Sie befinden sich auf dem Internetangebot der Arbeitnehmerkammer Bremen.
Arbeitnehmerkammer auf Twitter

english summaryTürkçe özet i.S.v.русский язык - краткое изложениеPodsumowanie w j. polskim

22.02.17

Arbeitnehmerkammer legt Bericht zur sozialen Lage vor 

Wie sich Arbeit und Privatleben vereinbaren lassen, ist eine der drängendsten Fragen der Familien in Bremen. Immer mehr Eltern sorgen gemeinsam für das Familieneinkommen, selbst wenn die Kinder noch ganz klein sind. Allein in der Stadt Bremen sind mehr als die Hälfte der Mütter mit Kindern unter drei Jahren erwerbstätig. „Mütter und Väter müssen gute Bedingungen vorfinden, um ihren Beruf ausüben zu können und ein existenzsicherndes Einkommen zu erzielen. Hier hat Bremen bereits viel geleistet und muss es weiterhin tun“, betonte Ingo Schierenbeck, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer, heute (Mittwoch) bei der Vorstellung des Berichts zur sozialen Lage. 

Das traditionelle Familienmodell – der Vater als Alleinverdiener, die Mutter zu Hause – leben immer weniger Familien in Deutschland: Waren es 1996 noch 40 Prozent, sank ihr Anteil 2013 auf 30 Prozent und bei Familien mit kleinen Kindern unter sechs Jahren nochmals auf 17 Prozent im Jahr 2015. Auch in der Stadt Bremen arbeiten mit 60 Prozent immer mehr Mütter mit Kindern unter drei Jahren, wie eine Sonderauswertung des Mikrozensus‘ zeigt, die das Statistische Landesamt für den Bericht zur sozialen Lage erstellt hat. Die Hälfte dieser Frauen arbeitet sogar in Vollzeit und das trotz betreuungsintensiver kleiner Kinder. „Zum einen sind viele Familien auf das zweite Einkommen angewiesen, zum anderen sehen wir hier einen kulturellen Wandel“, so Schierenbeck.

Väter machen kleine Schritte
Während die Erwerbstätigkeit der Mütter in den vergangenen 20 Jahren deutlich angestiegen ist, machen die Väter lediglich kleine Schritte in Richtung Familienarbeit: Noch heute arbeitet die große Mehrheit auch nach der Geburt eines Kindes in Vollzeit (70,4 Prozent). Dennoch nimmt die Bereitschaft der Väter zu, vorübergehend in Teilzeit zu arbeiten– wenn auch nur langsam. Dass insbesondere Mütter kleinerer Kinder heute deutlich häufiger arbeiten, ist aus Sicht der Arbeitnehmerkammer ein Hinweis darauf, dass der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz die Familien ermutigt hat, nach der Geburt des Kindes schnell in die Erwerbstätigkeit zurückzukehren. „Die Familien nehmen ihr Recht auf einen Betreuungsplatz wahr. Lassen sich diese Zahlen in den nächsten Jahren erhärten, dann ist das eine echte Trendwende, die den Druck auf Politik und Betriebe erhöht, mehr für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu tun“, mahnt Ingo Schierenbeck. Wenn Bremen junge Familien am Standort halten und attraktiv sein will für qualifizierte Nachwuchskräfte, dann muss der Ausbau der Betreuungsplätze und Ganztagsangebote weiterhin hohe Priorität haben.

Viele Frauen starten erwerbslos in die Familienphase
Die positiven Trends bei den Zwei-Verdiener-Familien dürfen jedoch nicht über die Schattenseite dieser Entwicklung hinwegtäuschen. Wenn aktuell rund 60 Prozent der Mütter in Bremen mit Kindern unter drei Jahren erwerbstätig sind, heißt das auch, dass die restlichen 40 Prozent es nicht sind. Und: Ebenfalls 40 Prozent der Mütter starten bereits erwerbslos in die eine (weitere) Kinderphase: Sie sind finanziell entweder von ihrem Partner abhängig oder von Sozialleistungen. „Familien in Bremen sind deutlich stärker von Armut bedroht als zum Beispiel in Hamburg oder Berlin“, betont Thomas Schwarzer, Referent für kommunale Sozialpolitik der Arbeitnehmerkammer. Armutsgefährdet ist in Bremen mehr als jede zweite Alleinerziehenden-Familie (56 %), fast jede zweite Familie mit drei und mehr Kindern (46 %) und jede dritte Familie mit einem Kind (32 %). Durch die steigende Familienarmut sind auch deutlich mehr Kinder unter 18 Jahren von Sozialleistungen abhängig: Ihre Zahl stieg von rund 23.000 im Jahr 2009 auf 24.500 im Jahr 2015. Damit sind 31 Prozent der Kinder von Armut bedroht.

