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© 2025 Arbeitnehmerkammer Bremen

Die "Koordinaten der Arbeit 2025": Befragung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern im Land Bremen

Person vor einem Dokumentenstapel und einer Uhr im Hintergrund. Viele leisten Überstunden. Jede*r zweite Beschäftigte leistet regelmäßige Überstunden, jede*r Fünfte mehr als drei pro Woche.

Besonders häufig werden Überstunden in Krankenhäusern und Kindergärten geleistet. Fast jede/r Fünfte sagt außerdem, dass Überstunden selten oder gar nicht abgegolten werden. Vor allem Befragte aus dem Großhandel, dem Bereich wissenschaftliche Dienstleistungen und aus Kindergärten und Vorschulen sind betroffen.

Nein zur Anhebung der Wochenarbeitszeit


„Bevor wir eine Diskussion führen über die Anhebung der Wochenarbeitszeit, sollten Arbeitgeber erst einmal geleistete Überstunden bezahlen oder durch Freizeit ausgleichen“.

Nein zur Anhebung der Wochenarbeitszeit. „Bevor wir eine Diskussion führen über die Anhebung der Wochenarbeitszeit, sollten Arbeitgeber erst einmal geleistete Überstunden bezahlen oder durch Freizeit ausgleichen“.

Peer Rosenthal
Hauptgeschäftsführer


40 Stunden im Vollzeitjob

Die Beschäftigten in Bremen und Bremerhaven arbeiten im Durchschnitt 40 Stunden, wenn sie einen Vollzeitjob haben – das ist eine Stunde mehr als vertraglich verabredet. Jede*r Zehnte von ihnen hat sogar noch einen Nebenjob. Beschäftigte mit Nebenjob arbeiten im Schnitt 46 Stunden pro Woche.

Abbildung einer Person mit einem Dokumentenstapel. 50% Jede*r  Zweite klagt darüber, dass Stress und Arbeitsdruck zugenommen haben.

 

Das beklagen vor allem Beschäftigte in Krankenhäusern und Arztpraxen. Mehr als die Hälfte fühlt sich hierdurch in hohem oder sehr hohem Maße belastet. Das hat Auswirkungen auf die Gesundheit.


Auswirkungen auf die Gesundheit

Symbole für Gesundheit. 50% der Befragten sagen, ihre Arbeit wirke sich negativ auf den Gesundheitszustand aus.

 

Fast die Hälfte der Befragten gibt an, dass sich die Arbeit negativ auf die Gesundheit auswirkt – 2023 waren es noch 40 Prozent. Dieser Anstieg lässt sich über alle Altersgruppen hinweg beobachten. Besonders häufig wird das von Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialwesen und im Verkehrs- und Logistiksektor beklagt. Beschäftigte, die Nachtarbeit leisten oder an Sonn- und Feiertagen arbeiten, sind ebenfalls besonders betroffen.

Während in den vorherigen Befragung 2023 vor allem Männer sagten, dass ihre Arbeit die Gesundheit negativ beeinflusst, sind es nun mehr Frauen.


Rente mit 70? Keine gute Idee!

Abbildung eines Schaukelstuhls. 30% der Befragten sagen, sie können ihre Arbeit nicht bis zum Rentenalter ausüben.

Knapp 30 Prozent der Befragten sagen, dass sie ihre Arbeit nicht zur Rente ausüben können. Das sind mehr als in den Befragungen zuvor (2023: 26 Prozent, 2021: 23 Prozent). Diese Befürchtung haben vor allem Beschäftigte aus den Branchen Nahrungs- und Genussmittelindustrie, Gastgewerbe und Bau. Bei den 15–24-Jährigen glaubt sogar nur jede*r Zweite, bis zum regulären Rentenalter durchhalten zu können.

Besonders beunruhigend: Werden diese Beschäftigten gefragt, wie lange sie vermutlich arbeiten können, geben sie im Durchschnitt das Alter von 53 an.

Nein zur Anhebung des Rentenalters


„Eine weitere Anhebung des Rentenalters würde für viele schlicht eine Rentenkürzung bedeuten. Viele müssten Abschläge in Kauf nehmen, weil sie es gesundheitlich nicht bis zur Rente schaffen".

