Gut beraten im Betrieb

– Unterstützung bei Problemen am Arbeitsplatz

Starke Arbeitsbelastung, Konflikte in der Partnerschaft, Probleme mit Kolleginnen oder Kollegen – irgendwann hat fast jeder Beschäftigte mit solchen und anderen Krisen zu tun. Egal, ob beruflich oder privat: Betriebliche Sozialberaterinnen und -berater stehen bei Problemen mit Rat und Tat zur Seite.

Text: Suse Lübker
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Enno Neukirch verspürt seit längerem immer größere Antriebslosigkeit, kann sich nur noch schwer zur Arbeit motivieren. In der Familie reagiert er öfter gereizt auf kleinste Anlässe. Am Arbeitsplatz wirkt er fahrig und unkonzentriert und meldet sich immer öfter krank. Ein Kollege, der ihn schon länger kennt, empfiehlt ihm, einen Termin bei der betrieblichen Sozialberatung zu machen. Der Kollege berichtet, habe selbst vor einiger Zeit einen Termin wahrgenommen, der ihm sehr geholfen hat.

Ein fiktiver Fall, der so oder ähnlich in vielen Unternehmen vorkommen könnte.

Betriebliche Sozialberatung ist eine freiwillige Maßnahme von Betrieben: Ausgebildete Sozialarbeiterinnen oder Psychologen unterstützen die Beschäftigten in Krisen und Notfällen – entweder in einer Abteilung im Unternehmen oder mit Unterstützung externer Beratungsunternehmen. In Bremen sind es eher die großen Betriebe, die Sozialberatung anbieten, darunter die Bremer Straßenbahn AG, Daimler oder ArcelorMittal Bremen. Auch die Universität Bremen steht ihren Mitarbeiterinnen oder Mitarbeitern mit psychosozialer Beratung und Coaching zur Seite.

„Das Themensprektrum ist immens!“

Das Angebot ist breit gefächert: Oft geht es in den Gesprächen um Konflikte mit Kolleginnen oder Kollegen oder Vorgesetzten. Viele Mitarbeitende nutzen die Beratung aber auch bei psychischen oder gesundheitlichen Problemen, bei Suchterkrankungen oder in finanziellen Krisen. Nicht immer lässt sich trennen, wieweit die Ursachen tatsächlich im Arbeitsleben liegen oder durch private Probleme verursacht werden.

„Das Themenspektrum ist immens, es gibt eigentlich kein Thema, mit dem man nicht kommen kann“, erklärt Birgit Sprecher vom Zentrum für Gesunde Arbeit der Freien Hansestadt Bremen. Die Diplom-Psychologin berät gemeinsam mit ihren sieben Kolleginnen und Kollegen Beschäftigte und Führungskräfte der bremischen Verwaltung und der Eigenbetriebe. Seit Herbst 2018 bietet Bremen für alle Beschäftigten im öffentlichen Dienst eine innerbetriebliche Sozialberatung.

Ob es sich um private oder berufliche Probleme handele, sei nicht entscheidend, so Sprecher. „Wenn Menschen Probleme haben, dann hat das Auswirkungen auf ihre Leistungsfähigkeit und auf die Gesundheit“. Umso wichtiger ist es, dass die Beschäftigten in die Beratung kommen, wenn sie eine Belastung spüren. Manchmal reicht dann schon ein Gespräch mit ein paar praktischen Tipps oder ein klärendes Gespräch mit dem Vorgesetzten. „Unsere Aufgabe ist es, Verständnis für die Situation zu zeigen und zu überlegen, wie der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin entlastet werden kann, damit der Druck nicht zu groß wird“, erläutert die Psychologin.

Burnout verhindern

Und der Druck steigt immer dann, wenn Menschen überfordert sind. Wenn Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter in immer weniger Zeit mehr leisten müssen und mit der steigenden Arbeitsbelastung nicht zurecht kommen. Das sei eine typische Ursache für einen Burnout, so sieht es Diplom-Sozialwissenschaftler Dirk Schröder, der seit 30 Jahren für die Ge.on BGM GmbH als Sozialberater bei ArcelorMittal Bremen arbeitet. Fühlt sich ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin stark überlastet, komme noch die Angst hinzu, Fehler zu machen und damit sich selbst oder andere zu gefährden. In der Beratung soll genau das verhindert werden.

Fast alle Beschäftigten kennen den Berater und seine beiden Kolleginnen, auch darum funktioniere es gut, so Schröder. Vertrauen sei ganz entscheidend. Alle wissen, dass sie gut aufgehoben sind und dass die Berater sorgsam mit den Informationen umgehen. Ein Vorteil von externen Beraterinnen oder Beratern ist, dass niemand mitbekommt, wenn ein Kollege oder eine Kollegin ins Beratungsgespräch geht. Grundsätzlich gilt: Wer die Beratung in Anspruch nimmt, braucht weder die Erlaubnis seines Vorgesetzten, noch muss er oder sie sich namentlich „outen“. Außerdem unterliegen alle Beraterinnen und Berater der Schweigepflicht.

