Fast drei Milliarden Sendungen wurden 2015 bundesweit verschickt.

Das waren fast sechs Prozent mehr als im Jahr davor.

"Als Konsument sollte man schon schauen, was man vor Ort kaufen kann."

Marion Salot, Referentin für Wirtschaftspolitik

Die Kehrseite des Online Shoppings

Der Onlinehandel vermeldet jedes Jahr neue Umsatz­rekorde. Doch auch die Ansprüche der ­Kunden steigen. Die Folge: Der Druck in der Branche wächst – mit Folgen für die Arbeits­bedingungen.

Petra S. ist nur einen Mausklick von ihrem Wunsch-Standmixer für den perfekten Smoothie entfernt. Es ist Montag­abend; die 43-Jährige sitzt vor ihrem Laptop, liest im Internet Test­berichte und vergleicht Preise. Als berufstätige Mutter von zwei kleinen Kindern hat sie keine Lust und Zeit, einen Elektronikmarkt zu besuchen. Sie kauft lieber bequem von zu Hause aus ein, wenn die Kinder im Bett sind.

Der passende Mixer ist bald gefunden; der Klick auf den Knopf "jetzt kaufen" ist schnell gemacht. Die Lieferung ist kostenlos, schon übermorgen soll das Paket da sein. Von den mitunter haarsträubenden Arbeitsbedingungen und niedrigen Bezahlungen in der Branche hat sie schon gehört. Gedanken darüber gemacht hat sie sich aber nicht wirklich.

Onlinehandel erzielt jedes Jahr neue Umsatzrekorde

So wie Petra S. bestellen immer mehr Menschen immer mehr Ware im Internet. 2,9 Milliarden Sendungen ­wurden nach Angaben des Bundesver­bandes Paket und Expresslogistik 2015 bundes­weit verschickt. Das waren 5,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Entwicklung macht sich auch beim Umsatz der Onlinehändler bemerkbar. Laut Handels­verband Deutschland stieg der Umsatz durch E-Commerce bundesweit von 15,7 Milliarden im Jahr 2006 auf prognostizierte 44 Milliarden Euro im Jahr 2016.

An dem Paket von Petra S. wollen viele verdienen: der Hersteller, Transportunternehmen, das Sortierzentrum, die Paketzusteller und deren Subunternehmer sowie der Onlinehändler, in diesem Fall Marktführer Amazon. Und das bei kostenloser Lieferung? "Das geht nur, wenn man billige und hoch­flexible Arbeitskräfte hat", betont Marion Salot, Referentin für Wirtschaftspolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen.

In der Branche arbeiten die Beschäftigten zum Teil auf Abruf, im Schicht­dienst und an den Wochenenden – zu Löhnen, die mitunter nur minimal über dem Mindestlohn liegen. Das gilt sowohl für die einfachen Lager­arbeiter in der Sortierung als auch für die Fahrer der Subunternehmer, die für Paketzusteller wie DPD, GLS oder Hermes die Arbeit erledigen. Bei den Paketzustellern leisten sich nur DHL und UPS nach Angaben von ver.di-­Gewerkschaftssekretär Wolfgang Evers überhaupt eigene Beschäftigte. In der Lagerhaltung ist wiederum der Anteil der Leiharbeiter so hoch wie in keinem anderen Logistik-Bereich. In Bremen und Bremerhaven arbeiten über 4.000 Leiharbeiter im Lager. Dagegen stehen 20.000 regulär Beschäftigte.

Allen Unternehmen gemein ist der Druck, der auf ihnen lastet – und den sie an die Belegschaft weitergeben. Denn die Konkurrenz ist groß. "Je schneller das Paket da ist, desto attraktiver ist das Onlineshoppen für den Kunden", sagt Marion Salot. Kaum jemand möchte eine Woche auf seine Bestellung warten. Die zuverlässige und schnelle Lieferung ist deshalb ein wichtiges Wettbewerbskriterium für die Händler. Amazon bietet inzwischen sogar in vielen Großstädten, darunter auch Bremen, den Versand am selben Tag an – unter bestimmten Bedingungen sogar kostenlos.

"Als Konsument sollte man schauen, was man vor Ort kaufen kann."
Marion Salot

Die Zeitfenster für die Bearbeitung – sei es im Lager oder auf der Fahrt zum Kunden – sind aber bereits bei normalen Lieferzeiten für die Beschäftigten eng getaktet. "Schon eine Pause ist manchmal ein Problem", sagt Wolfgang Evers. Zusteller könnten noch nicht mal verschnaufen, wenn sie ein Paket in den fünften Stock ausliefern mussten und der Fahrstuhl defekt war. Manchmal werden auch zulässige Gewichtshöchstgrenzen bei den Paketen überschritten.

Monotone Arbeit macht psychisch krank

Körperlich anstrengend ist die Arbeit auch im Frachtzentrum – und ­monoton, vor allem bei der Vorbereitung für den Versand. Die Folge: "Diese Beschäftigten bekommen über alle Berufsgruppen hinweg am häufigsten Antidepressiva verschrieben", sagt Marion Salot. Mit anderen Worten: Die Arbeitsbedingungen führen zu psychischen Problemen, der Krankenstand unter den Versandfertigmachern ist entsprechend hoch.

