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Fotos: Peter Duddek, Quelle: Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung

Wer profitiert vom Strukturwandel?

30. Juni 2011 (aus: BAM 5/11)

Die Fischerei- und Schiffbaukrise haben Bremerhaven einen fast erdrutschartigen Verlust an Arbeitsplätzen und Einwohnern beschert. Doch dank Offshore-Windenergie und Wissenschaftssektor konnte dieser Negativtrend endlich gestoppt werden, es entstehen wieder neue Arbeitsplätze. Allerdings: Der Strukturwandel kommt nicht bei allen Bremerhavenern an.

Ein kurzer Blick zurück
Kaum eine andere Stadt musste einen derartig tief greifenden Strukturbruch verkraften wie Bremerhaven: Seit Ende der 1960er Jahre brechen nach und nach die zentralen Wirtschaftsbereiche der Stadt weg: Alleine 2.000 Jobs gehen in der Fischerei verloren, mehr als 8.000 auf den Werften. Anfang der 1990er Jahre folgt dann der Abzug der US-amerikanischen Streitkräfte: 3.000 Soldaten und ihre Familienangehörigen verlassen die Stadt und etwa 1.000 Bremerhavener Zivilbeschäftigte verlieren damit ihre Arbeit. Ein Domino-Effekt setzt ein: Jeder fünfte Arbeitsplatz geht verloren, jeder zehnte Bremerhavener verlässt daraufhin die Stadt. Der enorme Kaufkraftverlust führt zu weiteren Beschäftigungseinbrüchen, zum Beispiel im Einzelhandel: Hier geht die Zahl der Arbeitsplätze um satte 30 Prozent zurück. Laden- und Wohnungsleerstände prägen das Stadtbild. Im Jahr 2005 ist der Beschäftigungstiefstand erreicht, die Arbeitslosenquote liegt bei 26 Prozent. Mehr als 14.000 Menschen sind ohne Arbeit, davon beziehen fast 10.000 Hartz IV.

Seit 2006 entstehen in der Seestadt wieder neue Arbeitsplätze
Bis zum Einsetzen der Wirtschafts- und Finanzkrise im Jahr 2009 wird die Trendwende von der erfolgreichen Entwicklung der Hafenwirtschaft getragen. Zwischen 1999 und 2008 hat sich der Umschlag mehr als verdoppelt. Im gleichen Zeitraum sind im Wirtschaftsabschnitt ›Verkehr- und Nachrichtenübermittlung‹, in dem auch die Hafenwirtschaft erfasst wird, über 2.800 Arbeitsplätze entstanden, zwischen 2006 und 2008 alleine mehr als 1.000.
Diese Entwicklung war allerdings kein Selbstläufer: Seit 1997 wurden fast 900 Millionen Euro in den Ausbau der Containerterminals und mehr als 230 Millionen Euro in den Bau der Kaiserschleuse investiert.

Klimabranchen als Jobmotor
Auch das verarbeitende Gewerbe hat einen wichtigen Beitrag zur Schaffung neuer Arbeitsplätze geleistet. Wesentlichen Anteil daran trägt die Offshore-Windenergiebranche, die mit rund 120 Millionen Euro öffentlicher Mittel kräftig gefördert wurde. Inzwischen haben sich namhafte Windenergie-Produzenten wie Weser-Wind, PowerBlades und REpower niedergelassen und ein Netzwerk mit Forschungs-, Dienstleistungs- und Ausbildungsbetrieben geformt. Mittlerweile arbeiten 1.100 Menschen in der Offshore-Windenergiebranche. Bis zum Ende dieses Jahres sollen noch weitere 400 Arbeitsplätze hinzukommen.
Weiterer Hoffnungsträger ist der ›Tourismus‹, insbesondere das Projekt Havenwelten. Allein das Klimahaus als Herzstück hat etwa 175 Beschäftigte. Es knüpft an Bremerhavens Kompetenzen rund um das Thema ›Klimaforschung‹ an und soll diese touristisch vermarkten. Neben dem Auswandererhaus, dem Hotel Sail City und dem Mediterraneo wurden auf diesem Entwicklungsgebiet auch Wohnungen und Büros gebaut. Aber auch hier hat sich die öffentliche Hand finanziell beteiligt: Gut 300 Millionen Euro wurden in die Havenwelten investiert.
Der Wissenschaftssektor konzentriert sich bereits seit der Gründung des Alfred-Wegener-Instituts Anfang der 1980er Jahre auf die Klimaforschung. Rund um dieses Forschungsinstitut, das mit seinen 800 Mitarbeitern zu einem der größten Arbeitgeber der Stadt gehört, haben sich mittlerweile - auch in Kooperation mit der Hochschule - weitere wissenschaftliche Einrichtungen niedergelassen. Mehr als 1.000 Beschäftigte sind dem Forschungssektor in Bremerhaven zuzuordnen.
Insgesamt sind etwa 2.700 Arbeitsplätze in Bremerhaven direkt von Klimabranchen abhängig. Tendenz steigend.

