Arbeit muss nicht glücklich machen

Zwischen Leidenschaft und Desinteresse

Arbeit muss nicht glücklich machen

Die meisten Beschäftigten sind zufrieden mit ihren Jobs – und doch haben viele das Gefühl, dass ihnen zum beruflichen Glück irgendetwas fehlt. Dabei muss nicht jeder in seiner Arbeit die ganz große Erfüllung finden. Leidenschaft wird in der Berufswelt überbewertet, meinen Fachleute.

Text: Anne-Katrin Wehrmann – Foto: Stefan Schmidbauer

Passend zum Tag der Arbeit teilte das Statistische Bundesamt eine bemerkenswerte Zahl mit: Aus einer Zusatzbefragung der Arbeitskräfteerhebung 2017 geht demnach hervor, dass 89 Prozent der  Erwerbstätigen in Deutschland mit ihrer Arbeit zufrieden oder sogar sehr zufrieden sind. So weit, so gut. Zugleich ist allerdings vielerorts zu hören und zu lesen, dass vermeintlich nur diejenigen gute Ergebnisse liefern und glücklich werden, die ihren Beruf sehr leidenschaftlich ausüben. Doch stimmt das überhaupt? Volker Kitz hat darauf eine klare Antwort: „Es besteht überhaupt kein Zusammenhang zwischen Leidenschaft und guter Arbeit“, meint der Autor des Buches „Feierabend! Warum man für seinen Job nicht brennen muss“. Im Gegenteil führe gerade eine gewisse nüchterne Distanz zum eigenen Tun dazu, bessere Ergebnisse hervorzubringen.

"Als hätte alle Leute, die bei der Arbeit nicht jeden Tag vor Freude platzen, etwas total falsch gemacht" - Volker Kitz

„Nicht die Arbeit macht Menschen unglücklich, sondern die Lügen, die wir uns darüber erzählen.“ So lautet eine der Kernthesen aus dem Buch des promovierten Juristen, der nach immer ähnlich verlaufenden Frustgesprächen im Bekanntenkreis die Relevanz des Themas erkannte. Es sei ja nichts dagegen einzuwenden, wenn jemand seine Arbeit toll finde und darin seine Erfüllung finde, sagt Kitz. „Ich sehe aber ein Problem darin, dass wir so tun, als wäre das der Normal- und Idealzustand zugleich. Als hätten alle Leute, die bei der Arbeit nicht jeden Tag vor Freude platzen, etwas total falsch gemacht.“ Wenn Medien immer wieder über Menschen mit tollen Berufen berichten, die für ihre Arbeit brennen, und wenn Stellenanzeigen für einen Job Freude, Herausforderungen und Lebenssinn versprechen: „Dann reibt sich vielleicht so mancher Sachbearbeiter die Augen und fragt sich: Mache ich etwas verkehrt, wenn ich hier weiterhin meinen Bürojob mache?“ 

Dabei seien es gerade die ganz normalen Routinearbeiten, die die Gesellschaft am Laufen hielten, macht der Buchautor deutlich: der Bäcker, die Busfahrerin, der Lohnbuchhalter oder die Sachbearbeiterin in der Versicherung. „Die große Masse der arbeitenden Bevölkerung macht ihre Arbeit gut und findet sie auch ganz in Ordnung. Sie leidet nur darunter, dass ihr ständig gesagt wird: Das reicht nicht.“ Der Buchautor plädiert darum für mehr Ehrlichkeit und für mehr Gelassenheit – und für einen pragmatischen Umgang mit Arbeit. „Das Lebensglück der Mehrheit hängt nicht von ihrer Arbeit ab“, meint Kitz. „Es scheitert am Gegensatz zwischen Realität und kolportiertem Ideal und genau da sollten wir ansetzen.“

