Alphabetisierung

Betroffen: rund 60.000 Bremerinnen und Bremer

Wenn der Lieferschein ein Rätsel bleibt

Rund 60.000 Bremerinnen und Bremer gelten nach der Level-One-Studie zur Schriftsprachkompetenz als „funktionale Analphabeten“. 14,5 Prozent der deutschsprachigen Erwachsenen im Erwerbsalter können nur einzelne Wörter und Sätze, aber keine zusammenhängenden Texte schreiben oder lesen. Jeder zweite Betroffene arbeitet.

Text: Janina Weinhold
Fotos: Kay Michalak

Simon K.* arbeitet seit Jahren bei einer Spedition im Lager. Wenn eine Warenlieferung ankommt, sagt er seinem Kollegen: „Mach du den Papierkram, ich lade schon mal den Lkw aus.“ Hat sein Kollege frei, meldet er sich krank. Niemand soll merken, dass er den Lieferschein nicht bearbeiten kann. Dafür schämt er sich. Helfen würde ihm ein Alphabetisierungskurs für Erwachsene. „Nur die Hälfte der Lernenden in unseren Kursen arbeitet. Offenbar ist es für sie ein großer Schritt, an zwei Abendterminen  pro Woche lesen und schreiben zu üben“, sagt Monika Wagener-Drecoll, Leiterin  Grundbildung an der Volkshochschule Bremen. Sie weiß: „Meist haben Betroffene schlechte Lernerfahrungen gemacht und Selbstzweifel.“

Susanne Achenbach, Referentin für Bildung und Ausbildung bei der Arbeitnehmerkammer Bremen, stellt sich vor die Betroffenen. „Die hohe Zahl der Betroffenen zeigt klar die bildungspolitischen Wurzeln beim Thema fehlender sicherer Umgang mit Schriftsprache“, betont sie. Bremen hat sich mit der „Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung“ zu mehr Engagement verpflichtet. „Noch haben wir nur knapp 500 Kursplätze für etwa 60.000 Menschen, die im Alltag an Schriftsprache scheitern. Damit sich deutlich mehr Menschen neu ans Lernen wagen können, braucht es mehr und auch neue Angebote“, fordert Achenbach.

Zwei noch junge Projekte setzen am Arbeitsplatz an und wollen eine neue Brücke zum Lernen bauen. Das DGB-Projekt „Mento“ richtet sich an Arbeitskollegen, Betriebs- und Personalräte. „Wir bilden sie zu Mentoren aus. Sie lernen typische Vermeidungsstrategien zu erkennen und die Betroffenen zu einem Kurs zu ermutigen“, erklärt Inga Neubauer, Mento-Regionalkoordinatorin, das Prinzip. Erste Mentoren können nun gezielt helfen. „Bisher wussten Kollegen oft unterschwellig von dem Problem, aber nichts von Lese- und Schreibkursen für Erwachsene“, sagt sie.
Das Bildungszentrum der Wirtschaft im Unterwesergebiet wirbt direkt bei Betrieben für  Alphabetisierungskurse im Unternehmen. Projektleiterin Marion Woelk-Heder berichtet: „Das Projekt ‚Alphagrund‘ lehrt Lesen und Schreiben mit direktem Job-Bezug. Oft zögern die Unternehmen. Doch mit zunehmendem Dokumentationsaufwand steigen auch der Bedarf und die Bereitschaft, Mitarbeiter mit Grundbildungskursen fitter zu machen.“ Für Kammerexpertin Susanne Achenbach sind beide Projekte gute Ansatzpunkte. Politisch fordert sie deutlich mehr Aufmerksamkeit und Ressourcen und die Enttabuisierung des Problems in Gesellschaft, Bildungssystem und im Betrieb.

Simon K. erhielte dann die Chance, den „Papierkram“ selbst zu machen und einen ersten Schritt in eine neue Welt zu gehen.

*Name von der Redaktion geändert

Informationen AKB003_IconInfo

Lese- und Schreibkurse für Deutsche bietet die Volkshochschule Bremen:
Anmeldung und Info im Fachbereich Grundbildung:
0421. 36 15 95 20

Beratung für Betroffene, Familie und Freunde beim alpha-Telefon:
0800.53 33 44 55

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