Mit Rückenschmerzen zur Arbeit

Berufskrankheiten in der Pflegebranche

Beschäftigte in der Pflegebranche leiden besonders häufig unter Rückenbeschwerden. Hohe körperliche Belastungen sind ein Grund dafür – der große Zeitdruck im Arbeitsalltag ein anderer.

Text: Anne-Katrin Wehrmann – Foto: Kay Michalak

„Ich würde meinen größten Feind nicht in die Altenpflege schicken.“ Es ist eine harte Aussage, die Bernhard Springstein (Name von der Redaktion geändert) über einen Beruf trifft, den er einst mit großer  Begeisterung ausgeübt hat. Doch die Leidenschaft wandelte sich mit den Jahren zum Leiden, das den 59-Jährigen mittlerweile rund um die Uhr begleitet: Trotz dreier Bandscheiben-Operationen plagt er sich mit permanenten Rückenschmerzen herum, die ihre Ursache in seinem früheren Job haben. Heimbewohner im Bett aufsetzen oder in den Rollstuhl heben, ihnen in schiefer Haltung den Rücken waschen, sie zum Teil gegen ihren Widerstand anziehen – und das alles unter ständigem Zeitdruck. „Die Arbeit in der Altenpflege ist unterbezahlt, es herrscht großer Personalmangel und die körperliche Belastung ist extrem“, lautet sein ernüchterndes Fazit.

Bei Springstein fingen die Probleme acht Jahre nach seiner Ausbildung zum Altenpfleger an. Sein Rücken begann zunächst im Bereich der Lendenwirbelsäule zu zwicken und schmerzte schließlich immer stärker und immer häufiger. Es folgten Schmerzmittel, schlaflose Nächte und Krankschreibungen. Dann, eines Tages, erschreckte er sich auf der Straße über ein lautes Geräusch hinter sich und drehte sich ruckhaft um – danach konnte er sich plötzlich überhaupt nicht mehr bewegen.

Die Diagnose der Ärzte: Bandscheibenvorfall. Heute ist der 59-Jährige Frührentner und hat es nach langem Hin und Her geschafft, sein Rückenleiden von der zuständigen Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) als Berufskrankheit anerkennen zu lassen.

„Die Arbeit in der Altenpflege ist unterbezahlt, es herrscht großer Personalmangel und die körperliche Belastung ist extrem.“
Bernhard Springstein

Anerkennung als Berufskrankheit ist selten Damit ist Springstein eine Ausnahme. Zwar sind Beschäftigte in der Pflegebranche im Vergleich zu anderen Berufsgruppen besonders häufig von Rückenschmerzen betroffen: Eine Anerkennung ihrer Beschwerden als Berufskrankheit erfolgt aber nur selten. „Das ist ein sehr aufwendiges und kompliziertes Verfahren“, berichtet Niklas Wellmann, Berater für Berufskrankheiten bei der Arbeitnehmerkammer. So muss die Erkrankung unter anderem einem „belastungskonformen Schadenbild“ entsprechen, wie es in der Liste der Berufskrankheiten definiert ist (siehe Info-Kasten). Darüber hinaus müssen bestimmte arbeitstechnische Voraussetzungen erfüllt sein: Das heißt, dass eine betroffene Pflegekraft in ihrem Berufsleben eine gewisse Menge an Gewichten gehoben und getragen haben muss, was es anhand von detaillierten Fragebögen nachzuweisen gilt. „Bevor die BGW eine Rente zahlt, versucht sie zunächst, durch Rehabilitationsmaßnahmen, Umschulungen oder eine Anpassung des Arbeitsplatzes die Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen“, erläutert der Berater. Erkenne die  Berufsgenossenschaft eine Erkrankung nicht als Berufskrankheit an, könnten Betroffene bei dauerhaft eingeschränkter Arbeitsfähigkeit bei der Rentenversicherung eine Erwerbsminderungsrente beantragen,  was allerdings ebenfalls mit hohen Hürden und zugleich mit finanziellen Einbußen verbunden sei. Sofern eine Schwerbehinderung attestiert werde, bestehe ein Anspruch auf Teilhabeleistungen durch das Integrationsamt sowie ein besonderer Schutz gegen Kündigung.

