Zu viel Arbeit macht krank

Pausenloses Arbeiten verringert nicht nur die Leistungsfähigkeit, sondern schadet langfristig auch der Gesundheit

Die Gestaltung der Arbeitszeiten im betrieblichen Alltag hat großen Einfluss auf die Gesundheit von Beschäftigten. Zwar machen sich die negativen Folgen von übermäßig viel Arbeit und zu kurzen Ruhezeiten häufig nur schleichend bemerkbar – umso wichtiger sind klare Arbeitszeitregelungen, denn sie leisten einen direkten Beitrag zum Gesundheitsschutz.

Text: Anne-Katrin Wehrmann
Foto: Kay Michalak

Melanie Weber fühlt sich gar nicht gut. Mit grippalem Infekt liegt sie im Bett: Der Schädel brummt, die Nase läuft, der Hals tut weh. Erschöpft ruft sie in der Firma an und meldet sich krank – woraufhin ihr Chef sie damit beauftragt, ihre Vertretung selbst zu organisieren. Es gebe in der Abteilung ja ohnehin eine WhatsApp-Gruppe, da sei das doch das Einfachste, meint der Chef. Weber fragt erst sich und dann ihren Betriebsrat: Darf der das?

Nein, das darf er nicht. Dennis Wernstedt, Berater Mitbestimmung und Technologieberatung bei der Arbeitnehmerkammer, bekam genau diesen Fall kürzlich auf den Tisch. Seine Antwort ist deutlich: „Erstens ist Frau Weber krank und damit nicht im Dienst. Und auch, wenn sie gesund wäre: Der Arbeitgeber darf nicht verfügen, dass Beschäftigte in ihrer Freizeit Arbeit erledigen müssen.“ Darüber hinaus könne niemand verpflichtet werden, im beruflichen Kontext seine Privatnummer zur Verfügung zu stellen. Die Entgrenzung von Arbeit ist ein Thema, das in Zeiten von Digitalisierung und Flexibilisierung der Arbeitszeiten zunehmend an Bedeutung gewinnt, berichtet Wernstedt. Dank mobiler Endgeräte und mobiler Daten böten sich Beschäftigten neue Möglichkeiten, ihre Arbeit flexibler zu gestalten – zugleich würden aber auch die Ansprüche der Arbeitgeber steigen, zum Beispiel mit Blick auf die Erreichbarkeit oder „kurze Arbeiten zwischendurch“ nach Dienstschluss.

Das Arbeitszeitgesetz AKB003_IconInfo

Das Arbeitszeitgesetz (ArbZG) verfolgt zwei grundlegende Ziele: Es soll Beschäftigte schützen und dabei zugleich den Unternehmen Flexibilität ermöglichen. Von den grundlegenden und branchenübergreifenden Regeln gibt es daher verschiedene Ausnahmen sowie Spezialregelungen für einzelne Branchen. Grundsätzlich gilt, dass an Werktagen eine Arbeitszeit von acht Stunden nicht überschritten werden darf. Sie darf auf zehn Stunden erhöht werden, wenn die Mehrarbeit ausgeglichen wird und innerhalb von sechs Monaten die durchschnittliche Arbeitszeit nicht mehr als acht Stunden beträgt. Ausnahmen sind darüber hinaus bei Arbeitsbereitschaft und Bereitschaftsdiensten sowie in Notfällen möglich.

Sonn- und Feiertage sind grundsätzlich arbeitsfrei, wobei es Ausnahmen für Beschäftigte zum Beispiel im Rettungs- und Gesundheitswesen sowie in der Gastronomie gibt. Nach einem Sonntagsdienst besteht Anspruch auf einen Ersatzruhetag innerhalb von zwei Wochen. Wer zwischen sechs und neun Stunden am Stück arbeitet, muss mindestens 30 Minuten Pause machen – bei mehr als neun Stunden beträgt die Mindestpausenzeit 45 Minuten. Zwischen dem Ende der Arbeitszeit und Beginn der nächsten Arbeitszeit – beziehungsweise zwischen zwei Schichten – muss eine Ruhezeit von mindestens elf Stunden liegen.

