Mutterschutz neu regeln

Die Vereinbarkeit von Schwangerschaft und Erwerbstätigkeit ist kein Randgruppenphänomen: Über 70 Prozent der Frauen in Deutschland im Alter zwischen 20 und 45 Jahren sind erwerbstätig.

Die Arbeitnehmerkammer setzt sich für ein zeitgemäßes Leitbild des Mutterschutzes ein: weitestgehende Teilhabe an Erwerbsarbeit bei größtmöglichem Schutz für schwangere und stillende Frauen. 

Die relativ kurze Phase der Schwangerschaft kann das (Arbeits-)Leben einer Frau nachhaltig verändern: 

  • Der Anteil der Frauen in sozialversicherungsrechtlicher Beschäftigung sinkt mit der Zahl der Kinder. Bei Männern dagegen nimmt die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung – wenn auch in weniger stark ausgeprägtem Maß – zu, wenn sie Väter werden. 
  • Nach der Geburt ihres ersten Kindes sind es nach wie vor überwiegend Frauen, die ihre Arbeitszeit reduzieren.  
  • Nach der Elternzeit finden Frauen häufig nur schwer wieder Anschluss an Vollzeitarbeit. Mütter sind deutlich häufiger in Teilzeit tätig als Frauen ohne (minderjährige) Kinder. Männer hingegen arbeiten eher länger, wenn sie Vater werden. 
  • Viele Arbeitnehmerinnen steigen auf geringfügige oder anderweitig prekäre Beschäftigung um. 
  • Mütter haben geringere Chancen auf einen beruflichen Aufstieg und den Aufbau einer eigenständigen finanziellen Absicherung. Das wirkt sich auch auf die Teilhabechancen ihrer Kinder aus. 

Besonders betroffen sind Auszubildende, Frauen in prekärer Beschäftigung und Alleinerziehende. 

Schwangerschaft und Geburt – auch in der Arbeitswelt normal

Im Jahr 2015 wurden nach Angaben des Statistischen Landesamts im Land Bremen 6.211 neue Einwohnerinnen und Einwohner geboren: 5.204 Kinder in der Stadt Bremen, 1.007 in der Stadt Bremerhaven. Die Geburtenrate zeigt seit einigen Jahren wieder eine leicht steigende Tendenz. 

Das Durchschnittsalter von Müttern bei der Geburt des ersten Kindes lag in Bremen bei etwas über 29 Jahren, in Bremerhaven bei 26,5 Jahren. Die durchschnittliche Kinderzahl je Frau hat sich zwischen 2009 bis 2013 von 1,25 auf 1,33 erhöht (Werte für die Stadt Bremen). Der Anteil der Frauen ohne Kind ist im gleichen Zeitraum von 36 Prozent auf 33,7 Prozent zurückgegangen.

Die Schwangerschaft einer Mitarbeiterin scheint für viele Unternehmen ziemlich plötzlich zu kommen. Denn viele Betriebe sind nicht oder schlecht darauf vorbereitet, dass Mitarbeiterinnen Mütter werden. Eine Schwangerschaft wird oftmals eher als individuelles Problem wahrgenommen. Diese Wahrnehmung birgt häufig Konfliktpotenzial für die betroffene Frau und ihre Kolleginnen und Kollegen. Weil sie die Konflikte kommen sehen, melden viele Frauen ihre Schwangerschaft erst spät. Mitunter halten sie aus falsch verstandener Kollegialität belastende Arbeitstätigkeiten wider besseren Wissens aus. 

In vielen Unternehmen wird Schwangerschaft als notwendiges Übel angesehen:

In der "Frankfurter Karrierestudie" wurden mehr als 1.800 Frauen aus Fach- und Führungspositionen zwischen 26 und 55 Jahren befragt. 70 Prozent der Studienteilnehmerinnen hatten Abitur, 65 Prozent einen (Fach)-Hochschulabschluss, 95 Prozent waren berufstätig. Viele der Befragten erlebten berufliche Nachteile, nachdem sie ihre Schwangerschaft im Unternehmen bekannt gegeben hatten:  

