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17.06.16

Bremens Beschäftigung wächst - aber weniger dynamisch als die Wirtschaft

Bremens und Bremerhavens Wirtschaft ist 2015 im Vergleich zu den anderen Bundesländern überdurchschnittlich gewachsen. Das Brutto-Inlandsprodukt legte um 2,7 Prozent zu, wie der aktuelle Statistische Jahresbericht der Arbeitnehmerkammer Bremen zeigt. Besonders getragen wurde diese Entwicklung vom verarbeitenden Gewerbe, also der Industrie. Dies spiegelt sich auch in der überdurchschnittlichen Produktivität: Mit über 50 Euro Wertschöpfung je Arbeitsstunde liegt das Land auf Platz 3 im Bundesländervergleich. Großstädte sind insgesamt produktiver. Aber auch hier liegt die Stadt Bremen im Vergleich über dem Durchschnitt. „Erfreulich ist die deutlich gestiegene Wirtschaftskraft Bremens. Doch das Wachstum verliert auf seinem Weg zum Arbeitsmarkt an Schwung. Bremen hinkt bei der Zahl der neu geschaffenen Arbeitsplätze hinterher“, mahnte Ingo Schierenbeck, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammerkammer Bremen.

Industrie wächst, aber Beschäftigung sinkt
Der Blick auf Wachstum und Produktivität allein ist aus Sicht der Kammer einseitig. Zwar legte die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung auch im Land Bremen in 2015 um 1,5 Prozent oder 4.729 Stellen zu. Sie bleibt damit aber deutlich hinter dem Wirtschaftswachstum von 2,7 Prozent zurück. „Gut, dass im Land Bremen weiterhin Arbeitsplätze – und auch wieder Vollzeitstellen – entstehen“, so Schierenbeck. Allerdings bleibt Bremen sowohl im Vorjahresvergleich als auch langfristig hinter den meisten anderen Ländern zurück. Besonders deutlich wird die Diskrepanz zwischen Wirtschaftswachstum und Beschäftigung, wenn der Blick aufs verarbeitende Gewerbe fällt: Denn trotz seiner hohen Bedeutung für das Wirtschaftswachstum wurden hier sogar Arbeitsplätze abgebaut – im vergangenen Jahr allein 333. Gleichzeitig bleibt die Industrie mit rund 54.000 Beschäftigten im Land Bremen der beschäftigungsstärkste Wirtschaftszweig.

Mindestlohn: Vom angeblichen Jobkiller zum echten Jobmotor
Zum ersten Mal zurückgegangen ist in 2015 die Zahl der sogenannten ausschließlichen Minijobs – also, wenn ein Minijob nicht im Nebenjob ausgeführt wird, sondern das alleinige Einkommen stellt. Hier ist die Zahl um 1.576 stark gesunken. „Das ist ein deutliches Ergebnis und zeigt, dass sich die Einführung des Mindestlohns für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gelohnt hat“, betonte Schierenbeck. Denn gleichzeitig ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung beispielsweise im Gastgewerbe um 929 Stellen gestiegen. „Das Lamento der Wirtschaft hat sich nicht bewahrheitet – vielmehr sind deutlich mehr abgesicherte Jobs entstanden, so wie es auch Ziel des Mindestlohns war.“ Ein Blick auf die Beschäftigungsformen im Land Bremen zeigt jedoch, dass der Anstieg der Leiharbeit weiter ungebremst ist und das Land Bremen trauriger Spitzenreiter im Bundesländervergleich bleibt.

Bremen muss Großstadt-Vorteile besser nutzen
Als Stadtstaat ist die Vergleichbarkeit mit anderen (Flächen-)Ländern oft eingeschränkt. Deshalb widmet sich die Kammer im diesjährigen Schwerpunkt des Berichts einem Vergleich der 15 größten Städte. Hier zeigt sich, dass die Beschäftigungsentwicklung in den Städten noch dynamischer verläuft. So konnten Städte wie Berlin, Leipzig, Frankfurt oder Dortmund ihre sozialversicherungspflichtige Beschäftigung um mehr als 2,5 Prozent steigern. Die Stadt Bremen hat hier mit nur 1,6 Prozent Nachholbedarf. „In Großstädten spielen die Dienstleistungen eine ganz zentrale Rolle – und zwar insbesondere die wissensintensiven Dienstleistungen“, erläutert Elke Heyduck, Geschäftsführerin der Arbeitnehmerkammer Bremen. Sie machen in den Großstädten nahezu ein Drittel der Beschäftigung aus. Bremen liegt hier mit 21,4 Prozent an zweitletzter Stelle. Zu den wissensintensiven Dienstleistungen zählen beispielsweise IT- und Beratungsdienstleistungen, die gerade in Großstädten stark nachgefragt werden. „Bislang betrachtet Bremen die Dienstleistungen nicht als eigenständigen Wirtschaftsbereich, den es zu fördern gilt. Hier muss sich die Praxis ändern, hin zu echter Ansiedlungspolitik für innovative wissensbasierte Unternehmen“, betont Heyduck. „Bremen muss seine Vorteile als Großstadt besser dafür nutzen, Menschen in Arbeit zu bringen.“

