Neustart im Job

Walter Weiherts Berufslaufbahn ist bunt und bewegt

Berufswechsler in Bremen

Eine aktuelle Studie zeigt: Rund jeder dritte Arbeitnehmer wechselt mindestens einmal im Leben den Beruf. Experten fordern eine unabhängige staatliche Begleitung für diese Wechsler.

Text: Anne-Katrin Wehrmann – Fotos: Kay Michalak

Marlies Hinners war 16 Jahre alt, als sie mit einem mäßigen Abschluss die Hauptschule verließ. „In der Berufsberatung hieß es damals nur, dass es mit meinen schlechten Noten für mich nichts geben würde“, erinnert sie sich. Nach vielen Bewerbungen erhielt sie schließlich einen Ausbildungsplatz in einem Bremer Schuhgeschäft und wurde Verkäuferin. Doch schnell wurde ihr klar: Diese Arbeit lag ihr nicht. Aus Mangel an Alternativen blieb Hinners dennoch zunächst in ihrem erlernten Beruf, holte zwischenzeitlich ihren Realschulabschluss nach und schaute sich nebenbei auch in anderen Bereichen um. Dann brachte sie 1985 ihren Sohn zur Welt. Als der zur Schule kam, hatte sie sich entschieden: Auf keinen Fall wollte sie als Verkäuferin zurück ins Berufsleben. Durch Zufall erfuhr sie, dass der Beschäftigungsträger Bremer Bootsbau Vegesack (BBV) Auszubildende suchte. So begann sie im Alter von 30 Jahren eine Ausbildung zur Bootsbauerin. „Damit ging ein Traum in Erfüllung“, meint Hinners rückblickend, denn schon als Kind hatte sie sich für handwerkliche Tätigkeiten interessiert. Rund zwei Jahrzehnte lang bekam sie immer wieder Zeitverträge bei der BBV, war zwischenzeitlich mehrmals arbeitslos, bewarb sich vergeblich bei anderen Werften. Immer wieder bekam sie zu hören: Frauen sind im Bootsbau nicht erwünscht. Aus Frust darüber ließ sie sich in einer Phase der Arbeitslosigkeit zur Ergotherapeutin umschulen. Und als die BBV 2012 Insolvenz anmelden musste, wechselte die heute 57-Jährige in ihren nunmehr dritten Beruf. Seit knapp sechs Jahren ist sie jetzt als Ergotherapeutin im Ameos Klinikum Dr. Heines Bremen tätig, wo sie die Fahrradwerkstatt leitet und Patienten der Psychose- und der Drogenentzugsstation betreut. „Dasist eine sehr anspruchsvolle Arbeit“, erzählt Hinners. „Besonders mag ich, dass jeder, der eine handwerkliche Frage hat, damit zu mir kommt.“

Marlies Hinners - Verkäuferin, Bootsbauerin, Ergotherapeutin

 

Zahl der Wechsler in Bremen besonders hoch

Die Geschichte von Marlies Hinners ist kein Einzelfall. Eine aktuelle Untersuchung des Instituts Arbeit und Wirtschaft (iaw) mit dem Titel „Berufswechsel – Chancen und Risiken“ zeigt auf, dass rund jeder dritte Deutsche im Verlauf seines Berufslebens mindestens einmal komplett den Beruf wechselt. In Bremen war die Zahl der Wechsler demnach zuletzt sogar überdurchschnittlich hoch. „Das Thema besitzt also eine große Relevanz, es wird aber bisher noch sehr wenig diskutiert“, berichtet Kevin Wolnik vom iaw, der die Studie zusammen mit seinem Kollegen André Holtrup verfasst hat. Die Autoren unterscheiden in erzwungene, familiär bedingte sowie selbstinitiierte Wechsel und stellen fest, dass der Anteil an freiwilligen Berufswechslern in den Jahren nach der Wirtschaftskrise von 49,1 auf 55,6 Prozent gestiegen ist. „Wir vermuten, dass sich die Arbeitnehmer in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs mehr trauen und sich bestimmte Freiheiten ein Stück weit ,erkaufen?“, erläutert Wolnik.

Denn auch das zeigt die Studie: Wer den Beruf wechselt, muss danach zum Teil deutliche Nachteile in Bereichen wie Entlohnung, Gesundheitszustand oder Arbeitszufriedenheit hinnehmen. Häufig steht das in direktem Zusammenhang mit den Wechselmotiven. So führen familiär motivierte Wechsel, die im Übrigen ganz überwiegend von Frauen vorgenommen werden, in der Regel zu einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Zugleich gehen damit allerdings oftmals Einbußen beim Gehalt einher. Überdurchschnittlich positiv bewerten lediglich jene Berufswechsler ihre Gesamtsituation, die sich sowohl neu orientieren als auch ein höheres Einkommen erzielen wollten.

