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20.05.16

Arbeitnehmerkammer Bremen und Verbraucherzentrale Bremen weiten Beratungsangebot für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus

Bei der Verbraucherzentrale haben Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Bremen und Bremerhaven seit einem Jahr einen Preisvorteil: Für bestimmte Beratungen zahlen sie nur die Hälfte. Und nun erhalten sie auch Ratgeber der Verbraucherzentrale zum halben Preis. Das Angebot wird vor allem für Fragen zur Altersvorsorge gerne genutzt.

Kerstin Hansen (40, Name geändert) hat vor 15 Jahren eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen – gekoppelt mit einem Altersvorsorgevertrag. Als Krankenschwester arbeitete sie damals noch schwer körperlich und wollte für den Fall einer Berufsunfähigkeit durch Krankheit vorsorgen. Seit 2001 wird diese Leistung nicht mehr von den gesetzlichen Sozialversicherungen übernommen. 

Beraten hat Kerstin Hansen damals ein Makler, bei dem sie gleich mehrere, unterschiedliche Versicherungen abschloss. „Obwohl ich damals schon viel kritisch nachgefragt habe, hätte ich mich vor Abschluss des Vertrags zusätzlich unabhängig beraten lassen sollen“, sagt Kerstin Hansen heute. Denn der Vertrag ist inzwischen mit 130 Euro im Monat teuer und wird ihr vermutlich relativ wenig bringen. Bei einer kürzlichen Beratung bei der Verbraucherzentrale Bremen kam raus, dass die Laufzeit bis zum 56. Lebensjahr viel zu kurz angegeben war. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ich bis dahin berufsunfähig werde, ist eher gering“, vermutet Hansen. „Und in den Jahren danach greift die Versicherung nicht mehr – und ich gehe leer aus.“

Und selbst im Fall einer Berufsunfähigkeit vor dem 56. Lebensjahr wäre der Versicherungsschutz nie so hoch ausgefallen, dass er den Lebensstandard gesichert hätte. „Gleichzeitig lief der Vertrag schon so lange, dass ich Frau Hansen nicht dazu raten konnte, ihn wieder zu kündigen“, sagt Gabriele Zeugner, Beraterin bei der Verbraucherzentrale Bremen, „denn Kerstin Hansen hat inzwischen ein Alter erreicht, bei dem sich auch der Abschluss einer neuen Zusatzversicherung kaum lohnen würde.“ „Ich hoffe nun einfach, dass alles gut geht“, sagt die gelernte Krankenschwester. „Ich kann mich mit dem Thema nicht weiter belasten.“

Fälle wie der von Kerstin Hansen sind typisch. Immer wieder liegt der Teufel bei Zusatzversicherungen im Detail, die entsprechenden Verträge sind oft schwer zu durchschauen. Dabei sind nicht nur die Berufsunfähigkeitsrente oder die Altersvorsorge wichtige Themen für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – sondern auch zusätzliche Kranken- oder Pflegeversicherungen. 

Über 420 Mitglieder haben sich unabhängig beraten lassen
Eine unabhängige Beratung garantiert die Verbraucherzentrale Bremen. Seit etwa einem Jahr arbeitet die Arbeitnehmerkammer Bremen mit der Verbraucherzentrale Bremen zusammen. Die Beschäftigten im Land Bremen profitieren davon: Sie zahlen für einstündige Beratungen zu arbeitnehmernahen Themen statt der üblicherweise fälligen 90 Euro nur noch 45 Euro. Einzige Voraussetzung für den Zuschuss ist die Mitgliedschaft in der Arbeitnehmerkammer – und die hat jeder automatisch, der in Bremen oder Bremerhaven beschäftigt ist oder war und nun arbeitslos ist.

„Über 420 Mitglieder haben seit März 2015 das Angebot genutzt“, freut sich der neue Vorstand der Verbraucherzentrale, Annabel Oelmann. Die meisten Verbraucher informierten sich über eine geeignete private Altersvorsorge. Riester-Rente, Betriebsrente, Wohneigentum oder Fonds- und Banksparpläne. 

