Haben sie das auch schon erlebt? Sie stehen an der Kasse im Supermarkt (oder kaufen Sie im Fachgeschäft?) mit ihrem Wochenendeinkauf. Vor Ihnen steht eine Frau um die 50 Jahre, nachlässig gekleidet und frisiert. Sie hat ein halbes Brot (500g), einen Becher Frischkäse (200g), ein Bier (Plastikflasche 0,5 l), eine Tütensuppe und eine frische Gurke vor sich liegen. Die Frau zählt das Geld genau ab und bezahlt 2 Euro 72 Cent - und sie wundern sich. Für diesen Betrag bekommen Sie doch höchstens ein Brot und nicht fünf Artikel. Allmählich beschleicht sie der Gedanke, dass diese fünf „Lebensmittel" wohl der Wochenendeinkauf der Frau sind. Sieht so die Armut aus, über die immer häufiger berichtet wird?
von Thomas Schwarzer, Referent für kommunale Sozialpolitik
Mai 2010

Im Alltag und in der Politik wird ungern über Armut gesprochen - ein unerfreuliches Thema. Noch Mitte der 90er Jahre bestritt Helmut Kohl als Kanzler gegenüber der Europäischen Union, dass es in Deutschland nennenswerte Armutsprobleme gäbe. Eine ähnliche Erfahrung machte Bremens Bürgermeister Jens Börnsen in einem Gespräch mit Franz Müntefering. Kinderarmut, so Müntefering 2007, sei in Deutschland kein drängendes soziales Problem. Regierungspolitiker und auch die staatlichen Verwaltungen vermeiden möglichst den Begriff der Armut und sprechen lieber positiv über Teilhabe und Zusammenhalt. Wissenschaftler/innen und Oppositionspolitiker/innen prangern hingegen zunehmende Armut und Ausgrenzung an.
Dauernde oder vorübergehende Armut?
Wenn über Armut öffentlich debattiert wird, dominieren Zahlen. Wie viele Arme gibt es? Sind es mehr oder weniger geworden? Ohne eine Berechnung, um die immer wieder neu gestritten wird, dringt das Thema kaum in die Öffentlichkeit. In einer Stadt wie Bremen wird Armut lediglich dann im Alltag sichtbar, wenn man sich rund um den Bahnhof aufhält oder sich in einen Stadtteil wie Gröpelingen, Tenever oder Kattenturm begibt. Doch auch dort gibt es gut situierte Quartiere mit Einfamilienhäusern und gepflegten Mietwohnungen. Ein Leben mit so wenig Geld, dass offiziell von Einkommensarmut gesprochen wird, findet häufig hinter ordentlichen Fassaden statt. Und einer Person, die mit wenig Geld auskommen muss, ist das nicht unbedingt anzusehen - manchen aber schon. Deshalb muss (kann raus) eine erste Unterscheidung getroffen werden - zwischen verfestigter und vorübergehender Armut.
Vorübergehende Armut macht deutlich, dass Armut nicht direkt mit der Person verbunden sein muss. Manche geraten in Armut, weil sie ihre Arbeit verlieren oder durch die Geburt eines Kindes für einige Zeit nicht erwerbstätig sein können. Wenn sie dann wieder Arbeit und einen Betreuungsplatz finden, überwindet ein Teil von ihnen den Zustand materieller Armut. In der Regel müssen diese Menschen auch weiterhin mit sehr begrenzten Mitteln auskommen und manche geraten zu einem späteren Zeitpunkt wieder in eine Armutsphase. Insgesamt herrscht ein stetiges Aufsteigen und Absteigen innerhalb der Zone materieller Armut, wobei die Abstiege in den letzten Jahren statistisch dominieren. Typisch für vorübergehende Armutsphasen sind vor allem zwei Lebenssituationen.
Eine der größten Gruppen sind alleinerziehende Mütter (und wenige Väter), die aktiv versuchen, den Alltag mit ihren Kindern zu gestalten. Trotz persönlicher Enttäuschungen durch Trennung oder Scheidung, verfügen sie über genügend Selbstbewusstsein und Energie, sich Unterstützung im Alltag zu organisieren. Eltern, Geschwister oder Freunde/innen helfen bei der Alltagsorganisation, der Betreuung der Kinder oder auch mit Geld. Viele dieser Alleinerziehenden können nach der besonders betreuungsintensiven Kleinkinderphase die materielle Armut überwinden. Voraussetzungen sind jedoch belastbare soziale Netze und eine gute lokale Betreuungsinfrastruktur.
Eine der größten Gruppen in dieser Armutslage sind überlastete Einzelkämpfer. Dazu zählen sowohl Alleinerziehende als auch Paare mit Kindern. Die alltägliche Belastung durch Familien- und (niedrig entlohnte) Berufsarbeit zehrt alle vorhandenen Energien auf. Begonnen hat die Armutsphase meistens mit einem einschneidenden Ereignis: Trennung oder Scheidung, Krankheit oder Tod eines Partners sowie die Geburt eines (weiteren) Kindes bzw. Kinderreichtum. Der Alltag ist anstrengend, weil es kaum aktive Unterstützung durch Familienangehörige oder Freunde gibt. Oft sind diese sogar eine zusätzliche Verpflichtung (pflegebedürftige Eltern). Selbst vorhandene Unterstützungsangebote (Familienhilfe, Beratung) oder Geldleistungen (Wohngeld, aufstockende Hartz-IV-Bezüge) werden aus Scham oder Unwissenheit oft nicht genutzt. Ein Durchbrechen dieser Belastungssituation ist meist nur durch gezielte Unterstützung von „Außen" möglich.
Kinder brauchen Unterstützung im Stadtteil
Damit sich vorübergehende Armutsphasen wie auch verfestigte Armut nicht zur Benachteiligung heranwachsender Kinder von Anfang an auswirken, bedarf es systematischer Armutsprävention - entsprechend der jeweiligen Lebenssituationen. Favorisiert wird derzeit eine veränderte Verantwortungsteilung zwischen den Familien einerseits sowie öffentlichen und privaten Angeboten andererseits (Kinder-, Jugend-, Familienhilfe, Kindertagesbetreuung). Vor allem frühkindliche Betreuungs- und Bildungsangebote sollen sowohl die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern, wie auch eine bessere Förderung von Kindern aus materiell benachteiligten Familien ermöglichen. Denn je früher, je schutzloser und je länger Kinder einer Armutssituation ausgesetzt sind, umso gravierender sind die späteren Auswirkungen.
Dennoch muss Einkommensarmut nicht zwangsläufig zu Beeinträchtigungen führen. Es lässt sich beobachten, dass ein Teil der Kinder, die in Armut aufwachsen, so etwas wie Schutzfaktoren ausbilden. Diese können durch positives Beziehungshandeln der Eltern oder Geschwister entstehen, aber auch durch bewusst geförderte stabile Beziehungen im Freundeskreis, in der Nachbarschaft, in der Kindertagesbetreuung oder in der Schule. Das sind aber keine „Selbstheilungskräfte" - vielmehr müssen sie durch eine bewusste soziale Förderung und Stärkung der Kinder sowie durch die Veränderung der „Rahmenbedingungen" unterstützt werden (Entlastung belasteter Familien, Angebote der Kleinkinderbetreuung, Förderstrategie in Schulen). Mit integrierten Strategien städtischer Sozial-, Bildungs- und Familienpolitik können hier erhebliche Wirkungen in den Bremer Ortsteilen erzielt werden. Darüber hinaus sind strukturelle Rahmenbedingungen wie ein bundesweiter Mindestlohn und ein menschenwürdiges Existenzminimum zwingend erforderlich.


