsführerin der Arbeitnehmerkammer und Teilnehmerin des City-Gipfels, überzeugt. „Wir retten die Innenstadt mit diesen Maßnahmen natürlich nicht“, macht sie deutlich. „Wir haben hier ja nicht nur im Moment ein Problem. Vielmehr geht es um einen umfassenden Strukturwandel, mit dem aus der  Konsumzone Innenstadt ein Quartier Innenstadt entstehen kann – mit allem, was dazugehört.“ Dazu müsse die City auch als Standort für einen vielfältigen Mix an Arbeitsplätzen etabliert werden. Denn, so Heyduck: „Wo Arbeit ist, ist auch Leben.“

Online-Shopping setzt Läden unter Druck

Aus Sicht der Kammer-Geschäftsführerin ist es wichtig, das große Ganze zu sehen und nicht jede Ladenschließung als Einzelereignis zu bearbeiten. „Die Innenstädte müssen sich komplett neu aufstellen, dazu muss der Mix aus Wohnen, Büros und Gewerbe auch planungsrechtlich festgeschrieben werden“, meint sie und verweist auf andere Stadtteile wie das Viertel oder die Neustadt, die auf unverwechselbare Läden setzen, in denen aber auch gewohnt und in Büros und Handwerksbetrieben gearbeitet werde. Was ihr zur Gestaltung des Strukturwandels außerdem fehle, sei ein politisches Statement – ein „großer Wurf“, wie sie sagt: So hätten zum Beispiel in Birmingham dieVerantwortlichen als Zeichen dafür, dass sie auf Wissen und die Wissensgesellschaft setzen, eine der schönsten Bibliotheken in die City gebaut, in Leipzig befinde sich die Universität mitten in der Stadt. „Etwas Vergleichbares wäre hier auch denkbar, wenn wir einen Teil der Uni oder der Hochschule sichtbar ins Zentrum holen würden.“

Aktuell arbeiten knapp 30.000 Menschen in der Bremer Innenstadt: Darunter neben den Beschäftigten im Einzelhandel auch jetzt schon Ärzte, Anwälte, Bankkaufleute und andere Dienstleister. „Zusätzlich muss man jetzt wachstumsstarken wissensintensiven Dienstleistungen wie dem IT-Bereich oder Ingenieur- und Architektenbüros, aber auch der Kreativwirtschaft den roten Teppich ausrollen“, meint Elke Heyduck. Dafür brauche es attraktive Büros und Wohnungen ebenso wie ein vielfältiges gastronomisches Angebot – was dann letztlich auch wieder zu einer Stärkung des Einzelhandels führen werde. Unabhängig davon sei aber schon jetzt abzusehen, dass der stationäre Einzelhandel in den kommenden Jahren weiter  unter Druck geraten werde, ergänzt Marion Salot, Referentin für Wirtschaftspolitik und Gleichstellung bei der Arbeitnehmerkammer. „Der Strukturwandel ist ja nicht vom Himmel gefallen, sondern der Konsumwandel hat dazu beigetragen. Die Entwicklung, dass die Menschen immer mehr im Internet einkaufen, lässt sich nicht rückgängig machen.“ Umso dringlicher sei nun die Frage zu beantworten, wie sich neue Arbeit in die Innenstadt bringen lasse.

Digitalisierung als zusätzliche Herausforderung

Besonders betroffen vom Wachstum des OnlineShoppings sind die Elektronik- und die Modebranche, wo mittlerweile rund ein Drittel des Umsatzes im Internet erwirtschaftet wird – Tendenz weiter steigend. „Wir werden darum in diesen Bereichen mit einer weiteren Erhöhung des Kostendrucks und mit weiteren Arbeitsplatzverlusten rechnen müssen“, befürchtet Marion Salot. Und als gäbe es nicht schon genügend Herausforderungen für den Einzelhandel und die dort Beschäftigten, kommt mit der Digitalisierung noch eine weitere hinzu. „Die Suche nach Einsparpotenzialen wird als Treiber für weitere Digitalisierungsprozesse wirken und so letztlich weitere Jobs gefährden“, erläutert die Referentin.  „Damit diese Prozesse mitbestimmt gestaltet werden, müssen die Beschäftigten an den Entwicklungen der Digitalisierung beteiligt werden.“ Den Ergebnissen der jüngsten Beschäftigtenbefragung der Arbeitnehmerkammer zufolge sorgen sich nur 7,6 Prozent der Befragten aus dem Einzelhandel, dass neue Technologien den eigenen Arbeitsplatz gefährden könnten. „Das ist deshalb problematisch, weil es schwierig ist, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für einen Gestaltungsprozess zu mobilisieren, wenn es an der Stelle kein Problembewusstsein gibt.“