„Viele Beschäftigte haben heute durch die Leistungskürzungen in der gesetzlichen Sozialversicherung keine ausreichende Absicherung mehr im Alter, bei Krankheit oder bei Berufsunfähigkeit“, sagt Ingo Schierenbeck, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Bremen. Deshalb sei es für Beschäftigte immer wichtiger geworden, sich unabhängig über eine geeignete private Vorsorge zu informieren. 

„Banken oder Versicherungen haben oft weniger das Wohl ihrer Kunden im Blick, als Provisionen und Unternehmensgewinne“, sagt Annabel Oelmann. Die Verbraucherzentrale legt den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern vor allem die Beratung zur Altersvorsorge ans Herz. „Wir haben ein Interesse daran, dass Verbraucher, die richtigen Produkte für ihre Lebenssituation finden“, so Oelmann. 

Die Beratung findet in der Verbraucherzentrale statt:
- Beratungszentrum Bremen, Altenweg 4, 28195 Bremen, Telefon: 0421-160777
- Beratungsstelle Bremerhaven, Barkhausenstraße 16, 27568 Bremerhaven, Telefon: 0471-26194

Zusätzlich erhalten die Mitglieder der Arbeitnehmerkammer fast 30 Ratgeber aus dem Angebot der Verbraucherzentrale zum halben Preis. Darunter Titel wie „Kleine Beträge clever anlegen“, „Richtig versichert – wer braucht welche Versicherung“ oder „Privatrenten und Lebensversicherungen – so profitieren Sie richtig“. Der Originalpreis der Ratgeber liegt – je nach Titel – zwischen fünf und 20 Euro.

Mehr als 97.000 Rechts- und Steuerberatungen hat die Arbeitnehmerkammer an ihren drei Standorten in der Bremer Innenstadt, in Bremen-Nord und in Bremerhaven in 2014 durchgeführt. Damit ist die Nachfrage noch einmal deutlich gestiegen und liegt so hoch wie nie zuvor. Diese Entwicklung bestätigt den Trend aus dem Vorjahr, dass trotz guter Konjunktur der Beratungsbedarf vieler Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern weiter wächst. „Die Lage am Arbeitsmarkt ist auf den ersten Blick zwar gut, der zweite Blick offenbart aber deutliche Schwächen: Viele unserer Mitglieder arbeiten in Minijobs, befristeten Beschäftigungsverhältnissen, zu Niedriglöhnen oder ohne Tarifbindung. Diese Mitglieder sind zunehmend auf rechtliche Unterstützung und Beratung angewiesen“, betont Ingo Schierenbeck, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Bremen.

 

Gehaltsfragen nehmen deutlich zu

Die arbeitsrechtlichen Beratungen sind 2014 im Vergleich zum Vorjahr um fast 2.500 auf mehr als 41.000 Beratungen gestiegen. Top-Thema mit einem deutlichen Anstieg waren Fragen zum Gehalt. Mittlerweile sind die Beratungen hier auf mehr als 6.000 gestiegen. Inhaltlich geht es oft um angemessene Vergütungen, Ansprüche auf Zuschläge und jährliche Gehaltsanpassungen oder die gleiche Bezahlung von Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigten. Schierenbeck: „Neue Arbeitsplätze entstehen vor allem im Dienstleistungsbereich. Hier sind oft noch keine Tarifverträge vorhanden und es fehlen betriebliche Interessenvertretungen. Die Gehaltsstrukturen sind deshalb intransparent und zum Teil ungerecht. Dies beinhaltet zunehmend Konfliktpotenzial und führt zu einem erhöhten Beratungsaufkommen.“

 

Wegen des seit Anfang 2015 geltenden gesetzlichen Mindestlohns geht die Arbeitnehmerkammer davon aus, dass kurzfristig noch mehr Beschäftigte auf Beratung in Sachen Lohn und Gehalt angewiesen sind. „Wir bieten unseren Mitgliedern deshalb ab sofort einen Mindestlohn-Check an“, so Schierenbeck. Hier können sich alle Beschäftigten in Bremen und Bremerhaven informieren, ob der Mindestlohn auch für sie gilt, wie sich der Mindestlohn berechnet und was sie tun können, wenn der Arbeitgeber die neuen Vorschriften nicht einhält.

