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Seitdem die damals rot-grüne Bundesregierung 2001 ihre offizielle Armuts- und Reichtumsberichterstattung begann, hat das Thema Armut Konjunktur. Kaum ein Monat vergeht, ohne dass über Armut trotz Reichtum in den abendlichen Talkshows und Tageszeitungen debattiert wird. Auch Bremen legte im letzten Jahr (2009) den ersten offiziellen Armuts- und Reichtumsbericht vor - ein wichtiges Etappenziel. Armut und prekäre Lebensbedingungen trotz Reichtum sind als politische Herausforderung durch den Bremer Senat offiziell akzeptiert. Gleichzeitig ist die Datengrundlage des Berichts nicht zufriedenstellend. Sie kann auch künftig lediglich in kleinen Schritten verbessert werden. Auch aus diesem Grund muss neben der Wahrnehmung und Berechnung von Armutsrisiken und prekären Lebenslagen verstärkt an wirksamen Konzepten zur Armutsvermeidung gearbeitet werden.


von Thomas Schwarzer, Referent für kommunale Sozialpolitik
Mai 2010



Der Senatsbericht zeigt materialreich und differenziert die Vielfalt der ungleichen Lebenslagen von Kindern, Jugendlichen, Älteren, (alleinerziehenden) Frauen, Migranten und Menschen mit Behinderungen. Auch durch die thematischen Kapitel zu Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung, Wohnen, Gesundheit und Partizipation zieht sich wie ein roter Faden die soziale Spaltung der Bremer Stadtgesellschaft. Die „Spaltung" beruht jedoch nicht allein auf dem wachsenden Abstand zwischen hohen und niedrigen Einkommen, der so genannten Spreizung. Sie spitzt sich in Großstädten wie Bremen zu, weil bestimmte soziale Gruppen den Anschluss an die durchschnittlichen Lebensverhältnisse in der Stadt verlieren. Der Abstand zu diesem Durchschnitt wird statistisch anhand der (Haushaltsnetto-) Einkommen errechnet. Liegen diese unterhalb von 60 Prozent der durchschnittlichen Einkommen, besteht Einkommensarmut.

Die Datenlage in Großstädten ist unbefriedigend

Für das Land Bremen ist jedoch weder die genaue Zahl der (Einkommens-) Armen bekannt, noch die Personengruppe, die tatsächlich den Anschluss (dauerhaft) verloren hat oder zu verlieren droht. Die amtliche Statistik gibt Auskunft über die Zahl der Personen die öffentliche Leistungen beziehen. Das waren seit 2005 mit geringen Schwankungen in der Stadt Bremen rund 75.000 Leistungsempfänger/innen (SGB II). Drunter befinden sich 21.000 Kinder unter 15 Jahren, die Sozialgeld benötigen. In Bremerhaven sind es 23.000 Leistungsempfänger/innen (SGB II), darunter ca. 6.000 Kinder unter. 15 Jahren. Insgesamt sind das 98.000 Personen. Ein Armutsrisiko besteht jedoch für 129.000 bis 179.000 Bremer/innen (19,4 bis 27 Prozent). Bei dieser geschätzten Quote werden unter anderem auch die annähernd 60.000 überschuldeten Personen in etwa 30.000 Haushalten berücksichtigt.
Nicht berechnet werden kann auch die große Zahl der verdeckt Armen. Ein erheblicher Personenkreis ohne eigene Bezüge oder mit geringen Einkommen, beantragt weiterhin nicht die ihm rechtlich zustehenden finanziellen Unterstützungsleistungen. Das geschieht zum Teil aus Unkenntnis, aus Scham oder um der Bevormundung durch staatliche Behörden zu entgehen. Die amtliche Statistik spiegelt jedenfalls nicht das gesamte Ausmaß der Bedürftigkeit.

Bremen: tiefste Kluft zwischen „oben" und „Mitte"

Berücksichtigt man all diese Einschränkungen, stellt sich die soziale Lage in der Stadt Bremen wie folgt dar: Grob vereinfacht könnte Bremen mit dem häufig verwendeten Bild einer Dreiviertelgesellschaft beschreiben werden. Eine Minderheit von 25 Prozent unterhalb einer breiten „Mitte" der Stadtgesellschaft von insgesamt 60 Prozent, kann ebenso unterschieden werden wie eine weitere Minderheit von 15 Prozent, die sich nach „oben" abgrenzen lässt.

Faktisch sind die einzelnen Ortsteile durch eine Mischung unterschiedlicher lokaler Milieus geprägt. Werden die unterschiedlich umfangreichen Armuts- und Wohlstandslagen innerhalb der einzelnen Ortsteile berücksichtigt, entsteht ein differenzierteres Bild.

