Alles außer Helikopter

Die Zukunft der bremischen Luft- und Raumfahrtindustrie

Die bremische Luft- und Raumfahrtindustrie genießt nicht nur international einen hervorragenden Ruf, sondern erfüllt zugleich eine wichtige Funktion für den heimischen Arbeitsmarkt. Für die Zukunft des Standorts wird es entscheidend sein, die Kernkompetenzen in der Stadt zu behalten.

Text: Anne-Katrin Wehrmann
Foto: Kay Michalak

Was als leere Hülle aus Großbritannien kommt, wird in Bremen mit Leben gefüllt: In der Flügelausrüstung des Bremer Airbus-Werks erhalten die Tragflächen für die Langstreckenflugzeuge A330 und A350 von den hydraulischen Systemen über die Elektrik bis hin zu diversen mechanischen Bauteilen alles, was sie für einen sicheren Flug benötigen.

Wenn Ronja Senger als Passagierin in einem Flieger sitzt und auf die Flügel schaut, weiß sie ganz genau, wie das gesamte System im Detail funktioniert. Die gelernte Fluggerätmechanikerin hat ihren Arbeitsplatz am Ende der Fertigungslinie und ist dafür zuständig, das Vorflügelsystem richtig einzustellen.

„Das ist wichtig, damit die einzelnen Vorflügel später gleichzeitig aus- und einfahren“, erläutert sie. Schon zu Schulzeiten war der heute 24-Jährigen klar, dass sie einen handwerklichen oder technischen Beruf ergreifen möchte. Zwar habe sie ursprünglich überlegt, eine Ausbildung zur Kfz-Mechatronikerin zu machen: „Aber jetzt bin ich sehr froh, in den Flugzeugbau gegangen zu sein. Wir haben hier gute Regelungen durch Tarifverträge, die Arbeit macht mir Spaß und ich bin in einem eingespielten Team, das sich gut versteht.“

Ronja Senger ist eine von rund 6.500 Beschäftigten, die in Bremen in der Luft- und Raumfahrtindustrie tätig sind. Die Branche bildet einen wesentlichen Stützpfeiler der bremischen Wirtschaft und sorgt dafür, dass sich der Standort längst als Zentrum für diesen Bereich etabliert hat.

Dabei haben sowohl die großen Arbeitgeber wie Airbus und OHB als auch die vielen mittelständischen Zulieferbetriebe nicht nur in quantitativer Hinsicht eine wichtige Funktion für den heimischen Arbeitsmarkt: Die Luft- und Raumfahrtindustrie zeichnet sich auch durch qualitativ hochwertige Arbeitsplätze sowie tarifvertraglich abgesicherte Löhne aus, die mit durchschnittlich 6.600 Euro knapp 46 Prozent über dem Median der Bruttomonatsverdienste aller bremischen Vollzeitbeschäftigten liegen. „Die Branche ist darum auch mit Blick auf gute Arbeit im Land Bremen äußerst relevant“, betont Tim Voss, Referent für Wirtschaftspolitik bei der Arbeitnehmerkammer.

"Gesamtgesellschaftlich betrachtet wäre es schon wichtig, wenn mehr Frauen in die gut bezahlten technischen Berufe kämen."
Ronja Senger (Fluggerätmechanikerin)

Basis für Innovationen

Der Unternehmensbestand aus den Bereichen Raumfahrt, zivile und militärische Luftfahrt in Kombination mit einer lebendigen Forschungs- und Hochschullandschaft ist in dieser Form einzigartig. „Das ist ein absolutes Alleinstellungsmerkmal, Bremen ist so etwas wie das Houston Europas“, macht Voss deutlich. Und ergänzt mit Blick auf die hier ansässigen Divisionen des Airbus-Konzerns: „Wir können alles außer Helikopter.“

Als Hightech-Schlüsselbranche stelle die Luft- und Raumfahrtindustrie eine wichtige Basis für Innovationen und technologische Entwicklungen dar, die letztlich auch in andere Branchen wie den Auto- oder Maschinenbau einflössen. Allerdings ist die zivile Luftfahrt durch die Einschränkungen der Corona-Pandemie zuletzt massiv unter Druck geraten. Und auch vorher schon war die Perspektive des Airbus-Standortes vor dem Hintergrund betriebsinterner Umstrukturierungen in die Diskussion geraten.