Bei Überstunden steigt das Unfallrisiko

Nicht wenige Beschäftigte tragen allerdings auch selbst dazu bei, die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit weiter zu verwischen. Nach Feierabend mal eben die Mails checken oder einen kurzen Anruf vom Chef annehmen? Schnell von zu Hause aus bei der Kollegin anrufen, um nach dem aktuellen Stand beim laufenden Projekt zu fragen? Keine Seltenheit, weiß Dennis Wernstedt aus der Beratungspraxis. „Dabei ist die Unterbrechung der Ruhezeit ja meistens nicht auf ein paar Minuten beschränkt, sondern die Gedanken kreisen dann oft noch viel länger um die Arbeit.“ Klare Regelungen zu Arbeits- und Ruhezeiten gehörten letztlich zu den Grundpfeilern des Arbeits- und Gesundheitsschutzes. In diesem Zusammenhang werde die Bedeutung des Arbeitszeit­gesetzes häufig unterschätzt: „Wenn zum Beispiel Arbeitsmittel nicht ergonomisch sind, ist jedem unmittelbar klar, dass das nicht gut für die Gesundheit ist. Der Einfluss der Arbeitszeit wird dagegen gerne bagatellisiert – die kleinen, schleichenden Langzeitfolgen sind schwerer zu greifen und darum nicht so präsent.“

Dabei ist längst bekannt, dass es diese Langzeitfolgen gibt. So stellt die vom Bundesarbeitsministerium ins Leben gerufene Initiative „Neue Qualität der Arbeit“ in einer Zusammenfassung der gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse fest, dass regelmäßige überlange Arbeitszeiten unter anderem das Risiko für Magen- und Darmbeschwerden, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie psycho-vegetative Beschwerden erhöhen. Zusätzliche Belastungsfaktoren wie hohe Arbeitsintensität erhöhen das Risiko für gesundheitliche Beeinträchtigungen demnach in besonderem Maße. Bei psychischer und körperlicher Belastung oberhalb der Dauerleistungsgrenze nimmt die Ermüdung über die Dauer der täglichen Arbeitszeit in der Regel exponentiell zu, heißt es dort – damit steigt auch das Unfallrisiko mit der Dauer einer Schicht an, nach der achten Stunde sogar exponentiell. Vor diesem Hintergrund erscheinen aktuelle Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, nach denen die Beschäftigten in Deutschland allein im ersten Halbjahr 2019 fast eine Milliarde Überstunden geleistet haben, noch einmal in einem ganz anderen Licht.

Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Arbeitszeit und Gesundheit.

Berater Dennis Wernstedt appelliert an Betriebsräte, immer wieder für dieses Thema zu sensibilisieren und auf den direkten Zusammenhang zwischen Arbeitszeit – bezogen nicht nur auf deren Länge, sondern auch auf ihre Verteilung, Dynamik und Planbarkeit – sowie die Gesundheit der Beschäftigten hinzuweisen. „Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen sich klarmachen, dass sie sich selbst schaden, wenn sie freiwillig Überstunden leisten, auf Pausen verzichten oder die Ruhezeiten zwischen zwei Schichten nicht einhalten“, sagt Wernstedt. Letztlich sei aber natürlich vor allem der Arbeitgeber in der Verantwortung, ein entsprechendes Umfeld zu schaffen und seine Beschäftigten zu schützen.

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Veranstaltungsreihe für Betriebs- und Personalräte

Di., 17. März 2020: Arbeitszeit und Gesundheitsschutz
Di., 28. April 2020: Arbeitszeit und Arbeitsvertrag

Jeweils von 15 bis 17 Uhr im Haus der Wissenschaft (Olbers-Saal)
Anmeldung unter 0421 .3 63 01 -957

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