Arbeiten auch nach der Rente?

Was tun, um den gewohnten Lebensstandard im Alter zu sichern?

Renten-Vorbild Österreich

Das Rentenniveau in Deutschland sinkt langfristig. Grund sind die Reformen der vergangenen 16 Jahre. Die Arbeitnehmerkammer Bremen fordert deshalb die Rückkehr zu einer starken gesetzlichen Rentenversicherung. Österreich zeigt, dass diese auch in Zeiten einer alternden Bevölkerung möglich ist.

Für deutsche Rentner muss es sich anhören wie ein Traum: Im Nachbarland Österreich bekamen im Jahr 2013 langjährig versicherte Neurentner im Durchschnitt 1.820 Euro im Monat Rente. In Deutschland waren es 1.050 Euro. Noch eklatanter war der Unterschied bei den Frauen: Hierzulande kamen sie auf eine monatliche Rente von 590 Euro, in Österreich waren es mit 1.220 Euro mehr als das Doppelte.

Auch wenn die Zahlen nicht eins zu eins vergleichbar sind: Sie zeigen, dass es in Deutschland deutlich schwieriger ist als in der Alpenrepublik, den gewohnten Lebensstandard im Alter zu sichern. "Durch die grundlegenden Reformen seit 2001 ist die gesetzliche Rentenversicherung dazu immer weniger in der Lage", betont Magnus Brosig, Referent für Sozialversicherungs- und Steuerpolitik der Arbeitnehmerkammer Bremen. Früher sei es der Politik darum gegangen, ein angemessenes Rentenniveau zu erreichen. "Jetzt wird häufig nur noch davon gesprochen, Altersarmut vermeiden zu wollen." Am Ende eines Erwerbslebens müsse aber wesentlich mehr als eine Grundsicherung von 800 Euro bezogen werden.

Arbeitgeber werden zum Nachteil der Beschäftigten entlastet

Das Dilemma: Die Bundesregierung will angeblich untragbare Beitragssätze für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vermeiden. "Tatsächlich geht es ihr aber darum, die Kosten für die Arbeitgeber zu beschränken", stellt Referent Brosig klar. Derzeit liegt der Beitragssatz bei 18,7 Prozent; Arbeitgeber und Beschäftigte teilen sich die Kosten je zur Hälfte. Um das sinkende Leistungsniveau auszugleichen, sollen Beschäftigte mit staatlicher Förderung stärker als zuvor kapitalgedeckt vorsorgen. Allerdings werden die freiwilligen Eigenleistungen von den wenigsten Beschäftigten auch so umgesetzt, wie der Gesetzgeber es vorgibt. "Das ist im Sinne der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aber auch gar nicht wünschenswert", betont Magnus Brosig. Denn um den bisher bewährten Leistungsumfang der gesetzlichen Rentenversicherung zu erzielen, würden Beschäftigte im Vergleich zu den Arbeitgebern überproportional belastet. "Das kommt den Beschäftigten im Endeffekt deutlich teurer, als wenn der Gesetzgeber den Beitragssatz erhöhen würde", sagt Brosig. Nach Berechnungen der Arbeitnehmerkammer müssen Beschäftigte bis 2030 über 20 Prozent Eigenanteil zahlen, wenn alle Belastungen zusammengerechnet werden. "Eine gesetzliche Rentenversicherung, die den Lebensstandard sichert, würde dagegen langfristig unter 15 Prozent liegen", so Magnus Brosig. Die Arbeitnehmer zahlten also drauf.

"Das Beispiel Österreich zeigt, dass eine starke gesetzliche Rentenversicherung möglich ist, ohne der Wirtschaft zu schaden." - Josef Wöss

"Wir müssen jetzt die Notbremse ziehen"

Die Arbeitnehmerkammer fordert deshalb, die radikalen Rentenreformen seit 2001 zurückzunehmen. "Wir brauchen wieder eine leistungsfähige gesetzliche Rentenversicherung", sagt Brosig. Das Rentenniveau wird nach Berechnungen des Bundessozialministeriums bis 2045 voraussichtlich auf 41,6 Prozent sinken, wenn der Gesetzgeber nicht gegensteuert. Gegenwärtig liegt es bei 48,2 Prozent. "Wir müssen jetzt die Notbremse ziehen", betont Brosig. "Eine öffentliche Rentenversicherung, die den Lebensstandard sichert, ist auch heute und zukünftig möglich." Das zeige das Beispiel Österreich.

Auch im Nachbarland gab es Rentenreformen. "Bei uns liegt der Schwerpunkt aber weiter ganz klar auf dem öffentlichen System", sagt Josef Wöss von der Kammer für Arbeiter und Angestellte Wien. "Privat- und Betriebsrenten spielen nur eine untergeordnete Rolle." Anders als in Deutschland sei Österreich nicht davon abgerückt, den Lebensstandard der Menschen durch die gesetzliche Rente sichern zu wollen. "Als Zielformel für die Jüngeren gilt: 80/45/65", so Wöss. Das bedeutet: Eine Bruttorente in Höhe von 80 Prozent des Lebensdurchschnittseinkommens bei 45 Beitragsjahren und einem Renteneintritt von 65 Jahren. Wie ist das möglich?

"Dafür gibt es mehrere Gründe", betont Josef Wöss. Der zentrale Unterschied ist, dass die Beitragszeiten in Österreich wesentlich besser bewertet werden als in Deutschland. Finanziert wird das mit einem deutlich höheren Beitragssatz als in Deutschland von 22,8 Prozent, der schon seit Jahrzehnten gleich geblieben ist. "Der Arbeitgeber trägt dabei mit 12,55 Prozent den größeren Teil", erklärt Wöss.

In Österreich zahlen auch Selbstständige ins Rentensystem ein

Auch wurde der Kreis der Pflichtversicherten vergrößert: Selbstständige zahlen ins System mit ein. Menschen mit niedrigem Rentenanspruch haben unter bestimmten Umständen Anspruch auf eine Ausgleichszulage, die höher ist als die deutsche Grundsicherung. Sie wird aus Steuermitteln finanziert, nicht aus dem Rententopf. Frühverrentungen sind nur noch mit hohen Abschlägen möglich.

Immer wieder werde dem österreichischen Rentensystem prophezeit, dass es wegen des demografischen Wandels und der damit vermeintlich verbundenen Kostenexplosion zusammenbrechen werde. Wöss kennt das schon: "Derartige Einschätzungen haben wir im Grunde schon seit Jahrzehnten. Aber alle seriösen Vorausberechnungen zeigen ein anderes Bild." Auch die Wirtschaft komme mit den Kosten gut zurecht. "Das Beispiel Österreich zeigt, dass eine starke gesetzliche Rentenversicherung möglich ist, ohne der Wirtschaft zu schaden."

Magnus Brosig weiß, dass das System nicht eins zu eins in Deutschland übernommen werden kann. "Wir sollten aber von Österreich lernen", regt er an. Denn wie das Rentensystem künftig aussehe, sei allein politischer Wille. "Es wird zwar von der Politik suggeriert, dass eine alternde Bevölkerung Leistungskürzungen und private Vorsorge notwendig machen. Diesen Automatismus gibt es aber nicht – wie das Beispiel Österreich zeigt."

Text: Janet Binder
Foto: Kathrin Doepner

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