Ohne Grenzen

— Wenn sich das Privatleben mit dem Job vermischt

Die Trennlinie zwischen Arbeit und Privatem verwischt immer mehr. Das gilt für Hochqualifizierte genauso wie für Beschäftigte im Einzelhandel.

Marlene Weber weiß, wie sich ein schlechtes Gewissen anfühlt. Es nagt an ihr und führt regelmäßig dazu, alle privaten Pläne über Bord zu werfen. Dann nämlich, wenn ihr Vorgesetzter anruft und fragt, ob sie nicht sofort für eine kranke Kollegin einspringen kann. Die 48­Jährige ist Kassiererin bei einem Discounter, sie hat einen Vertrag über 25 Stunden pro Woche. Meistens arbeitet sie allerdings mehr, denn die Personaldecke ist dünn. "Wenn jemand ausfällt, gibt es keinen Puffer", sagt sie. Und es fällt oft jemand aus.

Weber, die ihren echten Namen nicht im Magazin lesen will, hilft dann aus, so wie es ja die anderen auch tun: Eine Kollegin bekam einmal abends einen Anruf vom Marktleiter, als sie auf einer Feier war. Zwei Mitarbeiterinnen hatten sich krankgemeldet. Sie sagte, sie könne nicht kommen, sie habe schon einiges getrunken. Dem Chef sei das egal gewesen. Er habe sie gedrängt, trotzdem zur Arbeit zu kommen. Und sie tat es.

"Im Einzelhandel herrscht ein knallharter Verdrängungswettbewerb", sagt die Soziologin Rena Fehre vom Impulsgeber Zukunft. "Es wird gespart, wo es geht, vor allem beim Personal." Das ist im Einzelhandel vor allem weiblich und arbeitet oft in Teilzeitverträgen, die nicht zum Leben ausreichen. "Die meisten würden gerne ihre Arbeitszeit aufstocken." Mit Teilzeitverträgen seien sie aber für den Arbeitgeber flexibler einsetzbar. In Zeiten, in denen viel los ist – etwa Anfang eines Monats – werden Überstunden angesetzt.

Vor allem Discounter nutzen dieses System: Manche Beschäftigte haben sogenannte kapazitätsorientierte variable Arbeitszeiten. Je nach Bedarf des Arbeitgebers wird weniger oder mehr gearbeitet.

Ständige Verfügbarkeit wird erwartet

Rena Fehre hat im Auftrag der Arbeitnehmerkammer Bremen zusammen mit Kai Huter und Peter Mehlis von der Uni Bremen eine Studie zum Thema "Entgrenzung von Arbeit und ihre Auswirkungen auf Familie und Gesundheit" am Beispiel des Einzelhandels und des Ingenieurwesens erarbeitet. Dabei wurde klar: Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verwischen vor allem im Lebensmitteleinzelhandel zuungunsten der Familie. "Teilzeit ist ja eigentlich prädestiniert für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf", sagt Rena Fehre. Tatsächlich aber sei es im Einzelhandel – zumindest im Discounterbereich – wegen der langen Öffnungszeiten und der Samstagarbeit oftmals schwierig, Kinder und Job unter einen Hut zu bekommen. "Auch wenn jemand nur einen 20­-Stunden­-Vertrag hat, wird von ihm häufig erwartet, ständig verfügbar zu sein", so die Soziologin.

Feste Arbeitszeiten sind selten. Dienstpläne werden oft kurzfristig erstellt. "Es gibt Filialen, da wissen die Mitarbeiter erst am Freitag oder Samstag, wie sie in der Woche darauf arbeiten müssen", sagt eine Betriebsrätin eines Discounters, die namentlich nicht genannt werden möchte. Und selbst die kurzfristigen Dienstpläne würden manchmal nicht eingehalten. "Wenn sich eine erwartete Lieferung um Stunden verzögert, werden Mitarbeiter schon mal früher nach Hause geschickt", erzählt sie. "Sie sollen dann am nächsten Morgen wieder kommen, auch wenn das ihr freier Tag ist."