Betreuungsproblem in Bremen
Trotz des Kita-, Krippen- und Ganztagsschulausbaus der vergangenen Monate und Jahre hat Bremen zunehmend ein Betreuungsproblem: Die Betreuungsquote für Kinder unter drei Jahren liegt in Bremen mit 27 Prozent deutlich hinter vielen Bundesländern und vor allem den Stadtstaaten zurück. Bremen liegt auf dem vorletzten Platz, Schlusslicht ist Nordrhein-Westfalen. „Um den Bedarf der Eltern auch nur annähernd zu decken, muss die Betreuungsquote mittelfristig 50 Prozent erreichen“, so Thomas Schwarzer.

Denn neben den schon bestehenden rechtlichen Möglichkeiten, könnte auch der vom Bundesarbeitsministerium geplante Anspruch auf zeitlich begrenzte Teilzeitarbeit die Erwerbstätigkeit der Mütter erhöhen. Dabei ist das geplante Gesetz nicht nur wichtig, um den Müttern zu mehr Gerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt zu verhelfen – es stützt insbesondere die Väter bei ihrer zunehmenden Bereitschaft, vorrübergehend in Teilzeit zu arbeiten.

Forderungen der Arbeitnehmerkammer: 

  • Der weitere Krippen-, Kita- und (ganztägige) Grundschulausbau darf nicht allein anhand von Zahlen der geborenen und zugezogenen Kinder sowie der Anmeldungen in den Einrichtungen geplant und gesteuert werden. Erforderlich ist ein Familien-Monitoring mit regelmäßigen Elternbefragungen zum Bedarf (Plätze und Stundenumfang) und Analysen der Erwerbstätigenquote von Müttern und Väter hinsichtlich ihres Erwerbsumfangs in Teilzeit und Vollzeit und ihres Einkommens. 
  • Um Eltern den Einstieg in den Beruf nach der Geburt eines Kindes zu ermöglichen und den finanziellen Druck zu erleichtern, fordert die Arbeitnehmerkammer den Einstieg in die Beitragsfreiheit für die U3-Betreuung. Ausgehend davon kann in den nächsten Jahren auch der Kita- und Hortbereich – wie mittlerweile bundesweit diskutiert – beitragsfrei gestellt werden. 
  • Bremen braucht deutlich mehr Ressourcen zur besseren personellen und organisatorischen Ausstattung der Elterngeldstelle, des Standesamts und der Familienhilfe sowie der Umsetzung des neuen Unterhaltsrechts. Bremen muss zukünftig seinen Amtspflichten gerecht werden können. 
  • Doch nicht nur die Politik muss mehr für die bessere Vereinbarkeit tun, auch die Betriebe müssen auf die veränderten Anforderungen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer reagieren – insbesondere vor dem Hintergrund, qualifizierte junge Nachwuchskräfte zu gewinnen und zu binden. Auch hier ist es nötig, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Betrieb nach ihren Wünschen und Bedarfen zu befragen, um entsprechende Lösungen zu finden. Insbesondere müssen die Betriebe die Väter stärker in den Blick nehmen. 
  • Die Arbeitnehmerkammer unterstützt den vom Bundesarbeitsministerium geplanten Anspruch auf befristete Teilzeit. So können insbesondere Frauen nach einer Familienphase wieder zur ursprünglichen Arbeitszeit zurückkehren. Zudem stärkt es die Position von Vätern, vorübergehend ihre Arbeitszeit zu verringern.


 

 

 


Weitere Informationen:
 

Mehr Vereinbarkeit wagen! Zur Situation der Familien im Land Bremen (pdf)
Bericht zur sozialen Lage 2016 

 


Veranstaltung am 23. Februar 2017:
Die Ergebnisse des Berichts zur sozialen Lage stellt die Arbeitnehmerkammer am Donnerstag23. Februar, von 15.30 bis 19 Uhr, im Rahmen ihrer Jahrestagung vor. Zu Gast sind unter anderen Dr. Claudia Bogedan, Senatorin für Kinder und Bildung, sowie die Soziologin Prof. Kerstin Jürgens von der Universität Kassel. Weitere Informationen...