Alleinerziehende in Bremen

Ergebnisse der Befragung

Wege für Alleinerziehende

In Bremen leben immer mehr Alleinerziehende. Oft gehen sie arbeiten, doch bei vielen reicht das Einkommen nicht zum Leben. Warum das so ist und was sie unterstützen könnte, zeigt eine aktuelle Alleinerziehenden-Befragung und die Geschichte von Julia Bitomsky.

Text: Janina Weinhold
Foto: Kay Michalak

„Wir haben wenig Platz, aber es geht uns gut. Mein Job passt zu unserem Leben und seit einiger Zeit gibt es keinen Streit mehr mit meinem Ex-Mann“, beschreibt Julia Bitomsky ihr Lebensgefühl. Seit neun Jahren kümmert sie sich alleine um Jakob (14) und Greta (12). Seit zweieinhalb Jahren arbeitet sie als Verwaltungsangestellte für ein Arbeits-und Ausbildungsprojekt für Jugendliche bei einem sozialen Träger. „Meine 35-Stunden-Stelle bringt kein hohes Gehalt, aber mein Arbeitgeber ist familien- und arbeitnehmerfreundlich“, erzählt die Alleinerziehende. Nur an einem Tag arbeitet sie lange. Sonst schafft sie es meist rechtzeitig zurück bis ihre Kinder aus der Schule kommen. Beide besuchen Schulen mit Mittagessen. „Sie können inzwischen auch alleine bleiben, das erleichtert mir vieles“, sagt sie. Ihr Weg bis zu diesem Punkt war nicht leicht.

Rund 18.000 Alleinerziehende leben im Land Bremen. „Fast jeder dritte Haushalt ist alleinerziehend. Diese Familienform zählt längst zum Lebensalltag in Bremen. Und sie wächst“, sagt Esther Schröder, Referentin für Gleichstellungs- und Geschlechterpolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. Die Hälfte aller Alleinerziehenden ist auf Arbeitslosengeld II angewiesen oder muss aufstocken. Aktuell geraten wieder mehr Einelternfamilien in diese Lage. Die Arbeitnehmerkammer hat gemeinsam mit dem Senator für Arbeit und dem Jobcenter Bremen rund 1.300 betroffene Alleinerziehende befragt. „Wir möchten im O-Ton erfahren, wie es um das Lebensgefühl, die Alltagsrealität und die Wünsche von Alleinerziehenden steht“, erklärt Schröder. Mehr als die Hälfte der Alleinerziehenden meldete zurück, beim Bewerben und beim Thema Wohnen Benachteiligung erlebt zu haben. Bitomsky etwa wünscht sich ein gemeinsames Wohnzimmer. „Die Vierzimmerwohnungen im Umkreis liegen mit rund 1.000 Euro kalt jedoch weit über meinem Budget“, erzählt sie. Eine Trennung und dazu noch ein Umzug in einen neuen Stadtteil wollte sie ihren Kindern nicht zumuten. Also ist die kleine Küche das gemeinsame Wohnzimmer.

Vor dem Kind arbeiten 70 Prozent in Vollzeit, nach dem Kind arbeiten von den ehemals 70 Prozent nur noch 5 Prozent in Vollzeit, 51 Prozent in Teilzeit, arbeitslos sind 32 Prozent.