Nein zur Anhebung des Rentenalters. „Eine weitere Anhebung des Rentenalters würde für viele schlicht eine Rentenkürzung bedeuten. Viele müssten Abschläge in Kauf nehmen, weil sie es gesundheitlich nicht bis zur Rente schaffen".

Peer Rosenthal
Hauptgeschäftsführer

 

Bereits jetzt gehen 85 Prozent der Befragten nicht davon aus, von ihrer Rente gut leben zu können. In vielen Fällen wird diese Sicherungslücke auch nicht angemessen durch betriebliche oder private Zusatzvorsorge geschlossen werden können.


Teilzeit: Vor allem Ältere arbeiten weniger

Fast ein Drittel der Befragten arbeitet in Teilzeit. Hier spielen familiäre Gründe eine Rolle, aber auch andere: Fast jede/r zweite Teilzeitbeschäftigte arbeitet nicht in Vollzeit, weil die Arbeitsbelastung dann zu hoch wäre, jede/r Dritte aus gesundheitlichen Gründen.

Anders als in der öffentlichen Debatte häufig behauptet, sind es gerade nicht die jungen Beschäftigten, die weniger Stunden leisten: Je älter die Befragten, desto höher ist der Teilzeitanteil. Bei den 55- bis 67-Jährigen liegt er bei 37 Prozent.


Die Pflege von Angehörigen belastet die Gesundheit

20 Prozent der Befragten haben pflegebedürftige Angehörige. Jede*r achte Beschäftigte im Land Bremen kümmert sich neben seiner Erwerbstätigkeit selbst um die Pflege von Angehörigen. Wie bei der Kinderbetreuung sind es auch hier vor allem Frauen, die diesen Spagat schaffen müssen. Der Männeranteil ist allerdings höher, als bei der Kinderbetreuung.

Vor allem von Befragten, die sich überwiegend allein um die Pflege kümmern, ist der Gesundheitszustand deutlich schlechter als im Durchschnitt.

Was auffällt: Beschäftigte mit Pflegeverantwortung können Job und familiäre Verpflichtungen noch schlechter unter einen Hut kriegen als diejenigen mit Kindern. Zudem fühlen sie sich durch die mangelnde Rücksichtnahme stärker belastet.

„Offenbar ist das Thema Pflege in den Betrieben noch weniger angekommen als die Kinderbetreuung. Ein wachsender Teil der Beschäftigten kümmert sich um pflegebedürftige Angehörige. Hier brauchen wir ein Umdenken in den Betrieben und daneben auch deutlich mehr professionelle Pflegeangebote, um die Beschäftigten zu entlasten“.

„Offenbar ist das Thema Pflege in den Betrieben noch weniger angekommen als die Kinderbetreuung. Ein wachsender Teil der Beschäftigten kümmert sich um pflegebedürftige Angehörige. Hier brauchen wir ein Umdenken in den Betrieben und daneben auch deutlich mehr professionelle Pflegeangebote, um die Beschäftigten zu entlasten“.

Elke Heyduck
Geschäftsführerin


Ausländische Beschäftigte fürchten Jobverlust

Laut Beschäftigtenbefragung sind fast 80 Prozent in (sehr) hohem Maße mit ihrer Arbeit identifiziert. Fast drei Viertel sagen, dass sie mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten. Und trotz der angespannten wirtschaftlichen Lage sorgen sich nur sechs Prozent der Beschäftigten von ihrem Arbeitgeber gekündigt zu werden. Alarmierend ist allerdings, dass jeder vierte ausländische Beschäftigte befürchtet, seinen Arbeitsplatz zu verlieren – 2023 waren es noch 15 Prozent.

Mehr als zwei Drittel sind zufrieden mit ihrem Gehalt. Allerdings: Jeder zehnte Beschäftigte im Land Bremen arbeitet zum Mindestlohn oder verdient sogar noch weniger. Der mit Abstand größte Anteil der Mindestlohnempfänger*innen arbeitet im Gastgewerbe (42 Prozent), aber auch in der Nahrungs- und Genussmittelindustrie ist der Anteil überdurchschnittlich hoch (17 Prozent).


