Das sieht nach Arbeit aus

Eine kleine Kulturgeschichte der Berufsbekleidung

Arbeitskleidung ist robust und funktional. Sie zeigt aber auch Hierarchien im Betrieb und sozialen Status, kann Individualität demonstrieren und das Image des Unternehmens präsentieren.

28. Februar 2022
Text: Frauke Janßen
Fotos: Kay Michalak

Beim ersten Hinsehen fällt es kaum auf. Aber mit der Kleidung, die wir bei der Arbeit tragen, zeigen wir, wo wir beruflich und gesellschaftlich stehen. Das gilt selbst für Arbeitsfelder, in denen es keine Kleiderordnung mehr gibt. Die Etikette der Arbeit wirkt nach wie vor stark. Vor rund 100 Jahren ging es schon darum, Menschen, die an Maschinen arbeiteten von denjenigen mit einer Bürotätigkeit zu unterscheiden.

„Die einen bekamen Lohn, die anderen Gehalt. Das drückte sich auch in der Arbeitskleidung durch die Blue-Collar- und die White-Collar-Worker aus, sprich durch diejenigen mit einem Blaumann und die anderen mit einem weißen Kragen,“ berichtet Sandra Schürmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Museum der Arbeit in Hamburg. Der Blaumann war aufgrund seiner Beschaffenheit zwar schmutzabweisend und praktikabel. Darüber hinaus demonstrierten die farblichen Gegensätze aber den sozialen Status der Arbeitenden. Schaut man heute beispielsweise in Industriehallen, Versandhäuser oder auf die Umschlagplätze der Logistik, lässt sich der Status der Arbeitenden in der Regel an der Kleidung erkennen – inzwischen nur angepasst an Sicherheits- und Schutzauflagen und das Erscheinungsbild des jeweiligen Unternehmens.

Sind die Farben der Arbeitskleidung wirklich noch so bedeutsam? „Ja, zum Beispiel im Handwerk, wo immer noch bestimmte Kleidung in den einzelnen Zünften getragen wird – und das zum Teil schon seit dem Mittelalter. Auch dort symbolisiert man heute noch, abgesehen von der reinen Funktionalität, seine Zugehörigkeit“, sagt Sandra Schürmann. Handwerker- und Arbeitskleidung, die auf körperlich anstrengende Berufe hindeuten, werden zudem modisch vermarktet.

Hersteller und Händler freuen sich über das Image bestimmter Tätigkeiten und erschließen neue Absatzmärkte jenseits des tatsächlichen Bedarfs. Der „Branchenfokus Berufsbekleidung 2018“, veröffentlicht unter anderem vom Kölner Institut für Handelsforschung (IFH Köln), belegt das Wachstum: Allein 2017 habe die Branche ein starkes Umsatzplus von rund acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet, heißt es dort. Einzelne Modelle würden als echte Lifestyleprodukte wahrgenommen, kommentiert IFH-Experte Hansjürgen Heinick. Die beruf­liche Fähigkeit des Anpackens gilt als attraktiv. Neu ist der Freizeiterfolg von Arbeitskleidung nicht. Die Jeans stieg schon vor Jahrzehnten von der Arbeiterhose zum geschlechterübergreifenden Modeartikel auf.

Die Jeans stieg schon vor Jahrzehnten von der Arbeiterhose zum geschlechterübergreifenden Modeartikel auf.

Workwear, so heißt die Mode, bedient sich vor allem der Symbolik männerdominierter Handwerksberufe. Zwar dürfen die wenigen Frauen auf den Baustellen heute die gleiche Kleidung tragen wie ihre männlichen Kollegen. Die Frage, was als angemessen erscheint und was nicht, bleibt trotz zunehmender Unisex-Kleidung bestehen. „Über die Arbeit wurde immer schon die Geschlechterfrage mitverhandelt“, führt Sandra Schürmann aus.

Von Frauen wurde beispielsweise in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts noch erwartet, dass sie im Falle einer Heirat aufhören zu arbeiten. Berufstätige Frauen standen entsprechend unter gesellschaftlicher Beobachtung. „Es ging darum, ob eine Frau ehrbar war und ob sie die Normen an Schicklichkeit erfüllte“, erläutert Schürmann. Auffällig zeigte sich das etwa im Alltag von jungen, unverheirateten Sekretärinnen. „Sie standen in dem Ruf, es auf ihren Chef abgesehen zu haben. Diesem Verdacht versuchten die Frauen mit besonders anständiger Kleidung entgegenzuwirken: Röcke bis über das Knie, hochgeschlossene Blusen, bloß kein Dekolleté!“, so Schürmann weiter.

Das Klischee von der unanständigen Sekretärin hat sich indes noch Jahrzehnte lang gehalten. Ähnlich wie die Sekretärinnen verhielten sich auch die Dienstmädchen der damaligen Zeit, die ihre Moral als unantastbar am Körper trugen – allerdings meist nach einer vorgegebenen Kleiderordnung mit Schürze, mit der zugleich ihr sozialer Stand herausgestellt wurde.

„An jedem Arbeitsplatz gibt es explizite oder stillschweigende Vereinbarungen darüber, wie man sich anzuziehen hat.“
Sandra Schürmann, Museum der Arbeit

Männer trifft die Genderfrage damals wie heute unter anderen Vorzeichen. In nahezu allen Bereichen jenseits des einfachen Lohnerwerbs trugen Männer Anzüge, weil das so von ihnen erwartet wurde. „Man spricht auch vom Anzug als Uniform. Die standardisierten Schnitte waren perfekt dazu geeignet, die Männer alle gleichermaßen geschäftsmäßig aussehen zu lassen“, sagt Sandra Schürmann. Im Laufe der Zeit bekamen sie mit neuen Schnitten und Passformen etwas mehr Spielraum für eigene Kleiderwünsche. Die althergebrachte Etikette, sie müssten mit Krawatte und passenden Schuhen – keine Turnschuhe! – zur Arbeit erscheinen, gehört heute noch zum guten Ton.

Wie zum Beispiel im Bankensektor. Dort herrscht nach wie vor eine sehr traditionell geprägte Vorstellung davon, wie Männer auszusehen haben, die mit Kunden in Kontakt treten: Der Mann im Anzug steht für Seriosität, er ist vertrauenswürdig und beständig. Wie genau der Arbeitgeber Anzug- und Schuhetikette vorschreiben darf, wird gern vor Arbeitsgerichten verhandelt. „Dabei steht immer wieder die Abwägungsfrage im Raum, wie das Unternehmen dasteht, wenn Arbeitnehmer die Kleidervorschriften durch die Farbe der Hemden und Schuhe oder die Krawatte nicht einhalten wollen, sprich es geht um die Marker, mit denen Unternehmen ihre Werte kommunizieren“, so Schürmann.

Die Kleiderordnung spielt im Arbeitsleben also fast immer und überall eine Rolle. Selbst dort, wo es keine offiziellen Dresscodes mehr gibt, herrscht mancherorts die unausgesprochene Etikette – beispielsweise im gestalterischen Bereich etwa von Agenturen. Dort gilt es dann, sich keinesfalls von der Stange, sondern unbedingt individuell zu kleiden. Es geht gerade darum, Konventionen zu überschreiten, um das Unternehmensimage zu repräsentieren. Eine trügerische Freiheit. Sandra Schürmann fasst es so zusammen: „In jedem Unternehmen und an jedem Arbeitsplatz gibt es explizite oder stillschweigende Vereinbarungen darüber, wie man sich anzuziehen hat – die Kleidung ist und bleibt ein Kommunikationsmittel.“

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