Sie befinden sich auf dem Internetangebot der Arbeitnehmerkammer Bremen.
Arbeitnehmerkammer auf Twitter


Auf Väter in Eltern- und Teilzeit wartet ein nicht ganz ­leichter  Balanceakt zwischen Beruf und Familie. Zwei junge Väter ­ berichten darüber, wie sie ein enges Verhältnis zum Kind leben und gleichzeitig arbeiten gehen

30. August 2016
Text: Janina Weinhold

Fotos: Kay Michalak, Alasdair Jardine

„Jeder weiß, dass ich für die Wäsche zuständig bin und ich kümmere mich auch um meinen Sohn“, sagt Ramazan Barutcuoglu über sein Paarverständnis und die Arbeitsteilung mit seiner Frau Ayşegül. Ramazan genießt aktuell seinen zweiten Monat in Eltern­zeit mit seinem Sohn Ediz (10 Monate). Der Medienberater arbeitet bei der Bremer Tageszeitungen AG und blieb bereits für einen Monat zu Hause, als Ediz vier Monate alt war. Wie ­Ramazan Barutcuoglu sehen 70 Prozent der jungen Männer es als selbstverständlich an, dass Familienarbeit fair verteilt sein sollte. Und 60 Prozent aller jungen Väter mit Kindern unter sechs Jahren wollen genauso für ihr Kind da sein wie ihre Partnerin. Die aktive Vater­rolle zählt zum modernen Familienbild, zeigt das Dossier „Väter und Familie“ des Bundesfamilienministeriums.


Ramazan Barutcuoglu mit seinem Sohn (Foto: Alasdair Jardine)

Doch die Praxis sieht anders aus: In Bremen geht nur jeder vierte Vater in Elternzeit, obwohl beide einen gesetzlichen Anspruch auf diese Auszeit mit Elterngeld als Lohnersatz haben. Bleibt nur ein Elternteil zu Hause, sind es zwölf Monate. Nehmen beide Partner Elternzeit, sind es insgesamt 14 Monate. Praktisch entscheiden sich die meisten Familien dafür, dass er nur zwei Monate in Elternzeit geht. Die Gründe hierfür sind vielfältig. „Die Politik hat die sogenannten ‚Partnermonate‘ ungeschickt kommuniziert, wie zwei Bonus-Monate oben drauf, wenn auch die Väter zu Hause bleiben“, sagt Thomas Schwarzer, Referent für kommunale Sozialpolitik der Arbeitnehmerkammer Bremen. Schwarzer arbeitet am Bericht zur sozialen Lage von Familien und kann aus Familienbefragungen sagen: „Väter, die für ihre Kinder in Elternzeit gehen oder ihre Stunden auf Teilzeit reduzieren, werden in der Arbeitswelt und auch in ihrem Umfeld noch immer als Ausnahme wahrgenommen.“

Ramazan Barutcuoglu freut sich über jede Minute mit seinem Kind: „Der erste Monat zu Hause hat einen riesigen Unterschied gemacht. Anfangs hat Ediz gefremdelt, jetzt kennt er seinen Papa und es ist normal für ihn, wenn wir zu zweit alleine sind.“ Der Medienberater will seine Frau Ayş­egül unterstützen. Dennoch haben sich beide für nur zwei Monate Elternzeit entschieden. „Finanziell gesehen brauchen wir unser Familieneinkommen und können es uns andersherum nicht leisten. Meine Frau arbeitet in Teilzeit als Einzelhandelskauffrau, ich erhalte ein Fixgehalt und leistungsbezogene Provision“, erklärt er.


zu Grafik links: * abgeschlossene Fälle Januar 2013 bis März 2015

Klick auf das Bild öffnet die Großansicht


„Da läuft eine völlig rationale Überlegung ab – absolut nachvollziehbar. Schließlich kostet der Familienzuwachs auch zusätzlich Geld“, weiß Esther Schröder, Referentin für Gleichstellungs- und Geschlechterpolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. Das Elterngeld richtet sich nach dem Einkommen des Elternteils, welches in Elternzeit geht. Der Staat zahlt grundsätzlich 67 Prozent des bisherigen pauschalisierten monatlichen Nettoeinkommens und bis zu maximal 1.800 Euro. Da viele Frauen häufig weniger verdienen oder in Teilzeit arbeiten, sei das Modell „der Mann arbeitet Vollzeit, die Frau in Teilzeit“ die realistische Option für viele Familien.