Berufskrankheiten

sind Erkrankungen, die Versicherte durch ihre berufliche Tätigkeit erleiden und die in der Berufskrankheiten-Verordnung aufgeführt sind. Was dort nicht aufgelistet ist, kann von der zuständigen Berufsgenossenschaft auch nicht als Berufskrankheit anerkannt werden. In der aktuellen Liste ist lediglich eine Rückenerkrankung genannt, auf die sich Beschäftigte der Pflegebranche potenziell berufen können: die Nummer 2108, mit der „bandscheibenbedingte Erkrankungen der Lendenwirbelsäule durch langjähriges Heben oder Tragen schwerer Lasten oder durch langjährige Tätigkeiten in extremer Rumpfbeugehaltung“ anerkannt werden können.

 

Anspruch auf Teilhabeleistungen durch das Integrationsamt sowie ein besonderer Schutz gegen Kündigung. Laut Verena Hartig, die als Betriebsärztin unter anderem die Beschäftigten eines Bremer Krankenhauses und mehrerer Altenpflegeeinrichtungen betreut, sind Probleme mit der Lendenwirbelsäule ein „Klassiker“ in den pflegenden Berufen. „Meistens sind die Beschwerden muskulär bedingt“, berichtet die Medizinerin. Hauptursachen seien die täglichen Patiententransfers in Verbindung mit einer hohen psychischen Belastung, die schnell zu Verspannungen führe. Die gute Nachricht: „Wenn ich bei der Muskulatur ansetze, kann ich viel erreichen“, so Hartig. Eine gute Möglichkeit sei zum Beispiel das Rückenkolleg der BGW, in dem Betroffene in einem dreiwöchigen Programm gezeigt bekämen, wie sie mit berufsbedingten Belastungen des Rückens besser umgehen können. Insgesamt sei ihr Eindruck, dass Rückenerkrankungen zuletzt eher zurückgegangen seien. Hartig: „Viele kräftigen mittlerweile gezielt ihre Muskulatur, zum  Beispiel im Fitnessstudio, und auch im betrieblichen Gesundheitsmanagement wird inzwischen viel getan.“

Prävention und bessere Arbeitsbedingungen

Und doch sind Rückenschmerzen für Beschäftigte in der Pflegebranche nach wie vor die Hauptursache für Fehltage, wie aus dem Gesundheitsatlas 2017 der Betriebskrankenkassen hervorgeht. „Es ist darum ganz wichtig, die Arbeitsbedingungen in der Pflegebranche zu verbessern“, betont Barbara Reuhl, Referentin für Arbeitsschutz und Gesundheitspolitik bei der Arbeitnehmerkammer.„Wir benötigen vor allem eine ausreichende Personaldecke und eine gute technische Ausstattung, die körperliche Arbeiten erleichtert. Daneben brauchen die Pflegekräfte gezielte Präventionsangebote, damit sie gar nicht erst krank werden.“  Eine der Grundvoraussetzungen, den Beruf wieder attraktiv zu machen, sei eine adäquate Bezahlung.

„In der Praxis ist der Zeitdruck so groß, dass Pflegekräfte momentan gar nicht die Möglichkeit haben, sich bei schweren Arbeiten einen Kollegen zur Unterstützung zu holen – oder einen Lifter, der vielleicht gerade am anderen Ende des Flures steht“, berichtet Verdi-Gewerkschaftssekretärin Kerstin Bringmann. Ein  weiteres Problem sei, dass die Dienstpläne zumeist an der Grenze zur Unterbesetzung aufgestellt würden: „Wenn dann jemand ausfällt, ist es gleich ein Notfall und andere Beschäftigte werden aus ihrer freien Zeit zur Arbeit gerufen.“ Zur nachhaltigen Verbesserung der Arbeitsbedingungen fordert die Gewerkschafterin verbindliche gesetzliche Personalquoten. „Es ist schon seit Jahren bekannt, dass wir auf einen  Pflegenotstand zusteuern. Da muss jetzt endlich etwas getan werden.“

Beratungstelle zu Berufskrankheiten AKB003_IconInfo

Bremen, Bremen-Nord und Bremerhaven

0421 .6 69 50 - 36 /-0

Die Beratungsstelle wird aus Mitteln der Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Verbraucherschutz finanziert. Die Beratung ist kostenlos.

 

Unsere Geschäftsstellen

Bremen-Stadt

Bürgerstraße 1
28195 Bremen

Tel. +49.421.36301-0

Beratungszeiten
Bremen-Nord

Lindenstraße 8
28755 Bremen

Tel. +49.421.669500

Beratungszeiten
Bremerhaven

Barkhausenstraße 16
27568 Bremerhaven

Tel. +49.471.922350

Beratungszeiten

Arbeitnehmerkammer Bremen

© 2017 Arbeitnehmerkammer Bremen