Minijob nach der Elternzeit

Auf Eltern mit kleinen Kindern wird kaum Rücksicht genommen. Nur wenigen gelinge es, feste Arbeitszeiten mit dem Vorgesetzten zu vereinbaren, sagt ver.di­Gewerkschaftssekretärin Sandra Schmidt und die Discounter-Betriebsrätin erzählt, dass in ihrem Unternehmen die meisten Frauen nach der Elternzeit erst einmal befristet als Minijobberin zurückkehren. Denn mit der geringfügigen Beschäftigung sind wegen der geringen Stundenzahl meist feste Arbeitszeiten verbunden. "Manchen wird aber nach der Elternzeit auch ein so unattraktives Angebot gemacht, dass die Frauen ihren Arbeitsvertrag lieber auflösen", weiß Sandra Schmidt.

Betroffene klagen, ihnen werde das Gefühl gegeben, sie seien austauschbar. "Was mir fehlt, ist die Menschlichkeit", sagt die Betriebsrätin. "Ich habe das Gefühl, wir sind nur noch Nummern." Wer sich krankmelde, werde schon mal gefragt, ob es denn wirklich so schlimm sei, dass man nicht zur Arbeit erscheinen könne. Wer in seiner Freizeit nicht ans Telefon gehe, wenn der Filialleiter anruft, müsse sich rechtfertigen. Dabei ist die Gesetzeslage klar: Wurde keine Rufbereitschaft oder Bereitschaftsdienst vereinbart, muss ein Beschäftigter auch nicht erreichbar sein, sagt der Rechtsberater der Arbeitnehmerkammer Bremen, Alireza Khostevan.

"Auch wenn jemand nur einen 20-Stunden-Vertrag hat, wird von ihm häufig erwartet, ständig verfügbar zu sein."
Rena Fehre

Die Folgen sind fatal. In der Studie wird eine Discounter-­Beschäftigte zitiert: "Mir ist aufgefallen, wenn das Telefon klingelt, dann entsteht bei mir sofort innerlicher Stress (…). Auch wenn ich nicht rangehe. Nur dieses Klingeln und wissen, da ist wieder jemand ausgefallen, ich muss gleich ran. Ich komme nicht zu wirklichen Erholungsphasen." Wie sich das auswirkt, weiß die Discounter-Betriebsrätin: "Das Ende vom Lied ist, dass man krank wird." In den beiden in der Studie untersuchten Betrieben stieg der Krankenstand in den vergangenen Jahren deutlich an.

Angst vor Repressalien

Die wenigsten Beschäftigten im Einzelhandel wehren sich – aus Angst vor Repressalien. Für Rena Fehre ist deshalb klar: "Dreh- und Angelpunkt für die Situation im Einzelhandel ist der Aufbau einer Interessenvertretung." Betriebsräte sind aber in der Branche eher selten, die Tarifbindung nimmt ab. Ein Problem sei auch, dass sich Beschäftigte oftmals selbst unter Druck setzten. Aus eigener Initiative gingen sie über die vereinbarte Arbeitszeit und ihre Kräfte hinaus. "Sie begründen das mit ihrer individuellen Verantwortung, dem Umsatzziel, den Zeitvorgaben oder der Rücksichtnahme auf Kollegen."

Die Unternehmen nutzten das Verantwortungsgefühl aus. "Man gibt ihnen Ziele und erklärt ihnen, sie könnten diese erledigen, wie sie wollen", hat die Soziologin erfahren. Doch meist seien die Vorgaben nicht in der vorgesehenen Zeit umsetzbar. "So werden die Beschäftigten perfide unter Druck gesetzt."

Dass Beschäftigte ihre Arbeit selbst organisieren dürfen, ist ursprünglich ein Phänomen der hoch qualifizierten Projektarbeit. Die Beschäftigten bekommen Verantwortung und Gestaltungsspielraum übertragen. "Das empfinden die meisten als angenehm", sagt Axel Weise, Referent für Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen.

