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Soziale Spaltung: Einkommen klaffen auseinander



17. Januar 2012
von Jörg Muscheid (Referent für Wirtschaftspolitik)


Konsequente Sparanstrengungen der öffentlichen Haushalte und zunehmende Armutsrisiken für einen größer werden den Teil der Bevölkerung: Vor dem Hintergrund der damit einhergehenden Polarisierung der Gesellschaft wird die Frage der Einkommensverteilung aktuell diskutiert. Auch das Bremer Leitbild "Komm mit nach Morgen" will "den Abstand zwischen den zehn ärmsten und den zehn reichsten Bremer Stadtteilen verringern". Doch wie stark ausgeprägt ist die soziale Spaltung der Stadt tatsächlich?

Ein Indiz für den Abstand zwischen den Stadtteilen ist sicherlich die Höhe der Einkommen. Die Befunde zur Einkommensverteilung sind aber – gerade auf regionaler Ebene – rar. Daher hat die Arbeitnehmerkammer auf der Basis der Einkommenssteuerstatistik 1998 bis 2007 den Versuch unternommen, die Entwicklung der  Einkommensverteilung im Land Bremen zu analysieren. Ziel war es dabei, Hinweise zu bekommen auf die starke sozialräumliche Spaltung der Stadt in Gebiete mit hohem Einkommen und solche mit besonders niedrigen Einkommen. Das Statistische Landesamt hat dafür die Daten von knapp 315.000 Steuerpflichtigen zur Verfügung gestellt. Die Daten erlauben einen Blick auf die Verteilung der Einkommen und die Einkommenshöhe in den Ortsteilen von Bremen und Bremerhaven. Bei der Analyse der Ortsteile ist zu beachten, dass Vorjahresvergleiche nur sehr eingeschränkt möglich sind, da mit der Einführung der elektronischen Lohnsteuerkarte in den vergangenen Jahren zunehmend Steuerpflichtige mit niedrigem Einkommen erfasst wurden – was zwangsläufig den Durchschnitt der erfassten Einkommen verringert. Allerdings wird künftig ein Vergleich der Einkommensentwicklung in den Stadteilen möglich sein, von daher lassen sich dann auch Hinweise geben auf die Frage, ob die Polarisierung der Stadtteile zunimmt oder nicht.

Die wichtigsten Ergebnisse im Einzelnen:

  • Das Durchschnittseinkommen ist in Bremen-Horn mit 108.145 Euro genau 3,6-mal so hoch wie im gesamtstädtischen Durchschnitt. Besonders hohe Einkünfte erzielen aber auch die Steuerpflichtigen in Oberneuland (83.842 Euro), Bürgerpark (65.617 Euro), Borgfeld (58.577 Euro) und Schwachhausen (48.283 Euro).
  • Besonders niedrige durchschnittliche Gesamteinkünfte finden sich in den Ortsteilen der Neuen Vahr (16.256 Euro bis 17.811 Euro) sowie in den Ortsteilen Ohlenhof (17.432 Euro) und Lindenhof (17.811 Euro) im Stadtteil Gröpelingen.
  • Spitzenreiter bei den durchschnittlichen Einkünften der Steuerpflichtigen in Bremerhaven ist der Ortsteil Speckenbüttel, in dem mit 49.423 Euro das Durchschnittseinkommen das 2,1-fache des städtischen Durchschnitts beträgt. Die niedrigsten Durchschnittseinkünfte wurden in den Ortsteilen Goethestraße (16.316 Euro), Twischkamp (18.120 Euro), Geestendorf (18.289 Euro) und Geestemünde Süd (18.810 Euro) festgestellt.


Ergänzend zum "Durchschnittseinkommen" lassen sich auch Aussagen zur Zahl der Steuerpflichtigen mit einem Einkommen von mehr als 125.000 Euro auf Stadtteilebene treffen. Haushalte mit niedrigen Einkommen wohnen meist dort, wo die Mieten relativ gering sind. Und Haushalte mit gewissem Wohlstand sind eher in den teureren, "bevorzugten" Lagen zu finden. Dies lässt sich gut am Beispiel der Stadt Bremen erkennen. Von den insgesamt 4.321 Steuerpflichtigen, die zu dieser Gruppe gehören und in den 19 Stadtteilen der oben stehenden Grafik erfasst werden, lebt knapp mehr als die Hälfte in Schwachhausen, Oberneuland und Horn-Lehe. Umgekehrt wohnen in den Stadtteilen Gröpelingen, Walle und Woltmershausen zusammen nur zwei Prozent der Steuerpflichtigen mit Einkünften von 125.000 Euro und mehr.