Aus ihren Ergebnissen leiten die Wissenschaftler einen Handlungsbedarf in mehreren Feldern ab. So  empfehlen sie die Einführung flexiblerer Arbeitszeiten in den Betrieben und eine Ausweitung der Kapazitäten in der Kinderbetreuung, damit Familie und Beruf künftig besser vereinbar sind. „Wer seinen Beruf wechseln muss oder möchte, sollte außerdem die Möglichkeit zu einer zweiten Ausbildung erhalten“, macht Wolnik deutlich. Und nicht zuletzt halten er und sein Mitautor den Aufbau einer professionellen Berufs-, Entwicklungs- und Weiterbildungsberatung durch öffentliche Institutionen für sehr wichtig.

Weitere Informationen AKB003_IconInfo

Weiterbildungsberatung in der Arbeitnehmerkammer

Termine für die kostenlose Weiterbildungsberatung des Landes Bremen unter:
grapenthin@arbeitnehmerkammer.de
0421.3 63 01-432
www.arbeitnehmerkammer.de/weiterbildungsberatung

Weiterbildungsberatung bei der Agentur für Arbeit Bremen-Bremerhaven

Beratungstermine sind in Bremen Mitte, Bremerhaven und Osterholz-Scharmbeck möglich.
Terminvereinbarung:
bremen-bremerhaven.130weiterbildungsberatung@arbeitsagentur.de
0800.4 55 55 00 (Stichwort: Weiterbildungsberatung), Mo–Fr 8–18 Uhr

Die Studie

„Berufswechsel – Chancen und Risiken“

Unabhängige Beratung und Recht auf Weiterbildung

Eine Empfehlung, die die Arbeitnehmerkammer unterstützt. „Wir brauchen eine unabhängige Begleitung, die sich an den individuellen Bedürfnissen orientiert“, betont Geschäftsführerin Elke Heyduck. „Die Zahlen zeigen: Sehr viele Arbeitnehmer wechseln irgendwann ihren Beruf, ob aus gesundheitlichen, familiären oder einfach privaten Gründen. Und es gibt kaum öffentliche Beratungsangebote, die diese Menschen unterstützen – das muss sich ändern.“ Eine weitere Forderung der Kammer ist die Einführung eines individuellen Rechts auf Weiterbildung. „Wenn es hier einen Rechtsanspruch gäbe, ließen sich Weiterbildungen beim Betrieb und auch beim Staat einfordern“, erläutert Gleichstellungsreferentin Esther Schröder. Die Wirtschaft sei in der Verantwortung, auch Quereinsteigern, Berufsrückkehrerinnen und älteren Mitarbeitern innerbetriebliche Fort- und Weiterbildungen zu ermöglichen. „Lebenslanges Lernen und Flexibilität sind nur zwei Schlagworte, die zeigen, dass die Ansprüche an die Mitarbeiter immer höher werden“, sagt Schröder. „Gleichzeitig fehlen aber genau dafür die Strukturen und Rahmenbedingungen. Dieser Widerspruch muss aufgelöst werden.“

Angesichts der hohen Zahlen von Berufswechslern dürften sich in nahezu jedem Betrieb Mitarbeiter finden, die nicht mehr in ihrem ursprünglich erlernten Beruf tätig sind. Auch in der Arbeitnehmerkammer, wie das Beispiel von Walter Weihert zeigt. Die bewegte Vita des 63-Jährigen begann mit einer Ausbildung zum Koch, die er jedoch nicht mit der Gesellenprüfung abschließen konnte, weil er sich mit dem Küchenchef überworfen hatte. Aus Sorge, mit dem Ruf als „Rebell“ keinen anderen Job zu finden, verpflichtete er sich für zwölf Jahre bei der Bundeswehr und ließ sich dort unter anderem zum Fahrlehrer ausbilden. In dieser Zeit bekamen Weihert und seine damalige Frau vier Kinder: Um die Versorgung seiner Familie sicherzustellen, wechselte er anschließend zum Finanzamt und absolvierte  berufsbegleitend ein Studium zum Diplom-Finanzwirt.

Als sich Anfang der 1990erJahre seine Frau von ihm trennte, geriet Weihert in eine Lebenskrise, in deren Verlauf ihm klar wurde, dass er beim Finanzamt nicht bleiben wollte. „Der Beruf füllte mich einfach nicht aus“, erzählt er. So begann er im Alter von 38 Jahren ein Philosophiestudium, arbeitete nebenbei als Fahrlehrer und machte sich schließlich als Kneipier selbstständig. „Da bin ich richtig aufgelebt“, erinnert er sich. „Aber nach mehreren Jahren mit Sieben-Tage-Wochen konnte ich irgendwann nicht mehr und habe die Kneipe wieder verkauft.“ Im Anschluss arbeitete Weihert als Bürokaufmann, wurde Prokurist und nach einigen Fortbildungen auch noch IT-Trainer. Über eine Beratungstätigkeit im Bereich Lohnsteuerhilfe kam er schließlich zur Arbeitnehmerkammer, wo er seit Ende 2016 fest angestellter Berater für Steuerrecht ist.

