Mismatch auf dem Arbeitsmarkt in Bremerhaven - Fachkräftemangel trotz hoher Langzeitarbeitslosigkeit: Ursachen und Handlungsoptionen
Vor Einsetzen der Wirtschafts- und Finanzkrise war in Bremerhaven in der Öffentlichkeit und in den Medien immer wieder von einer recht paradoxen Situation auf dem Arbeitsmarkt die Rede: Obwohl die Arbeitslosenquote weit über dem Bundesdurchschnitt lag und auch aktuell noch liegt, wurde in vielen Branchen ein Mangel an Fachkräften konstatiert. Die Arbeitnehmerkammer hat versucht diesen scheinbaren Widerspruch aufzulösen und Bremerhavener Unternehmen nach ihren Erfahrungen gefragt. Wir wollten wissen, ob der „Fachkräftemangel" nur punktuell auftritt oder ob Unternehmen verschiedener Branchen betroffen sind. Welche Ursachen hat er? Und welche Schritte kann die Politik einleiten, damit auch Langzeitarbeitslose Zugang zum ersten Arbeitsmarkt bekommen? Um diese Fragen beantworten zu können, wurden Unternehmen befragt und stichprobenhaft Arbeitslose in Bremerhaven befragt.

von Dr. Marion Salot (Referentin für regionale Wirtschaftspolitik)
Juni 2010
Dabei wurde deutlich: Obwohl die Befragung im Frühsommer 2009, also
während der Wirtschafts- und Finanzkrise erfolgte, klagte jeder zweite
Betrieb in Bremerhaven über Stellenbesetzungsprobleme - und zwar über
alle Branchen hinweg.
Nach Einschätzung der Unternehmen mangelte es bei den Bewerbern vor
allem an „spezifischem Fachwissen". Besonders ausgeprägt schien das
Problem des Fachkräftemangels im Bereich „Gesundheit und Soziales" zu
sein: Unserer Befragung zufolge tauchten vor allem hier Schwierigkeiten
bei anstehenden Stellenbesetzungen auf.
Nach Angaben der Unternehmen war ein Realschulabschluss gepaart mit
einer Berufsausbildung die notwendige „Eintrittskarte" in den ersten
Arbeitsmarkt. Den Daten der Agentur für Arbeit zufolge, erfüllten
allerdings drei Viertel der Arbeitslosen aus dem Rechtskreis SGB II die
von den Unternehmen geforderten Formalqualifikationen nicht: 25 Prozent
der Arbeitslosengeld II-Bezieher verfügten über keinen Schulabschluss,
weitere 50 Prozent „nur" über einen Hauptschulabschluss. Sie würden bei
einem Großteil der von uns befragten Unternehmen als potenzielle
Bewerber ausfallen.
Er lag in Bremerhaven 2009 mit 66 Prozent deutlich über dem bundesdeutschen Durchschnitt von 46 Prozent. Dies ist ein Resultat der jahrelangen Strukturkrise: Weil der Bedarf an Arbeitskräften in dieser Zeit stark rückläufig war, haben viele Betriebe ihre Ausbildungsbemühungen deutlich reduziert. Besonders drastisch war das Missverhältnis im Jahr 2006: Für 2.660 Bewerber und Bewerberinnen standen nur 1.171 Ausbildungsplätze zur Verfügung.
Der Fachkräftemangel wurde verschärft, weil sich die Beschäftigungszuwächse auf wenige - vor allem männerdominierte - Branchen konzentrierte.
Im Zuge des Strukturwandels entstanden in erster Linie in der Hafenwirtschaft, der Offshore-Windenergie und der Zeitarbeit neue Stellen; also in ausgesprochenen Männerbranchen. Gleichzeitig wurden Frauenarbeitsplätze abgebaut, beispielsweise im Einzelhandel. Weil Frauen bislang kaum Zugang zu den boomenden Wachstumsbranchen hatten, wurde in „männerdominierten" Branchen zunehmend einen Fachkräftemangel beklagt, während sich gleichzeitig die Beschäftigungschancen für Frauen kontinuierlich verschlechterten. Auch bei der Arbeitsförderung waren Frauen benachteiligt: Die gesetzlich vorgeschriebenen Zielförderquoten wurden hier klar unterschritten. Bei allen eingesetzten Instrumenten blieb ihr Anteil hinter dem der Männer zurück. Das Fachkräftepotenzial der Frauen wurde also auf dem Bremerhavener Arbeitsmarkt nur unzureichend erschlossen und ausgeschöpft.
Die Agenda Reformen haben den Fachkräftemangel in Bremerhaven weiter forciert.
