Sie befinden sich auf dem Internetangebot der Arbeitnehmerkammer Bremen.
Arbeitnehmerkammer auf Twitter


Stadt der Wissenschaft: Die Seestadt wird beliebter

18. Februar 2016
von Janet Binder

Wissenschaft und Forschung haben in Bremerhaven einen großen Stellenwert. In diesem Sektor sind in den vergangenen Jahren prozentual so viele Arbeitsplätze hinzugekommen wie in keinem anderen. Umso wichtiger ist es, einen Blick auf die Beschäftigten in dem Bereich und auf die Studierenden zu werfen: Sind sie zufrieden mit ihrem Leben in Bremerhaven?

Als der Hamburger Jonas Niedergesäß sich vor acht Jahren um einen Studienplatz bewarb, ging es ihm nicht um den Ort, sondern um das Fach. Maritime Biotechnologie interessierte ihn, und das bot nur die Hochschule Bremerhaven an. Er kannte die Seestadt nicht, fühlte sich dort aber von Anfang an wohl. ›Hier ist alles nah und zu Fuß erreichbar‹, freut sich der Vorsitzende des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA). Das Wohnen in der Innenstadt sei bezahlbar, das Studieren auf dem Campus angenehm, das Theater großartig. Bei der letzten Sail saß er mit seiner Familie am Wasser, picknickte in der Kulisse der Windjammer und lauschte dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven. ›Wo gibt es so etwas sonst?‹

Mit dieser Einschätzung ist der 26-Jährige nicht allein: In einer Befragung der Arbeitnehmerkammer Bremen unter mehr als 550 Studierenden und Beschäftigen im Wissenschaftssektor sagten 57 Prozent derjenigen, die in Bremerhaven leben, dass sie die Stadt attraktiv finden. Bei einer ersten Befragung 2007 waren es nur 42 Prozent. Gründe für die wachsende Beliebtheit gibt es viele: Der Ausbau der Hochschule kommt gut an, die Modernisierung des Hauptbahnhofs, das Schaufenster Fischereihafen und die Havenwelten. Die Nähe zum Wasser wird ebenso geschätzt wie die geringen Lebenshaltungskosten und die kurzen Wege. Gewünscht werden aber mehr Freizeitangebote wie Schwimmbäder und gastronomische Angebote am Wasser.

Jobperspektiven sind wichtig
Trotz der gestiegenen Attraktivität ist die Zahl der Einpendler unter den hoch qualifizierten Beschäftigten und den Studierenden in Bremerhaven immer noch hoch. Viele  wohnen lieber in Bremen oder im Umland als in Bremerhaven. ›Dadurch profitiert die Stadt nicht in dem Umfang von der positiven Entwicklung des  Wissenschaftsbereiches wie sie könnte‹, sagt Marion Salot, Referentin für regionale Strukturpolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen.

Was also kann getan werden, um Bremerhaven zu einem noch lebenswerteren Ort zu machen? ›Die Befragung zeigt: Studierende fühlen sich dort am wohlsten, wo es gute Arbeitsplatzangebote gibt‹, betont Marion Salot. Und da hapert es noch, obwohl Bremerhaven den Strukturwandel geschafft hat und neue Jobs entstanden sind. Der Anteil Hochqualifizierter an allen Berufstätigen liegt in der Seestadt nur bei knapp über neun Prozent. ›Der Wissenschaftssektor sollte deshalb weiter ausgebaut werden‹, wünscht sich die Referentin.

Die Arbeitslosenquote ist in Bremerhaven mit annähernd 16 Prozent immer noch sehr hoch. Fast 37 Prozent der Befragten gaben an, dass sie die Stadt deshalb unattraktiv finden. Doch vor allem der Wissenschaftssektor birgt Hoffnung: Er ist der am schnellsten wachsende Wirtschaftsabschnitt in Bremerhaven, so Salot. Seit 2007 stieg die Zahl der Arbeitsplätze im Wissenschaftsbereich um 85 Prozent. Eine Entwicklung, die die Referentin auch für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt wichtig findet. ›Die Wissenschaft befruchtet auch regionale Unternehmen und fördert deren Bereitschaft für Innovationen.‹ Der Bereich Forschung und Entwicklung ist nach der Windenergiebranche und dem Hafen- und Logistiksektor bereits der drittgrößte Jobmotor in Bremerhaven.