„Das klingt alles sehr bewegt“, sagt der 63-Jährige. „Aber jeder Wechsel hat eine Geschichte und letztlich hat vieles auch ineinandergegriffen.“ Die letzten knapp zwei Jahre bis zur Rente möchte Weihert dort bleiben, wo er jetzt ist. Immer wieder habe er sich in der Vergangenheit bei Vorstellungsgesprächen für seine Berufswechsel rechtfertigen müssen, berichtet er. „Ich würde mir da mehrAufklärung und mehr Akzeptanz in der Gesellschaft wünschen. Entscheidend ist es doch letztlich, die Potenziale der Menschen zu erkennen.“

Der Bedarf ist da

Und auch wenn nicht alle Lebensläufe so viele Wendungen nehmen wie der von Walter Weihert: „Wir befinden uns in einer Zeit, in der sich die Arbeitswelt sehr wandelt – und das immer schneller“, sagt Thomas Peuker, Weiterbildungsberater der Agentur für Arbeit Bremen-Bremerhaven. Seit April 2015 bietet die örtliche Arbeitsagentur zusammen mit 15 weiteren Standorten in Deutschland als Pilotprojekt eine gezielte Weiterbildungsberatung an, die die Entscheidungsfähigkeit in beruflichen Fragen stärken soll. Ziel ist es, damit einen Beitrag zur Beendigung oder Vermeidung von Arbeitslosigkeit sowie zur Fachkräftesicherung zu leisten. „Die Menschen brauchen eine solche Beratung“, hat Peuker festgestellt, „und zwar in allen Lebenslagen.“ Insgesamt 4.000 Gespräche haben er und seine Kollegen in den vergangen drei Jahren geführt. Dabei waren rund 70 Prozent der Beratenen in einem festen Job und wollten sich über Fortbildungen informieren oder sich am Arbeitsmarkt orientieren. „Das ist mehr, als wir erwartet hatten. Aber es zeigt, wie groß der Bedarf ist.“ Eine wissenschaftliche Begleitung des Pilotprojekts hat ergeben, dass eine Ausweitung der Lebensbegleitenden Berufsberatung (LBB) bundesweit von hohem Nutzen wäre. Ob diese Empfehlung tatsächlich umgesetzt wird, muss nun die Politik entscheiden.

Marlies Hinners wäre froh gewesen, wenn es zu ihrer Zeit schon eine solche Beratung gegeben hätte. „Eine fachliche Unterstützung hätte mir damals sehr geholfen“, sagt sie. Heute ist die 57-Jährige stolz darauf, wie weit sie es trotz aller Widrigkeiten gebracht hat.Dass ihre berufliche Laufbahn nicht immer geradlinig war, ist für sie in Ordnung. „Der Mensch entwickelt sich ja und wird reifer, und das wirkt sich eben auch auf die Berufstätigkeit aus“, meint sie. Sie sieht sich als gelungenes Beispiel dafür, dass auch nach einem schlechten Start noch eine ganze Menge möglich ist: „Meine Geschichte zeigt, dass schulische Leistungen nicht als ausschlaggebendes Kriterium für die Fähigkeiten eines Menschen gelten sollten.“

Kommentar von Elke Heyduck, Leitung Politikberatung und Geschäftsführerin AKB_Icon_Comment2

Berufswechsel begleiten!

Jeder Dritte wechselt im Lauf seines Erwerbslebens den Beruf – das ist so schlicht wie ergreifend. Wer es sich leisten kann, geht zum Karriereberater oder Coach, die meisten anderen sind auf sich allein gestellt.

Die Folgen zeigt unsere Studie auf: Allzu häufig verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen nach einem Berufswechsel. Aber – auch das zeigt die Studie – es können auch Chancen in einem solchen Wechsel stecken: Wer ihn freiwillig vollzieht, also in der Regel wohlüberlegt und mit ausreichend Zeit, verbessert seine Situation.

Damit das auch für die gelten kann, die aus betrieblichen, gesundheitlichen oder familiären Gründen gezwungen sind zu wechseln, brauchen wir eine kostenfreie, öffentliche Beratungsinfrastruktur. Die Weiterbildungsberatung bei der Arbeitnehmerkammer, aber auch das Pilotprojekt der Agentur für Arbeit zeigen: Der Bedarf ist da.

Steigende Burn-out-Zahlen, schneller veraltende Qualifikationen, die zunehmende Verantwortung auch von Männern für die Familienarbeit weisen in eine Richtung: Künftig könnte sich die Zahl der Wechsler eher noch erhöhen. Es gilt, politisch für gute Begleitung zu sorgen – damit der Wechsel nicht zur Fallgrube wird.

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