 

Ebenfalls zugelegt haben Beratungen zu Zeugnis- und Vertragsfragen und zu Eigenkündigungen. „Daran wird deutlich, dass ein Teil der Arbeitnehmer die gute Konjunktur für sich nutzt und neue Beschäftigungschancen sucht“, so Claudius Kaminiarz, Leiter der Rechtsberatung der Arbeitnehmerkammer Bremen. Die Arbeitgeber wiederum greifen offenbar etwas seltener zum Mittel der Kündigung. So sind erstmals seit Jahren die Beratungen zu arbeitgeberseitigen Kündigungen nicht weiter angestiegen, sondern verharrten auf hohem Niveau von rund 5.000 Beratungen.  

 

Auf die Beratungszahlen ausgewirkt haben sich auch die neuen Regelungen zur Rente mit 63, die zum 1. Juli 2014 eingeführt wurden. In vielen der mehr als 1.200 Beratungen zum Rentenrecht ging es um die Frage, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, um früher in Rente zu gehen. „Die derzeitige Diskussion, es Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu ermöglichen, auch über das Renteneintrittsalter hinaus bis zum 70. Lebensjahr zu arbeiten, spielt in unserer Beratung keine Rolle“, so Kaminiarz. Zudem sei es auch schon heute möglich, nach dem Renteneintritt weiter zu arbeiten, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich einig seien: „Diese Flexibilität gibt es schon heute. Ein früheres Ausscheiden aus dem Betrieb ist dagegen für die meisten kaum möglich – daran hat auch die Rente mit 63 leider wenig geändert.“

 

Kompliziertes Steuerrecht
Deutlich angestiegen ist im vergangenen Jahr die Nachfrage nach steuerrechtlicher Beratung, deren Zahl sich 2014 auf mehr als 41.500 erhöhte. Hierbei standen vor allem Fragen zur Berücksichtigung von Kinderbetreuungskosten, zu Kindergeld und Kinderfreibeträgen im Mittelpunkt. Zugenommen haben auch Fragen zum neuen Umgang mit Reisekosten. Dies war vor allem für Arbeitnehmer von Bedeutung, die von ihrem Arbeitgeber häufig an unterschiedlichen Orten eingesetzt werden. Auch die Frage, inwieweit sich haushaltsnahe Dienstleistungen steuerlich anrechnen lassen, spielte in der Beratung eine große Rolle. Die Arbeitnehmerkammer erstellte 2014 allein rund 28.800 Steuererklärungen.

 

Öffentliche Rechtsberatung
Die Öffentliche Rechtsberatung, die die Arbeitnehmerkammer im Auftrag des Landes Bremen für Bürger mit geringem Einkommen durchführt, umfasst eine Vielzahl von Rechtsgebieten, etwa das Miet-, Familien-, Erb- und Vertragsrecht. 2014 hat die Arbeitnehmerkammer hier mehr als 14.600 Beratungen durchgeführt. Deutlich zugenommen haben hier die Anfragen zum Mietrecht, wobei die Nebenkostenabrechnungen nach wie vor im Mittelpunkt stehen. Aber auch Streitigkeiten über Schönheitsreparaturen oder zur Kaution sorgen immer wieder für Beratungsbedarf auf Seiten der Mieter.

 

Ein Dauerthema in der Öffentlichen Rechtsberatung sind Internet- und Telefonverträge – insbesondere in Zusammenhang mit einem Anbieterwechsel oder wenn der bestehende Anbieter Preise und Leistungen ändert. Auch Online-Käufe und der Abschluss von Verträgen über das Medium Internet führen häufig zu Schwierigkeiten.