Galerie der Arbeitswelt

Pavel Fedorenko: Streetworker

Die andere Seite des Lebens zeigen

Als Pavel Fedorenko mit Anfang 20 aus Kasachstan nach Deutschland kommt, steht ihm sein Sport-Trainer zur Seite: In seinem Wohnzimmer lernt er Deutsch. Jetzt zeigt er als Streetworker der Caritas Jugendlichen in Bremen-Nord, wie sie sich zurechtfinden können.

Wer sich als Jugendlicher vormittags im Dunstkreis der Lüssumer Schulen rumtreibt, sollte einen guten Grund dafür haben. Nach der freundlichen Begrüßung mit Schultercheck und Ghettofaust kommt Pavel Fedorenko sofort zum Punkt: "Und? Keine Schule heute?" Die Antwort ist eigentlich egal, denn den wahren Grund erfährt der 42-jährige Streetworker sowieso. Alle zwei Wochen trifft er sich mit den Sozialpädagogen der Schulen: "Dann tauschen wir uns aus: Wer kommt gut klar, wer nicht? Welche Gründe könnte das haben?" Seit drei Jahren kümmert sich der ehemalige Ringer der kasachischen Nationalmannschaft um Jungs und junge Männer zwischen zwölf und 21 Jahren. Viele "seiner" Jungs haben ihre Wurzeln woanders, in Afghanistan, im Iran, in Syrien, der Türkei oder in Russland. Einige leben schon von klein auf in Lüssum, andere kamen unbegleitet über den Balkan oder das Mittelmeer: "Oft müssen wir den Jugendlichen, gerade wenn sie geflüchtet sind, zeigen, dass es auch andere Seiten des Lebens gibt: entspannte, ohne ständige Angst."

Mit seinen Co-Streetworkern Tanja Ulbrich und Celal Sarioglu arbeitet Fedorenko Hand in Hand. Während Ulbrich Kunstprojekte anbietet und sich eher den Mädchen zuwendet und Sarioglu Jugendliche an den Kochtopf bringt, trainiert Pavel Fedorenko zweimal wöchentlich "Ringen gegen Gewalt". Oft wüssten die Jungs gar nicht, wohin mit sich, ihrer Energie, ihrem Frust und ihrer Langeweile. Im Training können sie sich auspowern: "Viele öffnen sich, fangen an, von ihren Familien und ihrer Heimat zu erzählen. Sport spricht alle Sprachen, die Nationalität ist egal. Sie lernen Disziplin und wie man respektvoll miteinander umgeht."

Allein und im Dreierpack ziehen die Streetworker los, um den Kontakt zu suchen, zu intensivieren und Angebote zu machen. Wo immer Jugendliche in Lüssum abhängen, Pavel Fedorenko kennt die Treffpunkte und ist meistens auch willkommen: "Manche haben schon von mir gehört, die sprechen mich sogar an. Bei uns geht alles freiwillig, ohne Zwang." Jeder der drei betreut feste Cliquen. Durch Ausflüge ins Kino, zu Sportturnieren oder Kurztrips nach Köln oder Hamburg versuchen sie aber, Jugendliche zusammenzubringen, die sich sonst eher aus dem Weg gehen. Unterstützung gibt es auch bei der Suche nach einem Praktikums oder Ausbildungsplatz oder wenn sie wegen zu vieler Drogen oder zu wenig Geld professionelle Beratung und Hilfe brauchen: "Wir sind gut vernetzt: mit Schulen, Freizis, Sportvereinen, Beratungsstellen, dem Kontaktpolizisten und Sozialarbeitern."

Fedorenko weiß noch genau, wie schwer seine ersten eigenen Schritte in Deutschland waren: Er sprach kein Wort Deutsch und sein kasachisches Diplom war plötzlich nur noch so viel wert wie ein deutsches Abitur. "Oft fragen mich die Jugendlichen, wie ich es denn geschafft habe. Ich setze meine Erfahrungen ein, um ihnen eine Perspektive zu geben." Zwar bezeichnet Pavel Fedorenko die Straße als seinen Arbeitsplatz, an den Schreibtisch muss er trotzdem: Projektanträge schreiben, Gelder, etwa für die Ringerausrüstung, beschaffen, die Entwicklung der Jugendlichen dokumentieren.

Dort informiert er sich auch über ihren Hintergrund: "Ich will ihren Aufenthaltsstatus wissen und auch, zu welchem Gott sie beten. Als Streetworker braucht man ein grundsätzliches Interesse an Menschen und ihrer Geschichte. Und viel Geduld – unsere Arbeit funktioniert langfristig."

Der Streetworker

Wer als Streetworker arbeiten möchte, braucht einen Abschluss in einem sozialpädagogischen Fach. An der Hochschule Bremen etwa hat man den Bachelor of Arts im Fach "Soziale Arbeit" nach sieben Semestern in der Tasche. In Oldenburg dauert der weiterbildende Studiengang "Interkulturelle Bildung und Beratung" vier Semester. Dieses Angebot richtet sich an Migrantinnen und Migranten mit pädagogischer Grundausbildung.

Text: Anette Melerski
Foto: Kathrin Doepner

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