Armut ist ein Großstadtproblem und in Bremen ganz besonders
Den Vorteilen in der Wirtschaftskraft stehen Nachteile sozialer Kennziffern gegenüber, sowohl bei der Arbeitslosigkeit wie auch bei der Armutsgefährdung. „Hier bestätigen sich leider die negativen Trends, die Bremen auch schon im Bundesländervergleich zeigt – wenn auch nicht so gravierend“, so Heyduck. Kaum eine Großstadt erreicht eine geringere Arbeitslosenquote als der derzeitige Bundesdurchschnitt von 6,2 Prozent. Dennoch findet sich Bremen mit 10,1 Prozent im unteren Drittel. Ähnlich sieht es bei der Armutsgefährdung aus, Bremen ist mit 22,5 Prozent an viertletzter Stelle vor Duisburg, Leipzig und Dortmund. Armutsgefährdet bedeutet, dass ein Haushalt über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. In Zahlen sind das bei einer vierköpfigen Familie 1.727 Euro monatlich, bei einem Single 822 Euro. Einkommensreichtum wiederum liegt vor, wenn ein Haushalt über mehr als 200 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. Das sind für eine vierköpfige Familie derzeit rund 6.000 Euro, für einen Single 3.000 Euro.

Anmerkung: In einer vorherigen Version hieß es, das Bruttoinlandsprodukt Bremens im Jahr 2015 betrug 2,5 Prozent. Tatsächlich lag es bei 2,7 Prozent (siehe auch die korrigierte Grafik).
 


 




 

Mehr als 97.000 Rechts- und Steuerberatungen hat die Arbeitnehmerkammer an ihren drei Standorten in der Bremer Innenstadt, in Bremen-Nord und in Bremerhaven in 2014 durchgeführt. Damit ist die Nachfrage noch einmal deutlich gestiegen und liegt so hoch wie nie zuvor. Diese Entwicklung bestätigt den Trend aus dem Vorjahr, dass trotz guter Konjunktur der Beratungsbedarf vieler Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern weiter wächst. „Die Lage am Arbeitsmarkt ist auf den ersten Blick zwar gut, der zweite Blick offenbart aber deutliche Schwächen: Viele unserer Mitglieder arbeiten in Minijobs, befristeten Beschäftigungsverhältnissen, zu Niedriglöhnen oder ohne Tarifbindung. Diese Mitglieder sind zunehmend auf rechtliche Unterstützung und Beratung angewiesen“, betont Ingo Schierenbeck, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Bremen.

 

Gehaltsfragen nehmen deutlich zu

Die arbeitsrechtlichen Beratungen sind 2014 im Vergleich zum Vorjahr um fast 2.500 auf mehr als 41.000 Beratungen gestiegen. Top-Thema mit einem deutlichen Anstieg waren Fragen zum Gehalt. Mittlerweile sind die Beratungen hier auf mehr als 6.000 gestiegen. Inhaltlich geht es oft um angemessene Vergütungen, Ansprüche auf Zuschläge und jährliche Gehaltsanpassungen oder die gleiche Bezahlung von Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigten. Schierenbeck: „Neue Arbeitsplätze entstehen vor allem im Dienstleistungsbereich. Hier sind oft noch keine Tarifverträge vorhanden und es fehlen betriebliche Interessenvertretungen. Die Gehaltsstrukturen sind deshalb intransparent und zum Teil ungerecht. Dies beinhaltet zunehmend Konfliktpotenzial und führt zu einem erhöhten Beratungsaufkommen.“