Damit möglichst viele Studierende eine Jobperspektive haben und somit in Bremerhaven bleiben können, muss nach Ansicht von Marion Salot die Kooperation zwischen Hochschule und Wirtschaft noch weiter gestärkt werden. Schon bislang fanden viele Absolventen der Hochschule eine Beschäftigung bei örtlichen Windenergieunternehmen. ›Und zwar nicht nur die aus den Studiengängen Maritime Technologien oder Windenergie, die gezielt auf diese Branche ausgerichtet sind, sondern auch aus vielen anderen Studiengängen, wie der Produktionstechnologie, der Logistik oder der Betriebswirtschaftslehre‹, betont Hochschulrektor Peter Ritzenhoff. So könne der drohende Wegzug qualifizierter Fachkräfte verhindert werden.

Zahl der Studierenden verdreifacht
Mit dem Ausbau der Hochschule verdreifachte sich auch die Zahl der Studierenden innerhalb von 16 Jahren auf 3.200; viele kommen inzwischen von weit her. Ritzenhoff strebt nun eine Zielmarke von 5.000 an – wenn die Finanzierung stimmt. Eine Entwicklung, die Marion Salot freut: ›Junge Menschen in einer Stadt wirken sich positiv auf die demografische Entwicklung aus.‹ Die maritim ausgerichtete Hochschule punktet vor allem bei Auswärtigen mit teils einmaligen Studiengängen wie Windenergietechnik, Kreuzfahrttourismus-Management oder Integriertes Sicherheitsmanagement. ›Externe Studierende bekommen wir nur, wenn wir Angebote mit einer gewissen Einzigartigkeit haben‹, betont Ritzenhoff.

So war es auch bei Jonas Niedergesäß. Er wechselte zwar zwischenzeitlich das Studienfach – er studiert nun Betriebswirtschaft. Dafür hätte er an eine andere Hochschule gehen können, doch er blieb in Bremerhaven. Für ihn wäre es auch nie infrage gekommen, nach Bremen zu ziehen und zu pendeln, so wie es viele seiner Kommilitonen machen. ›Sie verpassen das Studentenleben‹, wundert sich Niedergesäß. Viele – auch Einheimische – hätten immer noch ein negatives Bild von Bremerhaven im Kopf. Dabei seien die schlechten Zeiten längst vorbei. ›Es wird übersehen, was die Stadt alles zu bieten hat‹, sagt der Student.

Bremerhaven: bunt, ehrlich, vielfältig, offen
Auch für die geschäftsführende Direktorin des Deutschen Schifffahrtsmuseums, Sunhild Kleingärtner, war es selbstverständlich, nach Bremerhaven zu ziehen, als sie 2013 ihr Amt antrat. ›Ich möchte nicht viel Zeit mit Pendeln verbringen‹, sagt sie pragmatisch. Doch sie lebt nicht notgedrungen in der Seestadt, im Gegenteil: ›Ich finde es klasse, am Wasser zu leben.‹ Die 41-Jährige mag die Hafenatmosphäre und die kurzen Wege. ›Die Stadt ist bunt, ehrlich, vielfältig und offen.‹ Dass viele  alteingesessene Bremerhavener selbst an ihrer Stadt zweifeln, kann sie nicht nachvollziehen. ›Die Zugezogenen gehen mit der Stadt selbstbewusster um als die hier  Geborenen.‹ Es würden so viele Juwelen in der Stadt angeboten: das Theater, der Kunstverein oder Veranstaltungen im Fischereihafen. ›Darauf kann Bremerhaven sehr stolz sein‹, betont die Archäologin.

Schade findet sie dagegen, dass so viele Häuser aus der Gründerzeit im Stadtteil Lehe verfallen. ›Hier müsste investiert werden, um historische Bausubstanz zu erhalten  und Quartiere zu beleben.‹ Immerhin: Jeder fünfte Befragte, der nicht in Bremerhaven lebt, gab an, für ein attraktives Wohnungsangebot in die Seestadt zu ziehen. ›Der  Pendleranteil könnte also mit einem attraktiven Wohnungs- und Arbeitsplatzangebot gesenkt werden‹, betont Salot.

Jonas Niedergesäß lebt bereits in einer schönen Wohnung in der Innenstadt. Für ihn steht fest: Er wird in Bremerhaven bleiben, wenn er sein Studium beendet hat. Jobperspektiven hat er schon.


Weitere Informationen:
 

März 2016
Wissen macht schön! (pdf)
Strukturwandel, Imagewechsel und die Bedeutung des Wissenschaftssektors in Bremerhaven
Dr. Marion Salot und Kai-Ole Hausen