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04.05.17

Kammer legt Bericht zur Lage vor 

Über eine gute Wirtschaftslage und deutlich mehr Arbeitsplätze kann sich das Land Bremen freuen. Bis zur Jahresmitte 2016 wuchs die Wirtschaft im kleinsten Bundesland um 2,5 Prozent und lag damit deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Auch die Zahl der Arbeitsplätze entwickelte sich im gesamten vergangenen Jahr positiv: So stieg die Zahl der sozialversicherten Arbeitsplätze auf knapp 320.000 – das waren fast 7.900 mehr als im Jahr zuvor. Das erfreuliche dabei: Mit fast 4.800 überwog die Zahl der Vollzeitstellen. „Bremen ist auf einem guten Weg, wieder mehr Beschäftigung zu schaffen. Es darf nur nicht den Anschluss an die anderen Bundesländer verlieren“, mahnt Ingo Schierenbeck, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer. Denn während Bremen beim Wirtschaftswachstum viele andere Länder hinter sich lässt, fällt es bei der Beschäftigungsentwicklung zurück. Insbesondere bei einem Vergleich mit den alten Bundesländern bleibt für Bremen noch deutlich Luft nach oben. Mehr Beschäftigung in der Stadt Bremen gab es insbesondere im Sozialwesen, in der Leiharbeit und im verarbeitenden Gewerbe, etwa dem Baugewerbe.

Einkommen liegen weiterhin hoch
Ebenfalls positiv entwickelt haben sich die Einkommen: So sind auch 2016 die Löhne und Gehälter deutschlandweit erneut gestiegen – sogar real, also unter Berücksichtigung der Preissteigerungen. Im Durchschnitt verdienen die bremischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer 3.755 Euro brutto im Monat und liegen damit leicht über dem Bundesdurchschnitt. Gleichzeitig bleibt aber auch in Bremen der Niedriglohnsektor groß: Allein 40.000 Vollzeitbeschäftigte arbeiten hier für einen Niedriglohn, erhalten also weniger als zwei Drittel des mittleren Einkommens. 2015 lag die Niedriglohngrenze bei 2.146 Euro brutto monatlich.

Löhne und Gehälter differieren je nach Branche
Bei einem Vergleich der Einkommen spielen die Branchen eine entscheidende Rolle. Besonders gut verdienen Beschäftigte beispielsweise im verarbeitenden Gewerbe – allen voran in der Automobilindustrie oder der Luft- und Raumfahrttechnik, die für Bremen eine zentrale Rolle spielen. Ganz anders hingegen sieht es etwa in der Altenpflege aus. Trotz sehr belastender Arbeitsbedingungen sind die Verdienste hier niedrig – ausgebildete Fachkräfte in Vollzeit erhalten im Durchschnitt 2.366 Euro monatlich, Hilfskräfte nur 1.700 Euro. „Bremen liegt damit auf einem der letzten Plätze im Bundesvergleich“, moniert Elke Heyduck. Nur in Niedersachsen, Berlin und Schleswig-Holstein erhalten Altenpflegefachkräfte ein noch niedrigeres Gehalt. „Und dann gilt es zu bedenken, dass in der stationären Altenpflege rund 75 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit arbeiten“, so Heyduck. „Damit ist der Vollzeitlohn eine beinah theoretische Größe.“

Altenpflege: Der Respekt kommt nicht an
Befragungen zeigen, dass in der Altenpflege hauptsächlich die Belastungen die Aufnahme einer Vollzeitstelle erschweren. Dies wiederum hängt mit der sehr dünnen Personaldecke zusammen, wegen der die Beschäftigten z. B. immer wieder aus freien Tagen zurückgeholt werden. So wundert es nicht, dass der Fachkräftemangel sich in diesem Bereich noch einmal deutlich verschärft hat. Eine Sonderauswertung bei der Agentur für Arbeit für den Bericht zur Lage zeigt, dass in Bremen auf 138 ausgeschriebene Stellen in der Altenpflege gerade einmal 37 entsprechend qualifizierte Arbeitslose kommen. „Im Schnitt bleibt eine solche Stelle 227 Tage unbesetzt“, so Heyduck – das ist der mit Abstand höchste Wert unter allen Berufsgruppen.