Im Ingenieurwesen – das auch für die Studie untersucht worden ist – sei es so möglich, den Freitagnachmittag für private Dinge freizunehmen – um dafür am Sonntagabend weiterzuarbeiten. Die Anwesenheit im Büro ist nicht immer zwingend notwendig; viele können sich auch zu Hause ins Firmennetzwerk einloggen. Ingenieure bei Atlas Elektronik haben diese Freiheit. Dort gibt es keine festen Arbeitszeiten, es gilt die Vertrauensarbeitszeit, die von jedem selbst erfasst wird. "Es gibt niemanden, der mich von der Arbeit abhält", sagt Gesamtbetriebsratsvorsitzender Volker Bahrenburg. "Wenn ich Spaß an der Arbeit habe, ist es mir auch egal, ob ich eine Stunde oder sogar zwei länger bleibe." Morgens kann dafür das Kind als eines der letzten in die Kita gebracht werden.

Gleitzeit verleitet zu Überstunden

Flexible Arbeitszeiten haben in den vergangenen 25 Jahren in fast allen Wirtschaftsbereichen sprunghaft zugenommen, sagt Peter Mehlis vom Zentrum für Arbeit und Politik (zap) der Uni Bremen und Mitautor der Studie. Nach Angaben der Hans-Böckler-Stiftung haben nur noch 45 Prozent der Beschäftigten feste Arbeitszeiten. Weitere 20 Prozent haben wechselnde, vom Unternehmen vorgegebene Arbeitszeiten. 25 Prozent dürfen im Rahmen von Gleitzeit über Anfang und Ende ihres Arbeitstags bestimmen, zehn Prozent haben volle Autonomie über ihre Arbeitszeit, so wie bei Atlas Elektronik. Das Problem: Gleitzeit und Autonomie verleiten die Beschäftigten regelmäßig zu Überstunden.

Gleitzeit und Autonomie verleiten die Beschäftigten regelmäßig zu Überstunden.

Das kennt auch Betriebsrat Volker Bahrenburg. Die Überstunden werden in seinem Unternehmen auf einem Kurzzeitkonto gutgeschrieben und später – wenn nötig – auf einem Langzeitkonto. Viele schafften es aber nicht, die Überstunden abzubauen. "Das Einzige was wirklich klappt, ist die Übertragung der Überstunden vom Langzeitkonto auf das Lebenszeitkonto." Die Zeit auf diesem Konto erlaubt einem Beschäftigten, später einmal früher in Rente zu gehen. "So ist das Langzeitkonto erst mal leer – und wird wieder gefüllt. So war das aber nicht gedacht", sagt Volker Bahrenburg. Manche schreiben ihre Überstunden gar nicht erst auf. "Vor allem wenn man von zu Hause noch schnell etwas erledigt, ist die Gefahr groß, dass Tätigkeiten nicht als Arbeitszeit dokumentiert werden", so Mehlis.

Die Möglichkeit des mobilen Arbeitens verleite zudem dazu, immer erreichbar zu sein. Es werden E-Mails noch spät abends, am Wochenende oder sogar im Urlaub gecheckt. "Für viele ist es ein hohes Gut, autonom arbeiten zu dürfen", betont Bahrenburg. "Aber es kann auch zu einer Belastung für die ganze Familie werden." Und zu einer gesundheitlichen Belastung. "Die Gefahr der Erkrankung wächst", sagt Bahrenburg.

Das Problembewusstsein fehlt oft

Für viele der für die Studie befragten Ingenieure stehe die Arbeit an höherer Stelle als familiäre Dinge, so Mehlis. In der Branche überwiege die Anzahl der Männer; für die Kinder seien eher die Partnerinnen zuständig. Das zeigt sich unter anderem bei Atlas Elektronik auch an der sehr niedrigen Teilzeitquote. "Teilzeit wird nicht häufig in Anspruch genommen", sagt Betriebsrat Bahrenburg. Der Grund: Die komplexen Projekte seien in Teilzeit nicht zu bewerkstelligen. Dass sich durch große Spielräume bei der Gestaltung der Arbeitszeit auch Job und Privatleben besser vereinbaren lassen, konnte Mehlis in den zwei für die Studie untersuchten Betrieben nicht feststellen. Der Leistungs- und Termindruck hindere die Beschäftigten häufig daran, ihre Arbeitszeit unter Berücksichtigung ihrer privaten Bedürfnisse flexibel zu gestalten. "Die Beschäftigten beuten sich zunehmend selbst aus", hat Mehlis festgestellt.