Und die Spitzeneinkommen? Hinsichtlich der "allerhöchsten" Spitzeneinkommen ab 250.000 Euro und mehr lassen sich aufgrund von Datenschutzbestimmungen keine differenzierten Aussagen auf Ortsteilebene treffen. Bezogen auf diese Einkommen lässt sich aber die Entwicklung auf der Ebene der Städte und des
Landes skizzieren: ein aufschlussreicher Blick auf den Einkommensreichtum im Land Bremen.

Die Daten, die für die Betrachtungsebene der Städte und des Landes vorliegen, zeigen deutliche Zuwächse bei den oberen Einkommensgruppen: 2007 verdienten immerhin rund 1.400 Bremerinnen und Bremer mehr als 250.000 Euro. Innerhalb der Spitzeneinkommen konzentrieren sich die Zuwächse auf die Millionäre:

  • Noch im Jahr 1998 wies die Statistik im Land Bremen 341 DMMillionäre und 595 weitere "Spitzenverdiener" mit Gesamteinkünften von 500.000 DM bis 1.000.000 DM aus, in den damals beiden höchsten Einkommensgruppen insgesamt also 936 Steuerpflichtige. Seit 1998 war die Entwicklung moderat; zunächst nur ein leichter Anstieg und dann sogar ein Rückgang. Im Jahr 2007 stieg die Zahl dann wieder deutlich, gegenüber 2004 nahm die Zahl der Spitzenverdiener um immerhin 88 Prozent zu.
  • Innerhalb der Gruppe der Spitzenverdiener zeigen sich vor allem in der Spitze die stärksten Zuwächse. So war auch in der Gruppe der Einkommensbezieher mit einem Einkommen >500.000 Euro (früher: "DM-Millionäre") zunächst ein Rückgang zu verzeichnen; dann allerdings ein rasanter Anstieg: 2007 hat sich die Zahl gegenüber 2004 mehr als verdoppelt. Die Gruppe der Spitzeneinkommen mit Einkommen >1.000.000 Euro; ("Euro-Millionäre") hatte einen ähnlichen Verlauf, auch hier hat sich im Ergebnis 2007 die Zahl der Einkommensbezieher gegenüber 2004 mehr als verdoppelt.
  • Durchschnittlich verfügten die Euro-Millionäre im Jahr 2004 pro Steuerpflichtigen über steuerbare Einkünfte in Höhe von 3,58 Millionen Euro.
  • Die Spitzeneinkommen konzentrieren sich dabei auf die Stadt Bremen: Von den insgesamt 1.393 Einkommensbeziehern mit mehr als 250.000 Euro finden sich hier rund 92,4 Prozent aller Einkommensbezieher im Land Bremen; betrachtet man ausschließlich die "Euro-Millionäre", steigt der Anteilswert sogar auf 94,5 Prozent.
Einkommen sind ganz sicher eine Frage der Löhne und der Höhe staatlicher Transferzahlungen. Insofern stehen auch vor dem Hintergrund der Spaltung der Städte ein bundesweiter Mindestlohn, eine gerechtere Steuerpolitik (siehe hierzu auch "Poltische Weichenstellungen nötig") und der Kampf gegen prekäre Beschäftigung auf der Tagesordnung.
Aber auch kommunal beziehungsweise auf Landesebene muss gehandelt werden, will man dem selbst gesteckten Ziel der Annäherung der Stadtteile folgen. Zu nennen ist insbesondere der Bereich der Städtebau- und Wohnungsbaupolitik: Öffentliche Mittel müssen schwerpunktmäßig in besonders benachteiligte Stadtteile fließen, um strukturelle Benachteiligungen zu kompensieren und die Wohnqualität zu verbessern. Im Bereich der Arbeitsmarktpolitik kommt vor allem dem Instrument der öffentlich geförderten Beschäftigung eine wichtige Rolle zu; und last, but not least sind Qualifizierungsmaßnahmen nach wie vor das entscheidende Mittel, um die Beschäftigungschancen und das Einkommensniveau nachhaltig zu verbessern.


Weitere Informationen:
 

Lesen Sie auch unseren Artikel zur Einnahmesituation Bremens: Politische Weichenstellungen nötig

Polarisierung der Einkommen
(pdf)

Dezember 2011 Einkommensverteilung im Land Bremen und in den Ortsteilen Bremens und Bremerhavens
Autoren: Jörg Muscheid und Bernd Strüßmann

Karte zur Einkommensverteilung in den Ortsteilen
(pdf)
Dezember 2011 Statistisches Landesamt Bremen