Sich nach der Arbeit als Mutter gut zu fühlen, musste sie erst lernen. „Früher habe ich jeden Tag gekocht, weil ich es so aus meiner Kindheit kenne und meine Kinder das Mensaessen nicht besonders mögen. Mittlerweile erlaube ich mir aber auch, es nicht zu schaffen, ohne mich schlecht zu fühlen“, erzählt Bitomsky. Mit zwei kurzen Arbeitstagen in der Woche bewältigt sie auch noch den Haushalt, Einkauf und sonstige Termine. Die Hälfte der befragten Alleinerziehenden fühlt sich zwar gesund, arbeitsbedingt aber gestresst und auch öfter am Limit. Nur zehn Prozent werden bei der Kinderbetreuung vom Ex-Partner unterstützt. Im Notfall oder in den Sommerferien finden fast 70 Prozent nur schwer oder gar keine Betreuung für ihre Kinder. „Ohne meine Mutter hätte ich die letzten Jahre nicht geschafft. Sie hat mich immer unterstützt und mir so wertvolle Zeit geschenkt“, erzählt sie. Julia Bitomsky hat eine kaufmännische Ausbildung und Berufserfahrung in der Schifffahrts- und Medienbranche. Sie heiratet und nimmt für die gemeinsamen Kinder Erziehungszeit. Als Greta drei Jahre alt ist, versucht sie in Teilzeit in ihren alten Job zurückzukehren. „Innerlich nur ungern, denn in der Verkaufsbranche sind 50 Stunden die Woche und Erfolgsdruck üblich. Teilzeit ist nicht gerne gesehen. Deshalb habe ich meinen alten Job verloren und auf meine Bewerbungen hagelte es Absagen“, erzählt sie. Auch unter den Alleinerziehenden im Leistungsbezug arbeiten immer noch rund 46 Prozent – jedoch in Teilzeit, Midi- oder Minijobs. Viele müssen aufstocken. Die Antwortbögen verraten auch, dass 72 Prozent keinen Unterhalt bekommen. Nicht einmal die Hälfte erhält alternativ Unterhaltsvorschuss vom Jugendamt. „Beide Elternteile sind rechtlich dazu verpflichtet, angemessen für ihre Kinder aufzukommen. Wir sprechen beim Unterhalt über einen Rechtsanspruch. Alleinerziehende brauchen aber Unterstützung, um ihn durchzusetzen. Sonst müssen sie – auch mit guter  Kinderbetreuung – das Familieneinkommen alleine verdienen“, sagt Gleichstellungsexpertin Schröder. Am 1. Juli wurden die bislang geltenden Beschränkungen zum Unterhaltsvorschuss aufgehoben. Gezahlt wurde bisher 72 Monate lang und maximal bis zum zwölften Lebensjahr des Kindes. Der Anspruch gilt jetzt ununterbrochen bis zum 18. Lebensjahr. Wenn Alleinerziehende zusätzlich aufstocken müssen, wird der Unterhaltsvorschuss jedoch angerechnet. „Mehr Geld vom Jugendamt bedeutet zugleich weniger Geld vom Jobcenter. Ein typischer „Verschiebebahnhof“ zwischen den  Behörden“, sagt Gleichstellungsexpertin Schröder zur Gesetzesänderung.

Die Befragung AKB003_IconInfo

Befragt wurden 1.267 Alleinerziehende, die in Abhängigkeit vom Jobcenter leben (also voll oder aufstockend Grundsicherungsleistung beziehen). 46 Prozent von ihnen arbeiten, 35 Prozent sind arbeitslos. 72 Prozent bekommen keinen Unterhalt vom anderen Elternteil, davon wiederum bekommen 44 Prozent Unterhaltsvorschuss vom Staat.

Julia Bitomsky hat sich während der Scheidung einen Unterhaltstitel vor Gericht erstritten. „Meine Anwältin war weltklasse“, sagt sie, zögert aber dabei. Sie spricht nicht gerne über die Zeit der Trennung. Bis zur endgültigen Scheidung vergehen fünf Jahre. Während einer Weiterbildung leben sie und die Kinder zunächst von Trennungs-und Kindesunterhalt. Trotzdem ist das Geld knapp und sie erhält Wohngeld und eine blaue Karte für die Kinder. Arbeit als Immobilienmaklerin scheitert an Abendterminen. Ein Minijob bei einem Elternverein ermöglicht ihr erste Erfahrungen im Verwaltungsbereich. Als die Scheidung durch ist, rutscht sie mit Minijob in Hartz IV. Beim Jobcenter erkämpft sie sich ein Berufsfindungs-Seminar mit Firmenbesuchen. „Ich wollte endlich eine zu mir passenden Stelle. So habe ich meinen heutigen Chef kennengelernt und meinen Wechsel vom Kaufmännischen in die Büroverwaltung geschafft“, sagt sie. Für Kammerexpertin Esther Schröder brauchen Alleinerziehende ein besseres Einzelfall-Management. 67 Prozent der arbeitslosen Alleinerziehenden in Bremen haben keine Berufsausbildung. „An erster Stelle muss geklärt werden, wohin die Betroffenen wollen brauchen eine Berufsausbildungsoffensive, gute Angebote auch in Teilzeit“, fordert sie.

Julia Bitomsky hat sich bereits zum zweiten Mal vor Gericht um angemessenen Unterhalt gestritten, als ihr Ex-Partner weniger zahlen wollte. Sie bekam Recht. Die Kinder sind alle vierzehn Tage beim Vater. „Wir haben uns arrangiert und sparsam leben macht mir nichts aus. Nur der Urlaub fehlt. Erholung wäre so wichtig“, sagt sie.

Der Wunsch nach günstigem Wohnraum spiegelt sich auch in der Befragung. Wünsche wie kostenlose Freizeitangebote für die Kinder oder eine Kur zeigen für Gleichstellungsreferentin Schröder politischen Handlungsbedarf: „Erst wenn die Existenzsicherung mit Unterhalt und gesundem Wohnumfeld gegeben ist, haben Alleinerziehende den Handlungsspielraum für ihre berufliche Perspektive.“ Kinderbetreuung und flexible Ausbildungs- und Arbeitszeitmodelle helfen allen Familien bei der  Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

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  • Alleinerziehend – ein Kaleidoskop von Lebens- und Arbeitssituationen

    Eine Befragung von alleinerziehenden erwerbsfähigen Leistungsberechtigten im Land Bremen 

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