Mehr Anerkennung für wichtige Berufe

Auf bestimmte Berufe ist die Gesellschaft mehr angewiesen als auf andere: Das hat die aktuelle Corona-Krise eindringlich belegt. Kann die öffentliche Aufmerksamkeit dazu führen, dass diese systemrelevanten Berufsgruppen nun eine Aufwertung erfahren?

Auf bestimmte Berufe ist die Gesellschaft mehr angewiesen als auf andere: Das hat die aktuelle Corona-Krise eindringlich belegt. Kann die öffentliche Aufmerksamkeit dazu führen, dass diese systemrelevanten Berufsgruppen nun eine Aufwertung erfahren?

Text: Anne-Katrin Wehrmann
Foto: Jonas Ginter

Überstunden, spontanes Aushelfen außerhalb des Dienstplans, zu wenig Zeit für zu viele Patienten: Pflegekräfte in Krankenhäusern arbeiten ohne hin schon am Limit und müssen häufig über ihreKräfte gehen, um den Arbeitsalltag zu bewältigen. In der Corona-Krise hat sich der Druck noch einmal deutlich erhöht. Dabei sind die Pflegerinnen und Pfleger nur eine von verschiedenen Berufsgruppen, die im derzeitigen Ausnahmezustand im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung stehen. Ob es die Kassiererin im Supermarkt ist, der Lagerarbeiter oder die Reinigungskraft: In der Krise wird deutlich, dass die Gesellschaft auf bestimmte Arbeiten mehr angewiesen ist als auf andere. Aber erhalten die Menschen, die in diesen systemrelevanten Berufen tätig sind, tatsächlich die ihnen zustehende Anerkennung?

Überwiegend nicht. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Publikation des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) mit dem Titel „Systemrelevant und dennoch kaum anerkannt: Das Lohn- und Prestigeniveau unverzichtbarer Berufe in Zeiten von Corona“. Die große Mehrheit der als
systemrelevant definierten Berufe weise außerhalb von Krisenzeiten ein geringes gesellschaftliches Ansehen sowie eine vergleichsweise schlechte Bezahlung auf, schreiben die Autorinnen. Darüber hinaus zeige sich, dass diese Berufe mehrheitlich von Frauen ausgeübt werden. Zwar gibt es durchaus große Unterschiede: So finden sich mit Blick auf Lohn und Berufsprestige zum Beispiel die medizinischen und die IT-Berufe in der DIW-Übersicht weit über dem Durchschnitt. Insgesamt lasse sich aber feststellen, „dass über 90 Prozent der Beschäftigten in Berufen, die aktuell der kritischen Infrastruktur zugeordnet werden, nur einen unterdurchschnittlichen Lohn bekommen“, heißt es in der Studie.

Systemrelevant: ein Drittel aller Beschäftigten

Welche Berufe als systemrelevant gelten, also als unerlässlich für das Funktionieren der Gesellschaft, haben die Bundesländer jeweils einzeln festgelegt, um so den Anspruch auf eine Kindernotbetreuung zu regeln. In Bremen sind zusätzlich zu den 21 in der DIW-Studie aufgeführten Berufsgruppen noch
zwei weitere benannt: die Bereiche Redaktion und Journalismus sowie Genuss- und Lebensmittelherstellung. „Nach dieser Definition arbeitet im Land Bremen ein Drittel der insgesamt gut 334.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in systemrelevanten Berufen“, berichtet Marion Salot, Referentin für Wirtschaftspolitik und Gleichstellung bei der Arbeitnehmerkammer.

Während im Bundesdurchschnitt zu knapp 75 Prozent Frauen diese unverzichtbaren Tätigkeiten ausüben, ist in Bremen der Frauenanteil mit 54 Prozent deutlich geringer. „Das liegt im Wesentlichen daran, dass der männerdominierte Logistiksektor mit seinen 25.000 Beschäftigten im Land Bremen besonders stark vertreten ist“, erläutert Salot. Würde man ihn herausrechnen, wären hier zu 63 Prozent Frauen tätig. Das mittlere Bruttomonatsentgelt liegt im Logistiksektor bei gut 2.400 Euro und damit unter dem Mittelwert von rund 3.300 Euro.

