"Erfolg ist individuell"

Warum Perfektion sinnlos und an jedem Gerücht was dran ist - Daniel Rettig im Interview

Warum Perfektion sinnlos und an jedem Gerücht was dran ist: Das erklärt der Journalist und Autor Daniel Rettig in seinem gleichnamigen Buch, in dem er „77 schonungslose Jobwahrheiten“ zusammengetragen hat. Das BAM hat nachgefragt.

Text: Anne-Katrin Wehrmann
Foto: Jonas Ginter

BAM: Herr Rettig, was hat Sie veranlasst, Ihre schonungslosen Jobwahrheiten zusammenzutragen und worauf basieren sie?

Daniel Rettig: Mir war aufgefallen, dass viele vermeintliche Karriereweisheiten kursieren, in denen erfolgreiche Menschen Ratschläge erteilen. Nach dem Motto: „Tu dieses und lass jenes, und dann hast du Erfolg.“ Bei so etwas werde ich als Journalist immer skeptisch, darum habe ich mich gefragt: Stimmt das eigentlich? Ich habe mir dann wissenschaftliche Studien zu diesen Themen angesehen und die haben viele dieser Mythen entzaubert oder zumindest relativiert. Es mag sein, dass solche vermeintlichen Erfolgswahrheiten für manche Personen zutreffen. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie sich automatisch übertragen lassen und für jeden gelten. Da muss man ein Stück weit warnen. Und darum habe ich das Buch geschrieben.

Sie schreiben im Vorwort: „Der Grat zwischen Erfolg und Scheitern ist äußerst schmal. Die Eigenschaften, die den Höhenflug ermöglichen, läuten mitunter den Absturz ein.“ Können Sie das erläutern?

Es gibt tatsächlich einen Punkt, an dem es kippt. Wenn Sie Chefin oder Chef sein wollen, dann hilft es, ein gewisses Charisma zu haben – weil Sie dann Menschen von Ideen, Geschäftsplänen und so weiter überzeugen können.
Wenn man aber zu viel davon hat, dann kann das schnell in Hybris, Rücksichtslosigkeit und eine gewisse Veränderungsresistenz kippen. Oder das Thema Leidenschaft: Es ist nicht schlecht, seine Arbeit zu mögen. Aber es kann Nachteile haben, seinen Job leidenschaftlich gerne zu machen. Auch darüber gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse. Zum Beispiel leiden solche Menschen eher unter Burn-out, denn ihnen fällt die Grenzziehung zwischen Beruf und Privatleben schwerer.

Eine Ihrer Erkenntnisse lautet, dass sich im Homeoffice keine Karriere machen lässt. Warum ist das so?

Das ist natürlich zugespitzt. Aber Studien sagen: Wer befördert werden möchte, braucht eine gewisse Sichtbarkeit. Der braucht ein bisschen die Flurfunkinformationen und muss die Stimmungen mitbekommen. Wenn es darum geht, mit wem eine höhere Position besetzt werden soll, dann werden die Kollegen aus dem Homeoffice eher mal vergessen. Außerdem fällt die Grenzziehung zwischen Arbeit und Feierabend im Homeoffice schwerer. Ich sage nicht: Schafft das Homeoffice ab – aber es ist eben auch nicht automatisch der Heilige Gral.

Wenn Idioten eher Chef werden, wie Sie schreiben, ist es dann vernünftiger, keine Führungsposition anzustreben?

Nein, auf keinen Fall. In vielen Unternehmen werden bloß die falschen Leute für die falschen Qualitäten befördert. In dem Kapitel zitiere ich eine Studie, die sagt: Menschen mit besonders vielen Geschäftsabschlüssen werden befördert, weil sie gute Zahlen erreicht haben, viele Kundenkontakte haben und herausragende Vertriebler sind. Das ist unbestritten eine wichtige Qualität – aber leider eine, die man als Chef nicht unbedingt braucht. Vorgesetzte müssen ihre Mitarbeiter führen und motivieren können, ihnen eine Vision geben, solche Dinge. Wer Führungsverantwortung übernehmen möchte, sollte sich dessen bewusst sein, in dieser Position andere Qualifikationen und Fähigkeiten zu brauchen als vorher.

Ein hohes Gehalt macht nicht glücklich. Wenn es am Geld nicht hängt, worauf sollte ich dann achten, wenn ich in meinem Job glücklich sein möchte?

Menschen wollen dazulernen, sich wohlfühlen und wertgeschätzt werden. Es ist wichtiger, etwas gut zu können als es gerne zu machen. Viele glauben, dass der Job immer Spaß machen muss. Man muss aber in Kauf nehmen, dass es Tage gibt, an denen das nicht so ist. Bei der Berufswahl sollte man daher einen Job wählen, der den individuellen Fähigkeiten und Talenten entspricht – und nicht den Vorlieben.

Ein weiteres Kapitel heißt: Schleimer vergiften das Betriebsklima. Wie erkenne ich schleimende Kollegen und wie gehe ich mit ihnen um?

Die sind schwierig zu erkennen, das ist das Wesen des Schleimers. Es gibt verschiedene Arten zu schleimen, zum Beispiel den Chef immer „in cc“ zu setzen, wenn man irgendetwas Tolles gemacht hat. Oder Unbeteiligte mit in den Verteiler zu nehmen. Der entscheidende Hebel ist, dass Führungskräfte das nicht zulassen. Man kann dezent versuchen, sie darauf hinzuweisen. Es gibt aber leider auch Vorgesetzte, die auf so etwas stehen und das nicht kritisch finden. Da bringt es dann auch nichts, den schleimenden Kollegen permanent anzuschwärzen. Wenn man merkt, dass der Chef oder die Chefin so etwas gut findet, dann sollte man vielleicht die Abteilung wechseln oder nicht mehr für diesen Menschen arbeiten.

Welchen Tipp haben Sie für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, wie sie mit den von Ihnen erwähnten kursierenden vermeintlichen Erfolgsrezepten umgehen sollten?

Nur weil Person A mit etwas Erfolg hat, heißt das nicht, dass das für Person B auch gilt. Denn Erfolg ist erstens sehr individuell und hängt von vielen Faktoren ab. Und zweitens ist er auch subjektiv: Der eine findet sich erfolgreich, wenn er viel Geld verdient, der andere, wenn er nachmittags um 15 Uhr zu Hause seine Ruhe hat. Jeder muss für sich selbst herausfinden, was für ihn Erfolg bedeutet und deswegen gibt es auch keinen Königsweg. Es gibt gewisse Dinge, die nie schaden können – aber alles in Maßen.

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Daniel Rettig ist Redaktionsleiter der digitalen Bildungsplattform ada und Autor von vier Büchern.

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