Für die Kleinsten nur die Besten

Fachkräfte in der Kindertagesbetreuung

Bremen ist beim Ausbau der Tagesbetreuung hinter den anderen Bundesländern zurückgeblieben. Umso mehr ist jetzt die Zeit für eine Fachkräfteoffensive.

Stark ausgeweitete Rechtsansprüche auf Betreuung und auf individuelle Bildung von Anfang an, gestiegene Anforderungen an die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen der Bildungs- und Familienpolitik – allein an diesen Punkten lässt sich eindrucksvoll nachvollziehen, welche Aufwertung Kindertageseinrichtungen und die Arbeit in ihnen in den vergangenen Jahrzehnten erfahren hat.

Schon seit 1990 steht es im Gesetz: Kinder von eins bis sechs Jahren haben einen Rechtsanspruch auf Bildung, Erziehung und Betreuung. Nach der Jahrtausendwende sorgte der PISA-Schock dafür, dass Bildung groß geschrieben wurde. Die Einrichtungen sollten nicht nur das Fundament für erfolgreiche Bildungskarrieren legen, sondern auch Benachteiligungen abbauen – angesichts der sozialen und kulturellen Vielfalt der Lebenswelten von Kindern nicht eben eine Kleinigkeit.

Kindertageseinrichtungen sind zudem unverzichtbar geworden, um Beruf und Familie zu vereinbaren. Vielfältige Familienmodelle, sozial und kulturell diverse Lebenswelten prägen dabei den Alltag in der KiTa und den der Fachkräfte. Mit den Eltern soll das pädagogische Personal partnerschaftlich zusammen arbeiten, deren Kompetenzen stützen und sie beraten. Nicht zuletzt sollen die Einrichtungen mit Schulen und Initiativen kooperieren, um gemeinsam das Zusammenleben vor Ort kinder- und familienfreundlich zu gestalten.

  • Betreuen, Erziehen, Bilden, Beraten, Vernetzen, das sind keine idealisierten Vorstellungen davon, was eine gute KiTa leisten sollte. So lautet der gesetzlich festgelegte Auftrag von Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege. Diese Vielfalt verdeutlicht, wie wichtig und zugleich wie komplex diese Arbeit in den vergangenen Jahrzehnten geworden ist.
  • Die Bereitstellung eines verlässlichen, bedarfsgerechten und flexiblen Angebots an Betreuungsplätzen hat noch eine weitere, wichtige Schlüsselfunktion. Erst dadurch entstehen die Voraussetzungen dafür, dass Eltern die Erziehungsarbeit partnerschaftlich untereinander aufteilen können und so auch eine (geschlechter-) gerechte Teilnahme am Erwerbsleben möglich ist. Vereinfacht gesprochen ermöglicht jede weitere zur Fachkraft ausgebildete Erzieher:in rund zehn Familien die erforderlichen zeitlichen Spielräume für ihre Erwerbstätigkeit. Hier hat Bremen nachzuholen: In keinem Bundesland ist die Erwerbsbeteiligung von Frauen so gering. Durch die Pandemie hat sich erneut gezeigt, dass es weiterhin vor allem Mütter sind, die bei einem Wegbrechen von Betreuungsstrukturen beruflich zurückstecken.
  • Ein bedarfsgerechtes Angebot an qualitativ hochwertigen Betreuungsplätzen wird auch für die Wirtschaft immer wichtiger. Es gilt mittlerweile als zentraler Standortfaktor, um für innovative Unternehmen und qualifizierte Fachkräfte attraktiv zu sein. Trotz dieser vielfältigen und sich gegenseitig befruchtenden Aufgaben, die ein qualitativ hochwertiges Betreuungsangebot übernehmen kann, fehlen in Bremen weiterhin zu viele Betreuungsplätze. Der Rückstand gegenüber anderen Bundesländern muss deshalb schnellstmöglich aufgeholt werden.

Die Fachkräfte, die dieses hoch anspruchsvolle Aufgabenfeld bewältigen, müssen viele Kompetenzen mitbringen. Ihre Ausbildung muss deshalb Wissen, Kenntnisse und Fertigkeiten in großer Breite und Tiefe vermitteln, um sie mit der Handlungsfähigkeit und Berufsethik auszustatten, die eine Gesellschaft zu Recht von denen erwartet, denen sie ihre kleinsten und verletzlichsten Mitglieder anvertraut.