 

Wegen des seit Anfang 2015 geltenden gesetzlichen Mindestlohns geht die Arbeitnehmerkammer davon aus, dass kurzfristig noch mehr Beschäftigte auf Beratung in Sachen Lohn und Gehalt angewiesen sind. „Wir bieten unseren Mitgliedern deshalb ab sofort einen Mindestlohn-Check an“, so Schierenbeck. Hier können sich alle Beschäftigten in Bremen und Bremerhaven informieren, ob der Mindestlohn auch für sie gilt, wie sich der Mindestlohn berechnet und was sie tun können, wenn der Arbeitgeber die neuen Vorschriften nicht einhält.

 

Ebenfalls zugelegt haben Beratungen zu Zeugnis- und Vertragsfragen und zu Eigenkündigungen. „Daran wird deutlich, dass ein Teil der Arbeitnehmer die gute Konjunktur für sich nutzt und neue Beschäftigungschancen sucht“, so Claudius Kaminiarz, Leiter der Rechtsberatung der Arbeitnehmerkammer Bremen. Die Arbeitgeber wiederum greifen offenbar etwas seltener zum Mittel der Kündigung. So sind erstmals seit Jahren die Beratungen zu arbeitgeberseitigen Kündigungen nicht weiter angestiegen, sondern verharrten auf hohem Niveau von rund 5.000 Beratungen.  

 

Auf die Beratungszahlen ausgewirkt haben sich auch die neuen Regelungen zur Rente mit 63, die zum 1. Juli 2014 eingeführt wurden. In vielen der mehr als 1.200 Beratungen zum Rentenrecht ging es um die Frage, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, um früher in Rente zu gehen. „Die derzeitige Diskussion, es Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu ermöglichen, auch über das Renteneintrittsalter hinaus bis zum 70. Lebensjahr zu arbeiten, spielt in unserer Beratung keine Rolle“, so Kaminiarz. Zudem sei es auch schon heute möglich, nach dem Renteneintritt weiter zu arbeiten, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich einig seien: „Diese Flexibilität gibt es schon heute. Ein früheres Ausscheiden aus dem Betrieb ist dagegen für die meisten kaum möglich – daran hat auch die Rente mit 63 leider wenig geändert.“

 

Kompliziertes Steuerrecht
Deutlich angestiegen ist im vergangenen Jahr die Nachfrage nach steuerrechtlicher Beratung, deren Zahl sich 2014 auf mehr als 41.500 erhöhte. Hierbei standen vor allem Fragen zur Berücksichtigung von Kinderbetreuungskosten, zu Kindergeld und Kinderfreibeträgen im Mittelpunkt. Zugenommen haben auch Fragen zum neuen Umgang mit Reisekosten. Dies war vor allem für Arbeitnehmer von Bedeutung, die von ihrem Arbeitgeber häufig an unterschiedlichen Orten eingesetzt werden. Auch die Frage, inwieweit sich haushaltsnahe Dienstleistungen steuerlich anrechnen lassen, spielte in der Beratung eine große Rolle. Die Arbeitnehmerkammer erstellte 2014 allein rund 28.800 Steuererklärungen.

 

Öffentliche Rechtsberatung
Die Öffentliche Rechtsberatung, die die Arbeitnehmerkammer im Auftrag des Landes Bremen für Bürger mit geringem Einkommen durchführt, umfasst eine Vielzahl von Rechtsgebieten, etwa das Miet-, Familien-, Erb- und Vertragsrecht. 2014 hat die Arbeitnehmerkammer hier mehr als 14.600 Beratungen durchgeführt. Deutlich zugenommen haben hier die Anfragen zum Mietrecht, wobei die Nebenkostenabrechnungen nach wie vor im Mittelpunkt stehen. Aber auch Streitigkeiten über Schönheitsreparaturen oder zur Kaution sorgen immer wieder für Beratungsbedarf auf Seiten der Mieter.

 

Ein Dauerthema in der Öffentlichen Rechtsberatung sind Internet- und Telefonverträge – insbesondere in Zusammenhang mit einem Anbieterwechsel oder wenn der bestehende Anbieter Preise und Leistungen ändert. Auch Online-Käufe und der Abschluss von Verträgen über das Medium Internet führen häufig zu Schwierigkeiten.


Weitere Informationen:
 

Statistischer Jahresbericht 2016 (pdf)