Zwei Trends haben die Bedingungen für Beschäftigte im Einzelhandel in den vergangenen Jahren ohnehin schon deutlich erschwert: Zum einen hat die fortschreitende Tarifflucht in der Branche dazu geführt, dass die traditionell schon niedrigen Löhne noch weiter gesunken sind. Und zum anderen sind gerade für Frauen immer mehr Vollzeitstellen abgebaut und durch Teilzeitstellen ersetzt worden, was für die Betroffenen zu einer weiteren Verschärfung ihrer finanziellen Situation geführt hat. „Der Wettbewerb wird immer härter, und aus Sicht der Unternehmen lässt sich bei den Personalkosten am leichtesten sparen“, berichtet Verdi-Gewerkschaftssekretärin Sandra Schmidt. Wer jetzt seinen  Arbeitsplatz verliere, stehe vor einem echten Problem: „Irgendein Job im Einzelhandel lässt sich meistens finden. Aber wenn man in einem vernünftigen Umfeld bei einem einigermaßen vernünftigen Verdienst arbeiten möchte, wird es da schon sehr eng.“ Es sei daher wichtig, sich Gedanken um
Alternativen zu machen, so Schmidt – zum Beispiel in sozialen oder kaufmännischen Berufen.

„Die Beschäftigten müssen an den Entwicklungen der Digitalisierung beteiligt werden.“
Marion Salot, Arbeitnehmerkammer Bremen

Zukunft ohne Karstadt

Unterdessen sind auch die KarstadtBeschäftigten in Bremerhaven intensiv damit beschäftigt, Alternativen für sich zu suchen. „Die Kolleginnen, mit denen ich spreche, sind da sehr tough und nehmen die Situation erstaunlich gelassen“, berichtet Petra Coordes. Da die Betroffenen sehr unterschiedliche Biografien hätten, müsse jede und jeder für sich sehen, welche Möglichkeiten sich böten. Die 58-Jährige selbst hat noch nicht entschieden, ob sie im Einzelhandel bleiben will oder gegebenenfalls auch in eine andere Branche wechseln würde. Als Karstadt 2009 erstmals in Schwierigkeiten geriet, hatte sie den lokalen Medien gesagt: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Auch jetzt sei sie noch der Meinung, dass die Hoffnung erst dann endgültig tot sei, wenn die Kaufhaustüren das letzte Mal geschlossen  würden. Allerdings: „Ich beschäftige mich mit meiner Zukunft und man hat uns gesagt, dass Karstadt nicht dazugehört. Das ist für mich jetzt Fakt.“

Lebendiges Quartier AKB_Icon_Comment2

Kommentar von Marion Salot, Referentin für Wirtschaftspolitik und Gleichstellung

Innenstädte sind nicht nur Markenzeichen und Aushängeschilder für Touristen und Bürger, sondern auch Arbeitsorte für viele Beschäftigte. Nicht erst seitdem die Covid-19-Pandemie vielen Geschäften das Leben schwer gemacht hat, hat sich gezeigt, dass der Einzelhandel alleine nicht ausreichen wird, um die City zu beleben. Neue Ideen und Konzepte müssen her, um ihr ein neues Gesicht zu verleihen.

Dass in Bremen nun die Politik aktiv wird und ein Aktionsprogramm auflegt, mit dem die Aufenthalts- und Erlebnisqualität verbessert werden soll, ist zu begrüßen und überfällig. Dies wird aber nicht ausreichen, um eine Kehrtwende einzuleiten. Ziel muss es sein, die Innenstadt als lebendiges Quartier zu entwickeln – natürlich mit attraktivem Einzelhandel, aber auch mit einem bunten Mix von  Dienstleistungen und Angeboten – von der Kita bis Kultur – die es in anderen Quartieren auch gibt.

Hierfür ist es wichtig, alle beteiligten Akteure an einen Tisch zu bringen, damit die Zukunft der Innenstadt nicht alleine den Gestaltungswünschen einzelner Investoren überlassen wird. Aber es darf nicht vergessen werden, dass auch die Beschäftigten eine Perspektive brauchen. Viele von ihnen haben jahrelang im Einzelhandel gearbeitet und sich stark mit ihrem Arbeitsplatz identifiziert. Für die ehemaligen Karstadt-Beschäftigten, die den Beruf wechseln möchten, wird die sechsmonatige Laufzeit der Transfergesellschaft wohl nicht ausreichen, damit sie in einer ganz anderen Branche Fuß fassen können. Auch sie brauchen nicht nur die Solidarität, sondern auch konkrete Unterstützung von der Politik.

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