Durch die Verschärfung der Zumutbarkeitsregeln waren Arbeitslose häufig gezwungen, eine Beschäftigung anzunehmen, die nicht ihrem eigentlichen Qualifikationsprofil entsprach. Je mehr gut qualifizierte Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen in gering qualifizierten Berufen „gebunden" sind, desto größer ist aber die Gefahr, dass in einer Region ein Fachkräftemangel entsteht. Umgekehrt ist gerade in strukturschwachen Regionen wegen des verstärkten Wettbewerbs um neue Stellen der Druck besonders groß eine Beschäftigung anzunehmen, die nicht dem eigenen Qualifikationsniveau entspricht. Die Agenda 2010-Strategie erhöht somit besonders in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit das Risiko mittelbar einen Fachkräftemangel mit zu verursachen oder zu verschärfen.
Insofern ist es keineswegs paradox, sondern vielmehr eine logische Konsequenz, dass gerade strukturschwache Regionen sowohl unter dem Problem der Langzeitarbeitslosigkeit als unter dem Problem des Fachkräftemangels leiden. Um diese Probleme zu lösen, müssen sie getrennt angegangen werden.
Was ist zu tun ...
... um das Problem des Fachkräftemangels zu lösen?
Antizyklische Qualifizierung sicherstellen
Damit auch in Krisenzeiten die Ausbildungsbemühungen der Unternehmen stabil bleiben, muss nach Instrumenten gesucht werden, die unbürokratisch eine antizyklische Qualifizierung von Fachkräften sicherstellen und finanzieren. Denkbar wäre die Einrichtung eines Qualifizierungsfonds, in den Unternehmen in umsatzstarken Zeiten einzahlen und aus deren Mitteln sie in umsatzschwachen Jahren die Ausbildung ihrer Nachwuchskräfte finanzieren können.
Mehr Frauen für Zukunftsbranchen qualifizieren
In einigen Branchen könnte der Fachkräftemangel durch die gezielte Qualifizierung von Frauen abgebaut werden. Zum Beispiel in der Offshore-Windenergie könnte so zusätzliches Beschäftigungspotenzial aus der Region erschlossen werden. In der Arbeitsförderung sind zumindest die vorgeschriebenen Förderquoten für Frauen einzuhalten, die gegenwärtig unterschritten werden.
Was ist zu tun ...
... um die hohe Langzeitarbeitslosigkeit abzubauen?
Qualifizierungsmodule für den Gesundheitsbereich entwickeln
Der Unternehmensbefragung zufolge war der Fachkräftemangel im Gesundheitssektor besonders groß. Hier wurde aber auch eine hohe Bereitschaft signalisiert, Langzeitarbeitslose einzustellen. Für diesen Bereich sollte deshalb geprüft werden, welche Qualifizierungsbedarfe bestehen und über welche Qualifizierungsmodule Langzeitarbeitslose konkret einen Zugang zu dieser Branche bekommen können.
Abschlussbezogene Maßnahmen ausbauen und Integrationstreppen mit Perspektive entwickeln
Um den Arbeitslosen zu den Abschlüssen zu verhelfen, die ihnen Zugang zu einer Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt verschaffen, ist es notwendig solche Maßnahmen auszuweiten, die darauf ausgerichtet sind, Berufsabschlüsse nachzuholen. Gerade für arbeitsmarktferne Gruppen ist es wichtig, Integrationstreppen mit Perspektive zu entwickeln.
Ausbau der öffentlich geförderten Beschäftigung
Trotz des viel diskutierten und für einige Unternehmen sicherlich auch mit erheblichen Problemen belasteten Fachkräftemangels darf nicht außer Acht gelassen werden, dass es in Bremerhaven schlicht an Arbeitsplätzen fehlt: Selbst wenn es gelingen würde, alle offenen Stellen zeitnah zu besetzen, wären immer noch etwa 8.000 Menschen in Bremerhaven ohne Arbeit. Ohne den Ausbau der öffentlich geförderten Beschäftigung wird es nicht gelingen, die hohe Sockelarbeitslosigkeit spürbar zu senken.
Zusammenfassung der Studie zum Mismatch auf dem Arbeitsmarkt in Bremerhaven, 7 Seiten (pdf, 111 KB)
Juni 2010, Autoren: Dr. Marion Salot, Jan Farke, Peer Rosenthal
Mismatch auf dem Arbeitsmarkt in Bremerhaven - Fachkräftemangel trotz hoher Langzeitarbeitslosigkeit: Ursachen und Handlungsoptionen, Studie, 60 Seiten (pdf, 358 KB)
Juni 2010, Autorin: Dr. Marion Salot
Arbeitsmarktpolitik in der neuen Zeit: Arbeitsförderung in Bremerhaven (pdf, 411 KB)
Juni 2010, Autor: Peer Rosenthal
Die Offshore-Industrie in Bremerhaven (pdf, 1.1 MB)
März 2010, Autor: Jan Farke
Pressemitteilung vom 16.6.2010