Die Themen werden komplexer

Welche Probleme stehen im Vordergrund? Michael Hehemann, Arbeitsdirektor bei ArcelorMittal Bremen, sieht einen besonders hohen Beratungsbedarf bei psychischen Störungen – das zeigt auch eine Auswertung, die das Unternehmen im vorletzten Jahr durchgeführt hat: „Allein 30 Prozent der Befragten nennen psychosomatische und psychische Probleme wie zum Beispiel Depressionen oder Angststörungen als Anlass für eine Beratung“, so Hehemann. Das Unternehmen bietet seit 25 Jahren betriebliche Sozialberatung an. In den ersten Jahren ging es vor allem Alkoholismus am Arbeitsplatz – typisch für die damalige Industrielandschaft. Inzwischen holen sich nur noch sehr wenig Beschäftigte mit Suchtproblemen Unterstützung, berichtet Hehemann.

Der Beratungsbedarf steigt kontinuierlich, allein in den letzten zehn Jahren hat sich die Anzahl der Beratungsgespräche bei ArcelorMittal Bremen verdreifacht. „Wir sind ein Spiegelbild der Gesellschaft –  Informationsdichte und Geschwindigkeit nehmen zu, damit ändert sich die Art der Belastung auch bei uns im Betrieb und erweitert sich teilweise auch. Die Themen sind nicht nur mehr, sondern auch komplexer geworden“, erklärt Hehemann. Umso wichtiger sei es, die Belegschaft mit professionellen Beratungsangeboten zu unterstützen und so auch als Arbeitgeber attraktiv zu sein. Und die Zahlen sprechen für sich, das Angebot wird genutzt, auch von Fach- und Führungskräften.

Hehemann geht davon aus, dass sich Themen in Zukunft weiter diversifizieren werden – so könnte zum Beispiel Cybermobbing ein Thema sein: „Auch da können wir schnell professionelle Hilfe anbieten, die – hier überwiegend jüngeren – Menschen müssen wissen, an wen sie sich wenden können.“

Guter Kontakt zu anderen Fachstellen

Nicht immer sind Sozialberaterinnen oder Sozialberater die richtigen Ansprechpartner. In manchen Fällen vermitteln sie ihre Klientinnen und Klienten auch weiter, zum Beispiel in die ambulante Psychotherapie oder in die Suchtrehabilitation. „Oft dauert es eine Weile, bis der oder die Betroffene aktiv werden und nicht selten verbirgt sich ein Problem dahinter, das sie lange vor sich herschieben“, erklärt Dirk Schröder. Dann kommt es vor, dass die Gesprächstermine nicht ausreichen. Umso wichtiger sei es, dass Sozialberaterinnen und -berater gut vernetzt sind und wissen, wie sie ihre Klienten schnell und unkompliziert weitervermitteln können.

„Wir weisen bei bestimmten Fragestellungen auch auf externe Beratungsstellen hin, die eine besondere Expertise haben“, ergänzt Birgit Sprecher. Gerade bei Fragestellungen, die mit Rechtsfragen zu tun haben, raten Sprecher und ihr Team ihren Klientinnen und Klienten, den Kontakt zur Arbeitnehmerkammer aufzunehmen.

Beratungsbedarf steigt durch Corona

Natürlich wirkt sich auch die Coronakrise auf den Beratungsalltag aus: „Das Thema Corona schwingt in fast jedem Beratungsgespräch mit“, erklärt Dirk Schröder. „Die Menschen machen sich Sorgen, weil ein Angehöriger erkrankt ist, Eltern sind von der Kinderbetreuung überfordert – die mentale Belastung ist sehr hoch“. Hinzu komme die Art der Zusammenarbeit: Für viele Beschäftigte in der Verwaltung sei es schwierig, dass sie ihre Kollegen und Kolleginnen nur noch digital treffen, ergänzt Schröder, es fehle der persönliche Kontakt.

Dennoch heißt das nicht automatisch, dass auch mehr Menschen in die Beratung kommen. Birgit Sprecher weiß, dass Menschen, die sich in einer akuten Krise befinden, erstmal ihre Alltagssituation wieder herstellen müssen, sie haben den Kopf nicht frei: „Ich nenne das: Sie vertagen ihr Problem“. Das Bedürfnis, sich Unterstützung zu holen, komme oft zeitverzögert. Dennoch ist sich Sprecher sicher, dass der Beratungsbedarf steigen wird, ebenso wie die Konflikte am Arbeitsplatz.

In der Beratung wird deutlich, dass sich Enno Neukirch schon sehr lange „zusammenreißt“ und versucht, seine Belastungen „wegzustecken“. Er beschreibt, dass die  Arbeitsbelastung immer stärker zugenommen habe und er wenig Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen bekomme. Gleichzeitig kommen neue Aufgaben hinzu und die Verantwortung steigt; er fühlt sich gehetzt und wenig unterstützt.

Auch zu Hause geht es ihm nicht gut, er ist mürrisch und launisch und zieht sich mehr zurück. Es entsteht ein Kreislauf aus Arbeitsbelastung, privater Anspannung und körperlichen Symptomen. Damit dieser Kreislauf durchbrochen wird, beschließt Enno Neukirch mit Unterstützung der Sozialberatung zunächst eine Reha zu beantragen.

Während des Beratungsprozesses sucht die Sozialarbeiterin gemeinsam mit ihm nach „verschollenen“ Gesundheitsressourcen: So nach und nach aktiviert er seine sozialen Kontakte, startet mit sportlichen Aktivitäten und nimmt brach liegende Interessen wieder auf. Aber: bis der Mitarbeiter wieder „der Alte“ ist, wird es noch etwas dauern. Er ist aber auf dem richtigen Weg, der Druck ist weniger geworden, er bekommt Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen. Und auch sein Vorgesetzter achtet darauf, dass die Arbeit auf mehr Schultern verteilt wird.

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