Sollten zum Beispiel die aktuellen Überlegungen der Konzernführung, die Flügelausrüstung an einen anderen Standort zu verlagern, tatsächlich umgesetzt werden, wäre das laut IG Metall nicht nur mit dem Verlust von mehr als hundert Arbeitsplätzen verbunden. Darüber hinaus bestünde die Gefahr, den „zentralen Markenkern in der gesamten Prozesskette Flügelausrüstung-High-Lift“ zu verlieren, wie es in einer Mitteilung heißt. Ohne diese Kernkompetenz werde demnach auch Bremens strategische Bedeutung für den Gesamtkonzern verloren gehen.

Um das zu verhindern, hat die Gewerkschaft gemeinsam mit den Betriebsräten der verschiedenen Airbus-Unternehmen am Standort ein Zukunftsbild erarbeitet, das derzeit mit der Arbeitgeberseite diskutiert wird. „Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich arbeitnehmerseitig ein innovatives Konzept aktiv entwickeln und vorantreiben lässt“, meint Tim Voss. „Weitere seitens des Konzerns geplante Restrukturierungen würden – Stand Anfang Juni 2021 – unter anderem die Airbus-Tochter Premium Aerotec und ihre Beschäftigten betreffen, auch direkt am Standort Bremen. Die geplante Schaffung neuer Gesellschaften könnte zudem perspektivisch zur Spaltung der bisher funktionierenden norddeutschen Konzernstandorte führen.“

Für die Zukunft des Standorts wird es entscheidend sein, die Kernkompetenzen in der Stadt zu behalten.

Offensivere Industriepolitik

Während die zivile Luftfahrt in besonderem Maße von der Corona-Krise beeinträchtigt ist, sind militärische Luftfahrt und Raumfahrt stark von politischen Entscheidungen ab­hängig – unter anderem deswegen, weil die öffentliche Hand als Auftrag-, Geld- und Kreditgeber für die Branche auftritt. Der Referent der Arbeitnehmerkammer spricht sich deswegen dafür aus, dass die Politik eine noch offensivere Industriepolitik betreiben und dafür entsprechende personelle Strukturen schaffen sollte. „Das sollte dann allerdings auch verbindliche Gegenleistungen wie Beschäftigungsgarantien oder den Erhalt von Kernkompetenzen am Standort Bremen beinhalten“, so Voss.

Als Beispiele für Handlungsoptionen der bremischen Landesregierung nennt er die stetige Weiterentwicklung der Forschungslandschaft sowie eine industriefreundliche Flächenplanung. „Es muss jetzt darum gehen, das Know-how der Fachkräfte zu erhalten, damit nicht perspektivisch die Stärke eines im europäischen Vergleich herausragenden Standorts verloren geht.“

Ein wichtiges personalpolitisches Anliegen der Betriebe sollte es nach Aussage von Voss zudem sein, in den kommenden Jahren den Anteil der weiblichen Beschäftigten in der Branche zu steigern: Aktuell liegt der bei lediglich 18,4 Prozent und damit weit unter dem Schnitt aller Berufsgruppen. Fluggerätmechanikerin Ronja Senger sieht das genauso. Sie selbst war lange Zeit die einzige Frau in ihrem Team, bis kürzlich eine zweite Kollegin hinzukam. „Ich habe überhaupt kein Problem damit, mit Männern zusammenzuarbeiten“, macht die 24-Jährige deutlich. „Aber gesamtgesellschaftlich betrachtet wäre es schon wichtig, wenn mehr Frauen in die gut bezahlten technischen Berufe kämen.“

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