  • Bei 72 Prozent der Befragten wurden anstehende Karriereschritte auf Eis gelegt 
  • Anstehende Gehaltserhöhungen wurden bei 48 Prozent der Befragten gestrichen oder in verminderter Höhe umgesetzt
  • Bei einem Drittel der Befragten äußerten die Vorgesetzten eine negative Einstellung bei Mitteilung der Schwangerschaft  

Ein Umdenken ist überfällig: Schwangerschaft und Geburt gehören zur Gesellschaft dazu, also auch in die Arbeitswelt. Ob ein Betrieb familienfreundlich ist und die Mitarbeiterinnen Familie und Beruf vereinbaren können, erweist sich spätestens dann – ohne Schwangerschaft keine Familiengründung. Schwangere und stillende Mitarbeiterinnnen können, natürlich im Rahmen des Mutterschutzes, "ganz normal" ihrer Beschäftigung nachgehen: das sollte als selbstverständlich in Organisation und Abläufe des Unternehmens einbezogen werden. 

Mutterschutz ist auch Arbeitsschutz

Mutterschutz muss als Teil des präventiv auszurichtenden, betrieblichen Arbeitsschutzes verstanden und umgesetzt werden. Hier kann die betriebliche Interessenvertretung im Rahmen ihrer Mitbestimmungsrechte umfassend mitgestalten. Sicher und gesundheitsgerecht gestaltete Arbeitsbedingungen ermöglichen es schwangeren oder stillenden Arbeitnehmerinnen, die berufliche Tätigkeit möglichst wenig zu unterbrechen. Das sichert Arbeitsplätze und Erwerbschancen von Frauen. 

Höchste Zeit für einen zeitgemäßen Mutterschutz

Das Mutterschutzgesetz regelt arbeitsrechtliche Fragen, finanzielle Absicherung und auch den Gesundheitsschutz von schwangeren und stillenden Arbeitnehmerinnen. Obwohl es seit seiner Entstehung mehrfach geändert wurde, haftet ihm bis heute der Geist der 50er Jahre an: Der Mutterschutz ist an vielen Stellen nicht mehr zeitgemäß. 

Neue Berufsfelder, Beschäftigungsverhältnisse und Belastungen weiblicher Beschäftigter sind nicht erfasst. Die Verantwortung des Arbeitgebers für die Gesundheit seiner Mitarbeiterinnen tritt vor der Bedeutung ärztlicher Atteste in den Hintergrund. Gestaltungsgebote sind nur schwer herauszulesen: Es fehlen Kriterien, wie Arbeit schwangerengerecht zu gestalten ist. Betont werden dagegen Verbote: Tätigkeits- bzw. Beschäftigungsverbote für Schwangere und Stillende. Für erwerbstätige Frauen hat dies diskriminierende und aussperrende Wirkung und es passt nicht mehr zum heutigen (Selbst-)Verständnis junger Frauen und zu den Vorstellungen einer modernen Betriebsorganisation. 

Die EU-Richtlinie Mutterschutz wurde in Deutschland nicht parallel zu den übrigen, eigenständigen Arbeitsschutzverordnungen – sie konkretisieren das Arbeitsschutzgesetz – umgesetzt.  Sie wurde vielmehr als Mutterschutzverordnung beim Mutterschutzgesetz angesiedelt. Nicht zuletzt deshalb wird der Mutterschutz bei der betrieblichen Arbeitsschutzorganisation häufig übersehen. Die Träger der Gesetzlichen Unfallversicherung erklären sich für unzuständig. Die Kontrolle der betriebliche Umsetzung liegt alleine bei der staatlichen Gewerbeaufsicht. 

Die derzeit laufende Novellierung des Mutterschutzes ist deshalb überfällig. Der Schutz von Mutter und Kind in der Schwangerschaft und während der Stillzeit sollte im Arbeitsschutz ebenso wie in der Frauen-, Gleichstellungs- und Familienpolitik geregelt und umgesetzt werden.  

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Barbara Reuhl
Referentin für Arbeitsschutz und Gesundheitspolitik

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  • Was heißt denn hier Mutterschutz?!

    Hrsg.: Arbeitnehmerkammer Bremen, AKF, DGB, DGPFG

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  • Schwangerschaft im Betrieb: kein Randgruppenthema

    Autorin: Barbara Reuhl; in: „frau geht vor“, Hrsg. DGB, Ausgabe 2/2016.

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