Dass die Tätigkeit von Ärztinnen und Ärzten besonders hoch angesehen ist, überrascht ebenso wenig wie die Tatsache, dass diese Berufsgruppe auch das höchste Einkommen unter allen systemrelevanten Berufen erzielt: In Bremen beträgt der monatliche Mittelwert knapp 6.400 Euro. Ganz am unteren Ende der Verdienstskala findet sich der Verkauf von Lebensmitteln wieder, wo Beschäftigte im Schnitt weniger als 1.900 Euro verdienen und der Frauenanteil bei 76 Prozent liegt. „Nicht nur das Gehalt ist in dieser Berufsgruppe sehr gering, sondern auch das gesellschaftliche Ansehen“, sagt Marion Salot. „Dabei sind das die Menschen, die in der jetzigen Situation mit am meisten gefordert und durch den
täglichen Kundenkontakt auch am meisten gefährdet sind.“

Die Referentin hofft, dass die derzeitige öffentliche Aufmerksamkeit genutzt werden kann, um die in den vergangenen Jahren stetig gesunkene Tarifbindung im Einzelhandel wieder zu erhöhen. Und nicht nur dort sieht sie Handlungsbedarf: „Alle Beschäftigten, die in diesen Wochen und Monaten besonders belastet sind und dabei unterdurchschnittlich verdienen, müssen ihren Einsatz nach Ende der Krise auf ihrem Gehaltszettel wiederfinden.“

Fachkraft im Fahrbetrieb

Fachkraft in der Lagerlogistik

Weg vom Lohn- und Preisdumping

Auf dem Balkon für die Heldinnen und Helden des Alltags zu klatschen, ist eine schöne Geste, reicht aber nicht aus: Davon ist auch Arbeitnehmerkammer-Geschäftsführerin Elke Heyduck überzeugt. „Wir müssen jetzt dringend über die Bezahlung dieser Berufe diskutieren, wie auch über die Arbeitsbedingungen insgesamt und über das Thema Wertschätzung“, betont sie und nennt beispielhaft die jüngste Beschäftigtenbefragung der Kammer.

Die hatte unter anderem ergeben, dass in Bremen 96 Prozent der Beschäftigten in Krankenhäusern der Meinung sind, dass sie einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leisten – dass aber ein Drittel von ihnen mit dem Lohn unzufrieden ist und sogar 38 Prozent finden, dass ihnen die Gesellschaft zu wenig Anerkennung und Achtung für ihre Arbeit entgegenbringt. „Lange wurde an der Pflege gespart, wir erfahren jetzt, was passiert, wenn man das Gesundheitswesen marktförmig organisiert“, meint Heyduck. „Die Politik muss noch einmal ernsthaft überlegen, ob sie das wirklich so will.“

Akut brauche es in der Corona-Krise Aufschläge für die unterbezahlten Beschäftigten in unverzichtbaren Berufen wie Pflege, Lebensmittelverkauf und Logistik, meint die Geschäftsführerin. „Für die Altenpflege wurde das nun kurzfristig tariflich verabredet. In den anderen Bereichen können und sollten Arbeitgeber das auf freiwilliger Basis tun.“ Perspektivisch erhofft auch sie sich aus der aktuellen Situation einen Schub für neue Tarifverhandlungen. Heyduck: „Wir brauchen zum Beispiel im Einzelhandel eine Veränderung der Kultur, weg vom Lohn- und Preisdumping, hin zu fairer Bezahlung. Wir brauchen daher gerade in diesem Bereich einen allgemein verbindlichen Tarifvertrag, damit die Beschäftigten nicht am Ende der Nahrungskette stehen.“

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