Die Kehrseite der Medaille: Prekäre Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu
Auch wenn sich das Wachstum der Klimabranchen durchaus auf dem Arbeitsmarkt in Bremerhaven bemerkbar gemacht hat: Den stärksten Beschäftigungszuwachs gab es im Dienstleistungsbereich, hinter dem sich die ›Boombranche‹ Leiharbeit verbirgt: Seit der gesetzlichen Deregulierung durch Hartz I im Jahre 2003 hat sich die Beschäftigung hier verdreifacht. 2010 war sogar jede zweite ausgeschriebene Stelle aus der Leiharbeitsbranche.
Auch das Hartz-II-Gesetz hat den Bremerhavener Arbeitsmarkt verändert: Die Schaffung von Minijobs wurde dadurch erleichtert. In der Seestadt sind seitdem 2.500 geringfügig entlohnte Beschäftigungsverhältnisse geschaffen worden, das ist ein Zuwachs von 30 Prozent. Während die Leiharbeit männlich geprägt ist, entstehen Minijobs in erster Linie in klassischen Frauenbranchen, etwa im Bereich ›Gesundheit und Soziales‹ (Frauenanteil: 80 Prozent), im Einzelhandel (Frauen: 75 Prozent) und in der Gastronomie (Frauen: 63 Prozent). Diese Beschäftigungsverhältnisse werden in der Regel nicht zusätzlich geschaffen, sondern führen häufig zu einem Abbau existenzsichernder Arbeitsplätze. Trotz des erfolgreich verlaufenden Strukturwandels sind in Bremerhaven deshalb mehr Minijobs und Leiharbeitsverhältnisse entstanden als Vollzeitjobs.
Problematisch an dieser Entwicklung ist, dass die steigende Bedeutung prekärer Beschäftigungsverhältnisse die Armutsgefährdung erheblich erhöht, denn 80 Prozent der Minijobber und 70 Prozent der Leiharbeiter arbeiten für einen Niedriglohn. Die Folge: 3.741 Menschen beziehen trotz Beschäftigung Hartz IV. Die meisten arbeiten in den Minijob-Branchen ›Einzelhandel‹, ›Gastgewerbe‹ und ›Gesundheit und Soziales‹ oder in der Leiharbeit. 1.000 Aufstocker haben sogar eine Vollzeitbeschäftigung. Auch die Kinderarmut ist in Bremerhaven weiterhin exorbitant hoch: 37 Prozent der unter 15-Jährigen leben in Hartz-IV-Familien.

Quo vadis Bremerhaven?

Rund 5.000 neue Arbeitsplätze sind seit 2005 entstanden und die Arbeitslosenquote sank um zehn Prozentpunkte - das ist durchaus ein großer Erfolg und gut für Bremerhaven. Die Klimabranchen haben hier einen einscheidenden Beitrag geleistet. Allerdings war diese Entwicklung kein Selbstläufer, sondern wurde von umfangreichen öffentlichen Investitionen getragen.
Dass nicht alle Bremerhavener gleichermaßen von den Beschäftigungsgewinnen profitiert haben, darf allerdings nicht außer Acht gelassen werden: Im Zuge des Strukturwandels wurden beispielsweise Frauen aus dem Arbeitsmarkt zurückgedrängt, weil sich die meisten Arbeitsplatzgewinne auf männerdominierte Branchen wie die Offshore-Windenergie und die Hafenwirtschaft konzentrierten. Der Frauenanteil unter den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten war in Bremerhaven deshalb - entgegen dem bundesdeutschen Trend - rückläufig.
Die zweite große Baustelle ist und bleibt die verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit - ein bisher unbewältigtes Erbe der tief greifenden Strukturkrise. Während der lang anhaltenden angespannten wirtschaftlichen Lage haben die Unternehmen deutlich weniger Ausbildungsstellen geschaffen, so dass sich hier ein hoher Anteil Langzeitarbeitsloser ohne Berufsausbildung aufgebaut hat.
Mit 66 Prozent liegt er etwa 20 Prozent über dem bundesdeutschen Durchschnitt. Ein Viertel der Arbeitslosengeld-II-Empfänger verfügt darüber hinaus über keinen Schulabschluss. Auch wenn es in einigen Fällen durchaus gelungen ist, Langzeitarbeitslose für geringer qualifizierte Stellen in der Offshore-Windenergie zu gewinnen, bleibt ein Großteil dieser Menschen weiterhin vom ersten Arbeitsmarkt regelrecht abgekoppelt.
Um sie in Beschäftigung zu bringen, sind langfristige, abschlussbezogene Qualifizierungen notwendig. Aber dies wird den Arbeitsmarkt nicht entscheidend entlasten, denn es fehlen weiterhin weit über 8.000 Arbeitsplätze, die in der freien Wirtschaft in absehbarer Zeit nicht entstehen werden. Nötig sind deshalb Investitionen in den Aus- beziehungsweise Aufbau eines zweiten Arbeitsmarktes, um Menschen wieder in die Arbeitswelt zu integrieren.

von Dr. Marion Salot
(Referentin für regionale Strukturentwicklung)


Foto: Peter Duddek, Quelle: Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung


Weitere Informationen:
 

Vom Schiffbaustandort zur Klimastadt - Bremerhavens Beschäftigungslandschaft im Wandel
August 2011, Autorin: Dr. Marion Salot, Stellungnahme/Langfassung