„Eine wirklich verdienstunabhängige Entscheidung könnten beide Eltern ­treffen, wenn das Elterngeld neu berechnet werden würde. Etwa nach der Höhe des Familieneinkommens beider Eltern, nicht nach dem jeweiligen Gehalt der Partner“, sagt die Expertin. Zudem stecke die traditionelle Ernährer-Rolle auch 2016 noch in den Köpfen. Zumal sich viele Frauen eine aktive Mutterrolle wünschen und sie vermeintlich leichter und akzeptierter eine Babypause einlegen können, erklärt die Gleichstellungsreferentin die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Michael Hockel brauchte Mut, als er vor zweieinhalb Jahren für seine Tochter Marlene in Elternzeit ging. Der Vater betreut bei der Bremer Software-Firma ‚Ujam Development‘ die Neuentwicklung von Software und Apps als Projekt- und Produktmanager. Im zwanzigköpfigen Team war er der Erste, der für ein halbes Jahr zu Hause bleiben wollte. „Als ich meinen Chef angesprochen habe, war schon etwas Angst dabei. Er reagierte überrascht und besorgt, wer meine Arbeit dann übernehmen könnte, hat meinen Wunsch aber akzeptiert. Einige meiner Freunde haben in anderen Firmen eine ablehnende Haltung oder Drohungen erlebt. Andere haben sich gar nicht erst getraut zu fragen und beneiden mich um meinen Mut“, erzählt der Vater. Auch er und Marlenes Mutter Katharina hatten vor der Entscheidung kurz über die Finanzen nachgedacht, dann aber gemeinsam beschlossen, die Elternzeit-Monate zu teilen. „Diese Zeit kommt nie wieder. Ich habe mir eine enge Bindung zu meiner Tochter Marlene gewünscht und die Verantwortung zu teilen erschien uns beiden als der logischste Weg. So mussten wir beide nicht komplett oder länger aus dem Beruf aussteigen und hatten Zeit für unsere Tochter“, sagt er.


Michael Hocke mit seiner Tochter (Foto: Kay Michalak)

Angekündigt hatte er seinen Elternzeitwunsch, sobald der Geburts­termin feststand. Auch ­Ramazan Barutcuoglu erzählte seine Pläne drei Monate im Voraus. Beide gingen damit ein Risiko ein, weiß Barbara Sichting-­Busch, Rechtsberaterin bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. „Trotz allem Verantwortungsbewusstsein rate ich davon klar ab. Frühestens acht Wochen vor dem gewünschten Start in die Elternzeit greift der gesetzliche Kündigungsschutz auch für Väter. Dann müssen und sollten Väter ihren Elternzeitwunsch beim Arbeitgeber schriftlich anmelden. Aus Beratungsgesprächen weiß ich, dass Arbeitgeber durchaus nicht vor Kündigungen zurückschrecken, wenn der Schutz nicht greift“, sagt die Expertin.

Michael Hockel ist nach sechs Monaten zunächst wieder in Vollzeit eingestiegen. Ein Kita-Platz für die einjährige Marlene war schnell gefunden. Als jedoch seine Partnerin auch in Vollzeit arbeiten ging, kam die junge ­Familie schnell an ihre Grenzen. „Die Kita schließt um 16 Uhr und wenn Marlene krank wird, bricht unser ausgetüfteltes Betreuungssystem zusammen. Trotz meiner Unsicherheit, ob ich meinen Job in einer 32-Stunden-Woche schaffe, habe ich meinen Chef darum gebeten“, sagt der Angestellte. Anfangs mussten sich alle im Team an die neuen zwei kurzen Tage von Michael Hockel gewöhnen. Mittlerweile plant das Unternehmen die Meetings familienfreundlich am Vormittag und notfalls kann der Vater auch im Home­office arbeiten. Ramazan Barutcuoglu konnte seine Elternzeit-Monate ebenfalls problemlos gestaffelt beantragen. Sein Chef hatte selbst Elternzeit genommen.

„Solche familienfreundlichen Teilzeitmodelle und Vorgesetzte in Elternzeit können langfristig die bestehenden auf Vollzeit ausgerichteten Strukturen aufbrechen“, sagt Gleichstellungexpertin Esther Schröder. Dafür wirbt die Arbeitnehmerkammer gemeinsam mit dem Verein ‚Impulsgeber Zukunft‘, den Gewerkschaften und den städtischen Gleichstellungsstellen. Politisch sieht Schröder Nachbesserungsbedarf bei den Betreuungsangeboten. Erst die Betreuung vom ersten Lebensjahr bis zum Ende der Grundschulzeit ermögliche eine gute Vereinbarung von Beruf und Familie für beide Elternteile.


Weitere Informationen:
 

Kammermitglieder können sich in der Arbeitsrechtsberatung kostenlos zum Thema Elternzeit beraten lassen.

Unser Infoblatt ‚Elterngeld – Elternzeit‘ erhalten Sie in unseren Geschäftsstellen.