Text: Janet Binder
Foto: Kay Michalak

Kommentar von Axel Weise, Referent für Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik AKB_Icon_Comment2

Grenzen setzen!
"Entgrenzung von Arbeit ist kein neues Phänomen. Traditionell waren Freiberufler und Selbstständige wie Anwälte, Architekten oder Kreative betroffen. In den 90er ­Jahren kamen Ingenieure und IT­Mitarbeiter hinzu. Mittlerweile sind viele Berufstätige in unterschiedlichen Branchen wie der Gastronomie, der Logistik und dem Einzelhandel betroffen.

Arbeitsintensität und psychische Belastungen haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Grundsätzlich müssen hier politische Initiativen zur Arbeitsqualität wie die Kampagne "Gute Arbeit" ansetzen.

Im Bereich der Ingenieure und der Wissensberufe bedarf es vor allem der Regulierung der sich immer weiter ausbreitenden Mobilarbeit. Hierzu gibt es bereits gute Beispiele für entsprechende Betriebsvereinbarungen etwa bei BMW, der Telekom, Mercedes und Bosch.

Insbesondere im Einzelhandel ist der Gesetzgeber gefordert, der Zersplitterung des Arbeitstags in "bedarfsgerechte Zeit-­Häppchen" auf Abruf durch entsprechende gesetzliche Regulierungen entgegenzuwirken: kein weiterer Ausbau der Sonntagsarbeit, Reduzierung der zum Teil extrem ausgeuferten Ladenöffnungszeiten am Abend auf 22 Uhr."

 

Alireza Khostevan, Rechtsberater bei der Arbeitnehmerkammer Bremen, beantwortet Fragen aus dem Arbeitsrecht

Habe ich nach der Elternzeit das Recht, meine Arbeitszeit zu reduzieren und nur am Vormittag zu arbeiten?

Nach der Elternzeit haben Väter und Mütter keine Sonderrechte, können aber – wie jeder Beschäftigte – ihre Arbeitszeit reduzieren, wenn der Betrieb mindestens 15 Beschäftigte hat. Einzig aus betrieblichen Gründen kann das Unternehmen Teilzeit ablehnen. Das gilt auch für die gewünschte Arbeitszeitverteilung. Im Sinne seiner Fürsorgepflicht muss der Arbeitgeber aber angemessen Rücksicht auf die Kinderbetreuungszeiten der Eltern nehmen und die gewünschte Arbeitszeit möglichst arrangieren.

Muss ich spontan an meinem freien Tag einspringen, wenn ein Kollege krank geworden ist?

Wenn im Arbeitsvertrag die Arbeitstage – und damit auch die arbeitsfreien Tage – nicht festgelegt sind, kann der Arbeitgeber die Arbeitszeit grundsätzlich flexibel verteilen. Der Arbeitgeber muss eine gewisse Vorlaufzeit aber einhalten. Wie die konkret aussieht, ist sehr einzelfallabhängig.

Darf mein Chef mich im Homeoffice oder auf Dienstreisen überwachen?

Prinzipiell ja, zum Beispiel, indem er kontrolliert, ob jemand in seinen Computer eingeloggt ist. Die Installation einer durchgängig geschalteten Überwachungskamera wäre aber nicht erlaubt.

Bin ich verpflichtet, jeden Samstag zu arbeiten?

Das hängt vom Arbeitsvertrag ab beziehungsweise von der Branche. Grundsätzlich geht das Arbeitszeitgesetz jedoch von einer Sechs-Tage-Woche aus. Der Samstag gilt also als normaler Werktag. Nur bei jugendlichen Beschäftigten müssen grundsätzlich Samstag und Sonntag frei bleiben – für einige Branchen gibt es aber auch hier Ausnahmen. In einigen Tarifverträgen wurde zugunsten der Beschäftigten der freie Samstag ausgehandelt.

 

 

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