Der Einzelhandel: neue Spielregeln durch Tarifflucht und Digitalisierung

Im Land Bremen sind rund 28.000 Menschen im Einzelhandel tätig. 70 Prozent - knapp 19.000 - von ihnen sind weiblich. Doch nur jede vierte Frau hat hier noch einen existenzsichernden Arbeitsplatz in Vollzeit.

Der Einzelhandel ist nach dem Bereich "Verkehr und Lagerei", dem Gesundheitswesen und der Herstellung von Kraftwagen die viertgrößte Branche im Land Bremen. Aber Arbeitsverhältnisse geraten hier zunehmend unter Druck. Sowohl die steigende Bedeutung des Online-Handels und die zunehmende Digitalisierung, als auch politische Entscheidungen wie die Liberalisierung des Ladenschlussgesetzes haben zu einer massiven Verschärfung des Wettbewerbs beigetragen. Um in diesem Konkurrenzkampf zu bestehen, wird kräftig an der Personalkostenschraube gedreht – und damit die Prekarisierung im Einzelhandel forciert.

Über eine möglichst dünne, aber flexible Personaldecke versuchen viele Händler den steigenden Kostendruck zu kompensieren. Im Zuge dieser Entwicklung werden Vollzeitstellen durch Teilzeit- und Minijobs ersetzt. Von dieser Strategie sind besonders die weiblichen Beschäftigten betroffen. In keiner anderen Branche sind in den vergangenen zehn Jahren so viel Vollzeitarbeitsplätze für Frauen verloren gegangen wie im Einzelhandel.

Diese Entwicklung ist vor allem deshalb problematisch, weil die Löhne im Einzelhandel äußerst gering sind. So verdient eine Vollzeitbeschäftigte im Einzelhandel in tarifgebundenen Betriebenbis zu 2.500 Euro. In nicht-tarifgebundenen Unternehmen sind die Löhne allerdings um 25 bis 30 Prozent niedriger. Im zunehmenden Wettbewerb nimmt die Tarifbindung im Einzelhandel weiter ab: In Westdeutschland sind nur noch 38 Prozent der Beschäftigten in tarifgebundenen Unternehmen tätig. Durch den Verlust von Vollzeitstellen und die zunehmende Tarifflucht steigt für die im Einzelhandel beschäftigten Frauen auch die Gefahr der Altersarmut.

Aus Sicht der Arbeitnehmerkammer ist es deshalb wichtig, dass die Politik die Arbeits- und Rahmenbedingungen im Einzelhandel stärker in den Fokus nimmt.

  • So würde die Einführung allgemein verbindlicher Tarifverträge die Tarifflucht beenden und gleiche Rahmenbedingungen für alle Beschäftigten schaffen.
  • Anvisierte Flächenerweiterungen müssen mit einem erweiterten  Angebot und einem echten Mehrwert einhergehen. Bei wichtigen Ansiedlungsentscheidungen sollten zudem auch Gewerkschaften und Arbeitnehmer*innen-Vertretungen beteiligt werden.
  • Im Wettbewerb mit dem Online-Handel wird die Beratungskompetenz der Beschäftigten zum entscheidenden Kriterium. Die Qualifizierung und Weiterbildung der Fachkräfte wird daher an Bedeutung gewinnen. Dies muss schließlich auch in einer besseren Bezahlung münden.

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Dr. Marion Salot
Referentin für Wirtschaftspolitik und Gleichstellung

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