Motivation durch die Aufgabe

David Richter vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) stimmt den Thesen des Autors grundsätzlich zu. „Gesellschaftliche Ehrlichkeit in der Hinsicht ist sicher nicht verkehrt“, meint der promovierte Psychologe. „Es gibt einfach Jobs, die gemacht werden müssen und die das Leben finanzieren – und das ist völlig in Ordnung.“ Tatsächlich sei es nicht der Zweck von Arbeit, Menschen glücklich zu machen. Seit 1984 führt das DIW mit dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) eine jährliche Wiederholungsbefragung von mehr als 12.000 Haushalten in Deutschland durch, in der unter anderem nach der Arbeitszufriedenheit gefragt wird. Auf einer Skala von null („ganz und gar unzufrieden“) bis zehn („ganz und gar zufrieden“) sollen die Befragten bewerten, wie zufrieden sie mit ihrer Arbeit sind. Dabei sind sowohl die Schwankungen im Verlauf der Zeit, startend bei einem Mittelwert von 7,6 im Jahr 1984 über 6,8 (2007) auf zuletzt 7,2 (2016), als auch  die Unterschiede zwischen einzelnen Berufsgruppen bemerkenswert gering. So betrachten sich beispielsweise Rechtsanwälte, Hochschullehrer und Forscher mit einem aktuellen Durchschnittswert von 7,5 als besonders zufrieden, während körperlich schwer arbeitende Berufsgruppen wie Maurer, Reinigungskräfte oder Bergleute regelmäßig die geringsten Zufriedenheitswerte(derzeit 6,5) angeben. Warum  im Ergebnis alle Berufe über die Jahre vergleichsweise nah beieinanderliegen, lasse sich nicht einfach beantworten, so Richter. „Da spielen viele unterschiedliche Faktoren hinein. Einige davon erfassen wir mit dem SOEP, für andere liefert die Befragung jedoch keine Daten.“ 

"Es gibt einfach Jobs, die gemacht werden müssen und die das Leben finanzieren - und das ist völlig in Ordnung" - David Richter

Beschäftigte müssen für ihren Job nicht brennen, um ihn gut zu machen: Davon ist auch Arbeitspsychologe  Michael Schottmayer überzeugt. „Aber zwischen Leidenschaft und komplettem Desinteresse gibt es ein großes Spektrum“, betont der Wissenschaftler der Universität Bremen. Wichtige Grundlagen für ein zufriedenes Berufsleben seien ein faires Einkommen und ein sicherer Arbeitsplatz. Als dauerhafte Motivation reiche das aber nicht aus, weil man sich daran gewöhne. „Was motiviert, ist die Aufgabe“, erläutert Schottmayer. „Wer eine anspruchsvolle Aufgabe mit Gestaltungsspielräumen hat, in die er sich mit seiner Kreativität und Kompetenz einbringen kann, fühlt sich sehr wahrscheinlich eher wohl in seinem Job.“ Und wer keine Leidenschaft für seine Arbeit verspüre, wolle zumindest Anerkennung erfahren, etwas Sinnvolles zum Gelingen eines bestimmten Produkts oder einer Dienstleistung zu leisten. Hier könne auch jeder selbst seine innere Einstellung hinterfragen: „Viel Leiden kommt dadurch zustande, dass viele den Sinn in ihrem Leben nicht erkennen. Aber es gibt immer einen – man muss ihn nur finden.“ So würden der Müllmann oder die Altenpflegerin schließlich einen enormen Beitrag zum gesellschaftlichen Gelingen leisten. 

Mehr Wertschätzung für „normale“ Berufe

Autor Volker Kitz will mit seinem Buch dazu beitragen, den „ganz normalen“ Berufen die verdiente Wertschätzung zurückzugeben. Dazu gehört aus seiner Sicht neben einer realistischen Einstellung zur Arbeit auch eine Diskussion über die Bezahlung: „Wertschätzung ist durchaus auch finanziell gemeint. Je mehr ein Arbeitgeber erzählt, wie toll es bei ihm ist, umso mehr will er sich womöglich vor einer angemessenen Bezahlung drücken.“ Betrachte man das Ganze pragmatisch, sei Arbeit letztlich nichts anderes als ein Tausch von Zeit gegen Geld. Übrigens wird Kitz in - zwischen regelmäßig auch von Unternehmen als externer Redner engagiert. Häufig würden ihm Vorgesetzte im Vertrauen sagen, dass sie seinen Thesen voll zustimmten, berichtet er: Nur dürften sie das nicht öffentlich zugeben. „Darum buchen sie mich – um auf Grundlage meiner Aussagen eine Diskussion im Betrieb zu starten.“

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