Die Zone des privilegierten und gesicherten Wohlstands (15%) charakterisiert vor allem ihr großer Abstand zum Durchschnitt der mittleren Einkommensgruppen. Dadurch ist diese Zone durch den insgesamt tiefsten und weiter wachsenden Spalt gegenüber der restlichen Stadtgesellschaft gekennzeichnet. Diese Kluft innerhalb der Stadtgesellschaft beruht auf der starken Spreizung der Einkommen (und Vermögen) in den obersten Einkommensgruppen.

Im Vergleich zu dieser „Spreizung nach Oben" liegen die durchschnittlichen Einkommen in der Zone des gesicherten und des bescheidenen Wohlstands dichter beieinander. Eine wirklich trennscharfe Abgrenzung dieser mittleren Wohlstandszone gegenüber der Zone des prekären Wohlstands und der Armut ist aufgrund der sozial gemischten Lebenslagen in vielen Ortsteilen kaum möglich.

Erst im zeitlichen Verlauf lässt sich ermitteln, ob einzelne Gruppen in bestimmten Ortsteilen in Armutslagen abrutschen oder verharren - oder sich nach prekären Übergangsphasen wieder in bescheidenem Wohlstand stabilisieren. Derartige Entwicklungen können durch eine einmalige Bestandsaufnahme nicht analysiert werden, wie sie der Armuts- und Reichtumsbericht 2009 leistet. Erst ein zweiter oder dritter Bericht kann derartige Verläufe aufzuzeigen.

Solche Zeitreihen können auch nicht ausschließlich auf (Durchschnitts-) Einkommen gestützt werden. Denn die Ursache dafür, dass viele Menschen den Anschluss an die durchschnittliche Entwicklung verlieren, liegt nicht allein in einem geringen Einkommen. Ausgangspunkt ist häufig kein ausreichender Schul- oder Ausbildungsabschluss, Arbeitslosigkeit oder nicht (mehr) nachgefragte Qualifikationen, die Verantwortung für Kinder, fehlende Sprachkenntnisse, eine Krankheit oder eine Krisensituation. Kommen mehrere dieser Merkmale zusammen, steigt das Armutsrisiko massiv. Solche verknüpften Informationen zu einzelnen Personen oder Haushalten liegen aufgrund umfassender Befragungen (repräsentativ) lediglich für die Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung vor. Die amtliche Statistik in Bremen oder in vergleichbaren Großstädten bietet diese Informationen nicht.

Armut in Bremen: In Zukunft öfter und genauer hinsehen

Und damit ist bei einer realistischen Betrachtung der bestehenden Möglichkeiten auch in näherer Zukunft nicht zu rechnen. Alle gut begründeten Wünsche nach (kleinräumig) verknüpften Daten über Einkommen, Bildungsstand und die Zusammensetzung von Haushalten dürften sich in absehbarer Zeit nicht realisieren lassen. Selbst durch die geplante Volkszählung wird sich die verfügbare Datenbasis in dieser Hinsicht nicht grundsätzlich verbessern. Notwendig ist deshalb zweierlei:

- Eine bessere Kombination der vorhandenen Datenbestände der amtlichen Statistik (Statistisches Landesamt), der Senatorischen Behörden und Ämter sowie der Bundesagentur für Arbeit / Bagis (Kooperation, gemeinsame Projekte). Für die räumliche Identifikation von Ortsteilen und Quartieren, in denen ein besonderer sozial- und bildungspolitischer Handlungsbedarf besteht, bietet das Stadtteilmonitoring „Soziale Stadt Bremen" eine gute und weiter ausbaufähige Grundlage. Diese Art der Analyse von Massendaten und der Berechnung von Durchschnittswerten und Armutsrisiken stößt jedoch auf die erwähnten Grenzen der zugänglichen Datenbasis.

- Für zukünftige Ansätze zur Armutsprävention und zur Stärkung des sozialen Zusammenhalts der Stadtgesellschaft, müssen die bisherigen Datenbestände und Informationen ergänzt werden. Dazu ist ein Perspektivenwechsel erforderlich hin zu Individualdaten, Informationen zum Lebensverlauf spezifischer Milieus und eine lebensnahe Typenbildung. Kurz gesagt, kann die Berechnung von Massendaten, von Durchschnittseinkommen und von Merkmalen der Lebenslage lediglich der Ausgangspunkt für Analysen sein, die direkter an den Lebensverhältnissen der Menschen ansetzen - durch Interviews, teilnehmende Beobachtung und Quartieranalysen.



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Quelle: Armuts- und Reichtumsbericht des Landes Bremen 2009