Der kürzlich geschlossene Tarifvertrag Pflege zwischen den Einrichtungen der Wohlfahrtsverbände im Land Bremen und der Gewerkschaft Ver.di sei ein erster wichtiger Schritt. „Die Politik ist nun aufgefordert, den Tarifvertrag für allgemeinverbindlich zu erklären, damit er für alle Beschäftigten in der Altenpflege gilt, auch für die bei privaten Anbietern“, fordert Heyduck. Bremer und Bundespolitik müssen ihr Versprechen wahr machen und für gute Arbeit in der Pflege sorgen – auch wenn es bei Pflegesätzen und Tarifabschlüssen zulasten der öffentlichen Kasse geht. Heyduck: „So zeigt man den vielbeschworenen Respekt vor den Pflegekräften.“

Langzeitarbeitslosigkeit bleibt ein großes Problem
Nicht nur die Verdienste im Land Bremen gehen teilweise weit auseinander und zeigen, wie gespalten der Arbeitsmarkt ist. Auch die Frage, wer überhaupt von einem Wirtschafts- und Beschäftigungsplus profitiert, zeigt Probleme auf: So stagniert seit Jahren trotz des Wirtschafts- und Beschäftigungswachstums die Zahl der Langzeitarbeitslosen. Rund 16.000 Menschen haben im Land Bremen seit mehr als einem Jahr keinen Job mehr und werden von einem der beiden Jobcenter in Bremen oder Bremerhaven betreut. Doch die statistische Definition der Langzeitarbeitslosigkeit lässt nur die Spitze des Eisbergs sichtbar werden. Denn wer an einer Arbeitsfördermaßnahme teilnimmt oder kurzfristig krankgeschrieben ist, gilt nicht mehr als arbeitslos. Danach fängt die Zählung der Arbeitslosentage wieder bei null an, so dass sich Langzeitarbeitslose zumindest statistisch wieder in Kurzzeitarbeitslosen verwandeln. Ältere ab 58 Jahren gehen sogar gar nicht mehr in die Arbeitslosenstatistik ein, wenn ihnen vom Jobcenter ein Jahr lang keine Stelle mehr angeboten wurde. „Die Statistik sieht dadurch besser aus, die Realität aber nicht“, betont Regine Geraedts, Referentin für Arbeitsmarktpolitik.

Dabei sein und dazugehören: Sozialen Arbeitsmarkt schaffen
Die Arbeitnehmerkammer hat es deshalb begrüßt, dass Bremen ein Landesprogramm für Langzeitarbeitslose aufgelegt hat, mit dem das Land und die beiden Jobcenter 500 sozialversicherte Arbeitsplätze fördert, die allerdings auf zwei Jahre befristet sind. „Das ist ein Schritt in die richtige Richtung“, unterstreicht Geraedts. „Jetzt kommt es darauf an, das Programm weiterzuentwickeln und stärker zu profilieren.“ Für viele Arbeitslose ist eine geförderte Arbeitsstelle eine echte Chance, um wieder Anschluss zu finden. Damit sie danach den Übergang in den Arbeitsmarkt schaffen, müsste es mehr Qualifizierungsmöglichkeiten geben. Es gibt aber auch Menschen, deren Bewerbungen bei Unternehmen chancenlos sind. Arbeitslose Ältere gehören dazu: Ihre Chancen auf eine Einstellung gehen auch bei boomender Konjunktur gegen Null. „Viele wollen sich aber gerne einbringen“, erläutert Geraedts. „Wir brauchen deshalb auch öffentlich geförderte Arbeitsplätze mit mehr Kontinuität.“

Die Arbeitnehmerkammer arbeitet gerade an einem Vorschlag, wie das Landesprogramm um einen kontinuierlichen sozialen Arbeitsmarkt ergänzt werden kann. „Für Ältere könnte eine längerfristig geförderte Arbeitsstelle nicht nur soziale Teilhabe ermöglichen, sondern auch eine Brücke in die Rente schlagen“, ist Geraedts überzeugt. Denn die Beiträge in die Rentenversicherung in den letzten Jahren vor dem Altersübergang senken das Risiko der Altersarmut.„Städte wie Bremen und Bremerhaven dürfen sich nicht damit abfinden, dass große Gruppen der Bevölkerung durch Dauerarbeitslosigkeit abgehängt werden und in prekären Verhältnissen leben. Die sozialen Folgen für die Betroffenen sind brisant“, warnt Geraedts.


Weitere Informationen:
 

Zum Download: 

Bericht zur Lage der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Land Bremen 2017 (pdf) 

 


Grafiken: 

Entwicklung der Erwerbstätigkeit 2009 bis 2016 in Prozent 


Entwicklung der Erwerbstätigkeit 2009 bis 2016 in Prozent

Mittlere Bruttoeinkommen (Median) in der Pflege (2013) 

Mittlere Bruttoeinkommen (Median) in der Pflege (2013)

Arbeitnehmereinkommen 2016

Arbeitnehmereinkommen 2016

Grafiken: