Berufskrankheiten – Das Beispiel Asbest

Das Wort "Asbest" stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet "unvergänglich". Asbest ist ein faserförmiges, natürlich vorkommendes Silikat-Mineral. Asbest ist höchst beständig, unbrennbar und kann auf verschiedenste Weise verarbeitet werden. Es gibt verschiedene Asbestarten; hauptsächlich wird Weißasbest (Chrysotil) verarbeitet.

Im Land Bremen wurde Asbest vor allem im Schiffbau verwendet, und auch im Hafen kamen viele Beschäftigte damit in Kontakt: Der Bremer Überseehafen war jahrzehntelang bis zu seiner Schließung 1991 Hauptumschlagsplatz für Rohasbest-Lieferungen an die deutsche Industrie. So zählte die AOK Bremen/ Bremerhaven insgesamt 202 Schiffe mit Asbestladung, die in von 1950 bis 1964 im Bremer Überseehafen abgefertigt wurden. Der Asbest wurde in Jutesäcken geliefert. Die Säcke waren oftmals beschädigt. Ehemalige Hafenarbeiter erinnerten sich, dass die Stauer im dicksten Nebel und tief im Asbeststaub wateten. 

Umgang mit Asbest hatten auch Beschäftigte in anderen Branchen, so im Handwerk: Fußbodenbeläge, Brems- und Kupplungsbeläge, Bauprodukte zur Abdichtung, zum Spachteln und als Feuerschutz, Textilien und Schutzkleidung sowie Pappen, Papiere, Straßenbeläge und Filter enthielten in vielen Fällen Asbest.

Erst Anfang der 1990er Jahre kamen die längst überfälligen gesetzlichen Asbestverbote. Aufgrund der langen Latenzzeiten bis zum Ausbruch der Krankheiten sind die Zahlen jedoch immer noch steigend. Was besonders traurig ist: Kanada, Russland, China und einige weitere Länder stellen ihre ökonomischen Interessen – genauso wie es auch die hiesige Asbestindustrie jahrzehntelang getan hat – weiterhin über die der Gesundheit. 

Erkrankungsrisiko Asbest

Die gesundheitsschädigenden Wirkungen von Asbest waren bereits in den 1920er und 1930er Jahren bekannt, aber erst seit 1942 wurde er als krebserzeugender Stoff in die Liste der Berufskrankheiten aufgenommen. Doch in den Wirtschaftswunderjahren interessierte das niemanden. Man arbeitete mit Asbest, als sei es das Harmloseste auf der Welt.

Seit den 1960er-Jahren sind die zerstörerischen Folgen dieser unverantwortlichen massenhaften Anwendung einer industriellen Technik auch durch große wissenschaftliche Studien gesichert. Es wurde nachgewiesen, dass das Krankheitsrisiko bei Arbeiten mit Asbest deutlich, oftmals um ein Vielfaches höher liegt als das Krankheitsgeschehen in der Normalbevölkerung. 

Was schädigt, ist nicht der gebundene Asbest, sondern die Fasern bzw. die Faserstäube, die beim Verarbeiten frei werden. Die Asbestfasern setzen ihre Schädigung im Lungengewebe fort. Es können Jahre, oftmals Jahrzehnte vergehen, bis die Schäden sichtbar und als Krankheit wahrgenommen werden – deshalb haben es die Betroffenen meistens schwer, den Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit zu beweisen.

Das Fatale: Der Krankheitsprozess kann ist nicht wirklich aufgehalten werden, es gibt keine ursächlichen Therapien. Wir man der Asbestose gewahr, hat sich in der Lunge oder am Lungenfell schon sehr viel Negatives entwickelt. Erst kommt die Luftnot, dann zeigt sich mit einer hohen Wahrscheinlichkeit nach vielen Jahren eine asbestbedingte Krebserkrankung. Nicht in jedem Fall aber geht einem Asbest-Lungenkrebs eine Asbestose voraus, dann kommt der Krebs "wie aus heiterem Himmel". Derzeit sind es weltweit über 100.000 Tote jährlich, die aufgrund einer Asbestkrankheit sterben. 

