Die Pendler der Zukunft

Mobilität und Arbeit

Selbstfahrende Autos oder eine S-Bahn, die alle zehn Minuten nach Bremerhaven fährt? Die Frage, wie Beschäftigte künftig zu ihrem Arbeitsplatz pendeln, ist eine der großen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen.

Text: Meike Lorenzen – Foto: Stefan Schmidbauer

Es ist eng auf Bremens Straßen und in den Zügen des Nahverkehrs. Rund 183.000 Menschen pendeln im kleinsten Bundesland jeden Tag zur Arbeit. Mit 135.000 Menschen sind der größte Teil Einpendler. Vorwiegend kommen sie aus den Landkreisen Osterholz, Verden, Diepholz, Oldenburg, Wesermarsch und der Stadt Delmenhorst. Bei den hohen Immobilienpreisen in Bremen könnte die Zahl derer, die nach draußen ziehen, weiter steigen, glaubt Axel Weise, Autor der Branchenstudie „Automobilindustrie – Zukunft  der Mobilität“ (2018).

Gleichzeitig ist die Infrastruktur in und um Bremen mehr als nur in die Jahre gekommen. Laut Weser-Kurier habe der Landesrechnungshof schon vor Jahren einen „drastischen Verfall des Straßennetzes“ angemerkt. Und auch im Schienenverkehr herrscht Nachholbedarf. Aufgrund des starken Güterverkehrs Richtung Hamburg und Bremerhaven sind die Zugstrecken nur eingeschränkt für Pendler nutzbar.

Das Auto wird zum Chauffeur

„Bei Investitionen in die Infrastruktur sollten neue technische Möglichkeiten und veränderte Anforderungen der Pendler mitgedacht werden“, sagt Axel Weise, „wie das automatisierte Fahren.“ Bereits in den 1990er-Jahren waren Ingenieure zu Forschungszwecken mit selbstfahrenden Autos quer durch Europa unterwegs. Seitdem haben sich Pkw zu Computern auf Rädern entwickelt, deren technologische Ausstattung die des  Spaceshuttles übersteigt. Und während in den 1990ern die Maschine am Steuer für viele ein Horrorszenario  war, nutzen heute immer mehr Menschen automatisierte Einparkhilfen und liebäugeln mit der Idee des Autos als Chauffeur. 

„Selbstfahrende Autos als Ergänzung zum Nahverkehr werden kommen“, prophezeit Weise. Schließlich wünschen sich heutzutage immer weniger Menschen ein eigenes Auto. Vor allem die junge Generation legt offenbar keinen Wert mehr auf einen Neuwagen. Während das Durchschnittsalter der Neuwagenkunden 1995 noch 46,1 Jahre betrug, liegt es heute bei 53,1. 

„Zudem spielen Fragen der Nachhaltigkeit eine ganz andere Rolle als vor 20 Jahren“, sagt Weise. Pendler  würden sich öfter Pkw teilen. Der Boom von Carsharing-Angeboten bestätige diesen Trend. „Ich halte es für wahrscheinlich, dass man sich seinen Pkw künftig nicht mehr an einer Carsharing-Station abholen und dort abgeben muss, sondern dass das Auto die Fahrt alleine übernimmt“, so der Experte.

Personalisierte Mobilitätskonten

Erste Fahrten könnten auf einem Werksgelände zugelassen werden. Als Nächstes böte sich der automatisierte Verkehr auf der letzten Meile an. Damit ist der Weg von der Haltestelle (Straßenbahn, Zug) bis zum Arbeitsplatz beziehungsweise auf dem Land bis zur Haustür gemeint. Dieser stellt für die meisten Pendler das größte Hindernis dar und macht den öffentlichen Nahverkehr uninteressant. „In Kombination mit einem hohen Digitalisierungsgrad im ÖPNV wäre mit dem Einsatz autonomer Fahrzeuge eine wichtige Lücke im Pendelverkehr geschlossen“, sagt Weise. „Vorstellbar wären personalisierte Mobilitätskonten, die sich verschlüsselt per App steuern lassen.“ Die Pendler buchten dann also nicht mehr Verkehrsmittel, sondern die gesamte Strecke.

Mit dem automatisierten Fahren im Stadtverkehr wird es noch dauern. Größte Herausforderung ist das Datenaufkommen. Experten sprechen davon, dass ein autonom fahrendes Auto etwa 100 Megabyte  Datenvolumen pro Minute erzeugt. Wäre der gesamte Verkehr automatisiert, wäre die entstehende Datenmenge mit den heutigen Mobilfunknetzen nicht händelbar.

Innerstädtisch mache daher vor allem der Ausbau des Fahrradnetzes Sinn. Hier steht Bremen gut da. Über 700 Kilometer straßenbegleitende Radwege gibt es in der Stadt. Und die Radfahrer in Bremen sind im Verhältnis zu anderen deutschen Großstädten überdurchschnittlich hoch vertreten. Kein Wunder, dass Bremens Verkehrssenator weitere Premiumradwege voranbringen will, wie man sie etwa aus Kopenhagen kennt. Auch sollen Radfahrer stärker die Straßen nutzen dürfen.

Pendeln nach Berlin

Zudem wächst die Zahl der Fernstreckenpendler. Über 4.000 Bremerinnen und Bremer pendeln jeden Tag nach Hamburg, fast 2.000 nach Bremerhaven und etwa 1.500 nach Oldenburg. Auch nach Berlin zieht es etwa 770 Bremer Beschäftigte. Die Gründe sind vielfältig: Zum einen sind immer mehr Menschen nicht nur gut qualifiziert – sondern spezialisiert. Besonders in den wissensintensiven Dienstleistungen ist das Angebot  an Arbeitgebern beschränkt, ein Pendeln oft unausweichlich. Zum anderen sind verstärkt Frauen im Arbeitsmarkt integriert, was die Wahrscheinlichkeit reduziert, dass beide Partner einer Beziehung am selben Wohnort Arbeit finden. 

Der Fernstreckenverkehr der Bahn wird dieser Entwicklung nicht gerecht. „Eine S-Bahn-Strecke zwischen Bremen und Bremerhaven oder Bremen und Hamburg wäre ein Gewinn“, sagt Weise. Die Idee ist nicht neu. Im Ruhrgebiet und im Rheinland verbinden S-Bahnen mehrere Großstädte mit attraktiven Taktfrequenzen. Auch in der Schweiz und Japan wurden Modelle entwickelt, die weit voneinander entfernte Städte durch den Nahverkehr deutlich besser erreichbar machen. Ein weiteres Erfolgsmodell ist die Öresundbrücke, die das dänische Kopenhagen und das schwedische Malmö miteinander verbunden hat. Entstanden ist eine Wirtschaftsregion, die es vorher nicht gab.  

„Um als Wirtschaftsstandort attraktiv zu bleiben, spielt eine gute Infrastruktur eine bedeutende Rolle“, so der Experte. Und der Einsatz moderner Verkehrsmittel könnte dazu beitragen und das Leben vieler Pendler deutlich erleichtern.

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