Forderungen der Arbeitnehmerkammer

Keine Abkehr vom Acht-Stunden-Tag:
Die aktuelle Wachstumsschwäche liegt nicht an mangelnder Arbeitsbereitschaft der Beschäftigten. Das Arbeitszeitvolumen in Deutschland ist zudem auf einem Höchststand. Lange Arbeitstage werden sich zusätzlich negativ auf die Gesundheit der Beschäftigten auswirken. Zudem erschweren sie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Überstunden bezahlen:
Wer Überstunden leistet, muss diese entlohnt oder in Freizeit abgegolten bekommen. Dies ist entsprechend gesetzlich zu regeln.

Keine Rente mit 70:
Viele Beschäftigte können schon aktuell aus gesundheitlichen Gründen nicht bis zum regulären Rentenalter arbeiten und steigen vorzeitig aus dem Erwerbsleben aus. Statt also die Regelaltersgrenze anzuheben, sollten sich Arbeitgeber um eine bessere Gesundheitsförderung im Betrieb kümmern.

Bessere Pflegeinfrastruktur:
Um Beschäftigte zu entlasten, die ihre Angehörigen selbst pflegen, müssen die Versorgungsengpässe geschlossen werden. Es müssen professionelle Angebote ausgebaut werden, insbesondere in der Kurzzeitpflege und in der ambulanten Versorgung. Hier müssen die Kommunen eine stärkere Rolle spielen bei der Planung, damit passende Angebote je nach Bedarf in den Quartieren entstehen können.

Lohnersatzleistung für pflegende Angehörige:
Um pflegende Angehörige besser abzusichern und zu unterstützen, braucht es eine steuerfinanzierte Lohnersatzleistung. So können vorübergehende Verdienstausfälle zumindest in Teilen ausgeglichen werden. Die Lohnersatzleistung sollte zeitlich begrenzt sein und eine Erwerbsarbeit in Teilzeit ermöglichen, damit Beschäftigte nicht längerfristig aus dem Beruf austreten.

Die jetzt existierenden Gesetze zur Freistellung von Angehörigen mit Pflegeverpflichtungen sind komplex und schwer anzuwenden. Die Gesetze müssen auf Bundesebene in ein einziges und für die Betroffenen handhabbares Gesetz überführt werden.

 


Struktur der repräsentativ befragten Arbeitnehmerschaft

Für die Befragung wurden Interviews mit 3.337 Menschen im Land Bremen geführt. 


Über die Befragung

Das infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft legt mit der Studie „Koordinaten der Arbeit“ 2025 zum fünften Mal eine Repräsentativerhebung von im Land Bremen beschäftigten Arbeitnehmenden vor. Die vorherigen Erhebungen fanden in den Jahren 2023, 2021, 2019 und 2017 statt. Neben den in Bremen wohnenden Beschäftigten wurden die Einpendler*innen aus Niedersachsen, Hamburg und weiteren Bundesländern einbezogen.

Die Befragung 2025 basiert zum einen Teil auf einer Panelstichprobe, d.h. auf den Befragten, die sich in einer vorherigen Erhebung zu einer erneuten Kontaktierung für eine Folgebefragung bereit erklärt hatten und entweder 2019, 2021 oder 2023 an der Studie teilgenommen haben. Zum anderen Teil basiert sie auf einer Auffrischungsstichprobe, die ergänzend aus der Beschäftigtendatei der Bundesagentur für Arbeit gezogen wurde.

Die Erhebung wurde als Telefon- und Onlinebefragung zwischen Februar und Mai 2025 durchgeführt. Auf Basis der repräsentativen Stichprobenziehung konnten 3.337 Interviews realisiert werden. Diese bilden die im Land Bremen beschäftigten Arbeitnehmenden bezogen auf unterschiedliche Strukturmerkmale vollständig und repräsentativ ab. Die Studienergebnisse geben also Auskunft über die gesamte Arbeitnehmerschaft mit Arbeits- oder Ausbildungsverhältnis im Land Bremen und ermöglichen daher Rückschlüsse auf politische Handlungsbedarfe.