„Alte“ und neue Berufskrankheiten durch Asbest

Da mit Asbest in erster Linie in typischen "Männerbranchen" umgegangen wurde, sind in der Mehrzahl Männer von Asbest-Berufskrankheiten betroffen. Aber auch Ehefrauen und Kinder konnten durch Asbest belastet sein, wenn beispielsweise die Arbeitskleidung – was noch in den sechziger Jahren üblich war – zu Hause gewaschen wurde. Betroffen können Frauen und Kinder aber auch als Angehörige oder Hinterbliebene sein.

Es können außerdem Frauen, die im Zusammenhang mit dem Hafenumschlag mit Hilfs- oder Zulieferarbeiten beschäftigt waren, mit Asbest in Kontakt gekommen sein, beispielsweise bei der Weiterverarbeitung von Säcken, mit denen loses Asbest befördert worden war. Neue Erkenntnisse geben zudem Anlass zur Annahme, dass Asbest auch Ursache für eine Krebserkrankung der Eierstöcke sein kann.

Bis zu 30 Jahre oder länger können zwischen Asbestkontakt und dem Ausbruch der Krankheit vergehen. Mehrere Berufskrankheiten (BK) werden durch Asbest verursacht:

  • BK 4103 Asbeststaublungenerkrankung (Asbestose) oder durch Asbeststaub verursachte Erkrankung der Pleura
  • BK 4104 Lungenkrebs, Kehlkopfkrebs oder Eierstockkrebs, in Verbindung mit Asbeststaublungenerkrankung (Asbestose)  in Verbindung mit durch Asbeststaub verursachter Erkrankung der Pleura oder bei  Nachweis der Einwirkung einer kumulativen Asbestfaserstaub-Dosis am Arbeitsplatz von mindestens 25 Faserjahren
  • BK 4105 Durch Asbest verursachtes Mesotheliom des Rippenfells, des Bauchfells oder des Perikards

Das Ovarialkarzinom (Eierstockkrebs) durch Asbest wurde im August 2017 als Ergänzung der BK 4104 in die Berufskrankheiten-Liste aufgenommen. 

Das Mesotheliom ist eine hochspezifische Erkrankung – als Ursache kommt nur Asbest in Frage. Lungenkrebs ist jedoch eine unspezifische Erkrankung. Sie kann sowohl durch Tabakrauch, durch verschiedene Umwelteinflüsse und schließlich durch verschiedene Einflüsse am Arbeitsplatz und durch Kombinationswirkungen verursacht werden. Deshalb ist beim Lungenkrebs (BK 4104), wenn er als asbestbedingt anerkannt werden soll, die Arbeitsanamnese entscheidend für die Anerkennung des Zusammenhangs zwischen beruflicher Tätigkeit und Asbestbelastung. Zur Beurteilung dieses als "Kausalität" bezeichneten Zusammenhangs wurde die Hilfsgröße der "Faserjahre" entwickelt.

Asbest im Schiffbau und im Hafenumschlag im Land Bremen

1968 warnte die bremische Gewerbeaufsicht in einem ausführlichen Schreiben die Betriebsleitungen der Werftindustrie vor den Asbestgefahren. Die Betriebsleitungen ignorierten dies und gingen gegen Verfügungen der Gewerbeaufsicht mit juristischen Mitteln vor. Auch in den Belegschaften war es nicht einfach, mit diesem Thema "anzukommen". Erst als eine Gruppe mutiger Vulkan-Betriebsräte, die Gruppe "Echolot", 1974 damit begann, systematisch und fortlaufend über die Gefahren des Asbests und anderer Gefahrstoffe aufzuklären, änderte sich etwas. In der europäischen Gesamtschau kann heute gesagt werden, dass ohne die Arbeit der Echolot-Gruppe das Asbestverbot wahrscheinlich noch länger hätte auf sich warten müssen. Daran, dass jetzt immer mehr Asbestkrankheiten auftraten, war jedoch nichts mehr zu ändern. 