Die Erzieher:innen bilden die Kerngruppe des Fachpersonals in der Kindertagesbetreuung. Sie werden an Fachschulen für Sozialpädagogik ausgebildet. Die Bildungsgänge sind deshalb formal als Weiterbildungen definiert, denn sie bauen auf einer beruflichen Erstausbildung bzw. einschlägigen Berufserfahrungen auf. Die Gesamtausbildungszeit unter Berücksichtigung der beruflichen Vorbildung in der Kindertagesbetreuung dauert grundsätzlich fünf, mindestens vier Jahre. Die zweitgrößte Gruppe sind geringer qualifizierte Assistenzberufe mit einer zweijährigen Ausbildung, deren Einführung von unterschiedlichen Seiten kritisch begleitet wurde. Am Rand des Feldes rangieren die Tagespflegepersonen, bei denen praktische Erfahrung, informelle Qualifizierung und die Teilnahme an Fortbildungsangeboten als ausreichend gewertet werden, um den Rechtsanspruch von Kindern auf Betreuung, Erziehung und Bildung sicherzustellen. Nur vereinzelt gibt es Fachkräfte mit akademischem Abschluss (z.B. Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen).

Bremen liegt zurück

Bremen ist beim Ausbau der Tagesbetreuung hinter den anderen Bundesländern zurückgeblieben. Auch Modelle einer flexibleren Kinderbetreuung werden nur schleppend umgesetzt. Zugleich ist im Land Bremen die Fachkräftesituation extrem angespannt – ein Ergebnis nicht nur der Haushaltsnotlage, sondern auch einer Ausbildungspolitik, die die Nachfrage und prognostizierten Engpässe nicht ernst genug genommen hat. Umso mehr ist jetzt die Zeit für eine Fachkräfteoffensive.

Am weiteren Ausbau geht kein Weg vorbei. Er wird aber nicht ohne gut ausgebildete Fachkräfte und attraktivere Rahmenbedingungen gehen. Dazu gehören eine gute tarifliche Bezahlung, gute Personalschlüssel und Ausbildungs- sowie Arbeitsbedingungen, die hochwertige pädagogische Arbeit erlauben. Ein Zielkonflikt zwischen Ausbau und Fachkräftesicherung muss vermieden werden. Dies gelingt, wenn die Kindertagesbetreuung stärker als bisher in den Fokus genommen wird und im Landeshaushalt deutliche Schwerpunkte gesetzt werden.

  • Praxisintegrierte Ausbildung PIA: Die praxisintegrierte Ausbildung wird vergütet, schafft soziale Sicherung schon in der Ausbildung und ist deshalb besonders attraktiv. Sie gilt es in jedem Fall fortzusetzen und auszubauen.
  • Die Finanzierung der „INRA“ (integrierte Regelausbildung) genannten Erzieher:innenausbildung, die den Schüler:innen mittels Aufstiegs-BAföG einen Beitrag zum Lebensunterhalt sichert, ist aus fiskalischer Sicht ein sinnvoller in der Kindertagesbetreuung Zwischenschritt – mittelfristig muss Ausbildung, die den Arbeitnehmerstatus begründet und tariflich vergütet wird, das Ziel sein.
  • Praxisanleitung: Damit sich mehr Erzieherinnen und Erzieher zu professionellen Anleitungsfachkräften weiterqualifizieren und Zeit für die Ausbildung des Nachwuchses in der Praxis bekommen, müssen Weiterbildung und Freistellungen gefördert werden.
  • Ausweitung der Kapazitäten an den Fachschulen: Die Ausbildungskapazitäten an den Fachschulen reichen nicht aus, um die Fachkräftelücke zu schließen. Sie müssen dringend ausgebaut werden.
  • Die von der Bremer Regierungskoalition beabsichtigte bessere Vergütung für Fachkräfte in den KitTas muss Schritt für Schritt umgesetzt werden.

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  • Zeit für die Familie?

    Analysen zur Inanspruchnahme von Elterngeld und Elterngeld Plus in der Stadt Bremen. Erschienen in der Reihe "Arbeit und Wirtschaft in Bremen", Ausgabe 18, April 2017

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