Dabei braucht die Branche dringend Kräfte. Allein zwischen 2012 und 2015 entstanden in Bremen und Bremer­haven mehr als 2.200 zusätzliche Jobs im Lagerbereich. "Auch wenn nicht alle für den Versandhandel arbeiten, hat er seinen Anteil an dieser Entwicklung", sagt Marion Salot. Der Bedarf ist weiter­hin hoch: Als bekannt wurde, dass das Logistikzentrum DHL Home Delivery seinen einzigen Auftraggeber Amazon verliert und schließen muss, warben andere Logistikunternehmen Beschäftigte gezielt ab. "Die haben richtig gebuhlt", sagt Gewerkschafter Wolfgang Evers.

Fachkräftemangel in der Logistik

In der Logistik sei etwas einge­treten, womit er nicht gerechnet habe: ein Fachkräftemangel. "Im ­gewerb­lichen Bereich hätte ich das nicht für ­möglich gehalten", sagt Wolfgang Evers. Anderer­seits habe sich in der Lagerbranche eben auch viel verändert. "Die Beschäftigten brauchen heute technisches Verständnis und Softwarekenntnisse und müssen in der Lage sein, Prozessabläufe nachzuvollziehen." Immer mehr Fachleute sind gefragt.

Da die Unternehmen aber nicht bereit sind, die entsprechenden Löhne zu zahlen, werden auch zunehmend ­billige Arbeitskräfte aus Osteuropa eingesetzt. Im DHL-Paketzentrum in Bremen-­Hemelingen arbeiten neben den 250 Beschäftigten der Deutschen Post 60 Bulgaren mit Werkverträgen. "Sie machen die gleiche Arbeit", sagt Heiko Gehlken, Betriebsrat bei der Deutschen Post AG. Die finanziellen Bedingungen, zu denen die Bulgaren arbeiten, kennt er nicht. Er befürchtet aber, dass selbst der Mindestlohn mit Tricksereien untergraben wird.

Post-Beschäftigte haben Angst vor Sparplänen

"Unsere Beschäftigten haben Angst, was aus ihnen in der Zukunft wird", sagt Heiko Gehlken. Denn sie be­­kämen den Druck, den die Konzernspitze ausübe, voll zu spüren. Wegen des wachsenden Onlinehandels werde bundesweit in den Bau größerer Paketzentren investiert. "Die Beschäftigten profitieren aber nicht vom Wachstum." Im Gegenteil, am besten sollten sie noch auf Lohn verzichten, habe der Vorstand gefordert.

So sollte es eigentlich auch im Bereich Zustellung passieren: In Bremen arbeiten rund 100 DHL-Paketfahrer mit einem "vernünftigen" Haustarifvertrag der Deutschen Post AG, wie Gehlken sagt. Weitere 140 DHL-Kuriere erledigen die gleiche Arbeit für die ausgegliederte Delivery GmbH mit den weit schlechteren Konditionen des Logistik-­Tarifvertrags. "Eigentlich wollte die Post den kompletten Paketbereich in die Delivery GmbH ausgliedern", sagt Gehlken. "Das konnten wir mit einem Arbeitskampf zum Glück verhindern."

Neue Kollegen werden allerdings fast ausschließlich zu den schlechteren Konditionen eingestellt. Den Express-­Service hat die Post zudem komplett an Subunternehmer ausgelagert, die meist keinen Betriebsrat haben. "Im Vergleich zu anderen Zustellern sind die Arbeitsbedingungen bei uns sicher immer noch gut", sagt Gehlken. "Aber der Konzern versucht immer mehr, sich an die Strategie der anderen anzu­nähern."

Bei den anderen Zustellern, sagt Gewerkschaftssekretär Evers, werde manchmal im Graubereich zwischen legal und illegal gearbeitet – etwa mit Sanktionen bei einer zu hohen Quote nicht ausgelieferter Pakete. Hoffnung, dass sich die Arbeitsbedingungen der Logistik-Beschäftigten wegen des Fachkräftemangels ändern, hat Evers nicht. Dafür fehlten den Unternehmen, die ganz unten in der Kette des Online­handels stehen, die finanziellen Mittel.

Marktführer Amazon kann ­Bedingungen diktieren

Wie sehr die Branche unter Druck steht, zeigt auch das Beispiel von DHL Home Delivery. 300 Beschäftigte versendeten dort für Amazon bis zu 300.000 Pakete pro Monat. DHL hatte nach Angaben von Mitarbeitern aus taktischen Gründen den Vertrag mit dem Internet­riesen gekündigt, um vermeintlich eine günstigere Ausgangsposition für neue Vertragsverhandlungen zu haben. Man wollte bessere Bedingungen erreichen. "Das hat nicht funktioniert", sagt ein Insider, der namentlich nicht genannt werden möchte. Dabei sei Amazon zufrieden gewesen mit der geleisteten Arbeit. Angeblich soll Amazon einen Teil des bisher in Bremen abgewickelten Geschäfts nach Polen verlegt haben.

Über all das hatte sich Petra S. noch nie eingehend informiert. Künftig will sie nicht mehr so bedenkenlos Ware im Internet bestellen. ­Referentin Marion Salot könnte sich vorstellen, dass die Idee eines "fairen Pakets" bei verantwor­tungsbewussten Online­kunden Chancen hätte. Statt einer kosten­losen Zustellung zahlt der Kunde freiwillig einen Aufpreis für faire Arbeitsbedingungen. Bis so etwas eines Tages möglich sein sollte, rät sie: "Als Konsument sollte man schauen, was man vor Ort kaufen kann." Und zwar nicht nur wegen der Arbeits­bedingungen in der Logistikbranche. "Ich glaube, keiner will, dass die Innenstädte weiter veröden und es künftig nur noch ­virtuelle Marktplätze gibt."

Text: Janet Binder
Fotos: DHL, Kay Michalak

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