Für die Betroffenen ist es in vielen Fällen schwer, den beruflichen Zusammenhang nachzuweisen, denn sie verfügen meist nicht selbst über die entsprechenden Belege. Als Beispiel: Arbeiter, die 1978 über mehrere Monate hinweg Reparaturarbeiten auf dem Schiff "Kungsholm" ausführten, waren extrem asbestbelastet. Das damalige Staubforschungsinstitut der Berufsgenossenschaften versuchte, die Faserkonzentration in der Atemluft am Arbeitsplatz zu messen. Die Konzentration war so hoch, dass die Messköpfe verstopften, sie lagen aber sicher über 90 Fasern pro Kubikzentimeter. Am schlimmsten betroffen waren die sogenannten Bystander, d.h. Arbeiter, die in der Nähe eines Tischlers standen, der mit der Flex-Säge Asbestplatten bearbeitete. Viele Asbestose- und Krebs-Erkrankte bekamen jedoch die Auskunft, dass keine Messwerte vorlägen. Erst mittels Zeugenaussagen ehemaliger Kollegen oder durch den Vergleich mit bereits abgeschlossenen anerkannten Fällen konnte in diesen Fällen den Betroffenen geholfen werden. 

Noch schwieriger ist die Situation ehemaliger Hafenarbeiter, die in verschiedenen Betrieben und an wechselnden Stellen im Hafen tätig waren. Über die 1960er- und 1970er-Jahre, in denen sehr große Mengen an Rohasbest umgeschlagen wurden, gab es nach der Hafenschließung so gut wie keine Unterlagen mehr. Genauer: Über diejenigen Betriebe, die schon meist in den 1980ern ihre Existenz aufgaben, erloschen auch die Unterlagen bei der zuständigen Berufsgenossenschaft.

Asbesthaltige Materialien und Geräte – auch heute noch aktuell

Asbest ist nach wie vor in Gebäuden und Geräten zu finden, insbesondere wenn diese vor 1995 errichtet oder renoviert wurden: auf Dächern, in Leichtbauplatten, als abgehängte Decken, in Klebern und Spachtelmassen, in älteren Öfen und Nachtspeicheröfen, aber auch in alten Toastern, Haartrocknern und Bügeleisen kann Asbest zum Hitze- oder Brandschutz verwendet worden sein. 

Fest gebundener Asbest ist ungefährlich, aber bei Abriss- und Umbaumaßnahmen können Asbestfasern freigesetzt werden. Vor allem Beschäftigte in der Bauwirtschaft, aber auch Heimwerker, Bewohnerinnen und Bewohner sind gefährdet. Wer etwa ohne fachgerechten Schutz einen alten Nachtspeicherofen zerlegt, atmet unter ungünstigen Bedingungen in wenigen Stunden mehr Asbestfasern ein, als dieser in zehn Jahren Betrieb herausgeblasen hat. 

Die fachkundige Abklärung und Handhabung von Asbest-Altlasten bei Sanierungs- und Abrissarbeiten und der Entsorgung sind unerlässlich. Entsprechende Vereinbarungen, Maßnahmen und Handlungsempfehlungen wurden im Rahmen des Nationalen Asbestdialogs erarbeitet, den die  Bundesregierung gemeinsam mit Spitzenverbänden und Experten aus der Bau- und Wohnungswirtschaft, den Sozialpartnern sowie weiteren Organisationen von Ende 2016 bis Frühjahr 2018 durchgeführt hat. Zielsetzung war es, über Risiken im Umgang mit Asbest in den betroffenen Gebäuden zu sensibilisieren und den Schutz vor Gefährdungen durch Asbest beim Bauen im Bestand weiter voranzutreiben.

Dieser Text basiert auf einem Beitrag von Wolfgang Hien und Barbara Reuhl, aus: Arbeitnehmerkammer Bremen (Hrsg.) (2013): Wissenstransfer Berufskrankheiten. Erfahrungen und Ergebnisse aus dem Projekt „Wissenstransfer zur präventiven Unterstützung von Betrieben zur Verhinderung von Berufskrankheiten“. Schriftenreihe der Arbeitnehmerkammer Bremen, gefördert mit Mitteln aus dem Europäischen Strukturfonds (EFRE). Seite 39f.

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Barbara Reuhl
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