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Gender Pay Gap: Frauen verdienen mehr!

15. Februar 2011
von Dr. Esther Schröder (Referentin für Gleichstellungs- und Geschlechterpolitik)


Wir begegnen ihnen, wenn wir unsere Kinder in die Schule oder den Kindergarten verabschieden. Wir sehen, dass sie schon vor uns da waren, wenn wir in unsere sauber geputzten Büros eilen. Und wir brauchen ihre Fachkenntnis und Zuwendung, wenn wir dringend auf medizinische Hilfe angewiesen sind. Doch werden sie für ihre Arbeit auch entsprechend entlohnt? Wohl kaum. Auch im Jahr 2011 gehört es noch immer zum Standard, dass der Erzieher mehr Geld erhält als seine Kollegin und dass der Kfz-Mechaniker mehr bekommt als die Zahnarzthelferin. Die Lohnkluft zwischen Frauen und Männern, der sogenannte Gender Pay Gap, hält sich vehement. Arbeitnehmerkammer und Frauenbeauftragte setzen sich deshalb für das freiwillige Prüfverfahren ›eg-check‹ ein, mit dem Betriebe Gehaltsunterschiede ermitteln können.


Warum bekommen Frauen weniger Geld? Manche, sogar manche Expertinnen, klammern sich an simple Erklärungsmuster und meinen, die Frauen seien selbst schuld, weil sie nicht gern über Geld redeten, ihnen Verhandlungen über Lohn- und Gehaltssteigerungen unangenehm seien. Doch so einfach lässt sich der Gender Pay Gap wahrlich nicht erklären. Frauen haben zu allen Zeiten ihre Stimme gegen Ungerechtigkeiten erhoben, vor allem gegen solche in der Arbeitswelt. Wenn sich in diesen Tagen der Internationale Frauentag zum 100. Mal jährt, sei an die Wurzeln dieser Tradition erinnert. Zwar ging 1911 der erste Frauentag in Deutschland - mit den Worten Clara Zetkins - als ›die wuchtigste Kundgebung für das Frauenwahlrecht‹ in die Geschichte ein, seinen Ursprung aber nahm er 1857 mit dem Protest New Yorker Arbeiterinnen, die gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen und für gleichen Lohn auf die Straße gingen. Die November-Revolution 1918 brachte Frauen und Männern in Deutschland das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht. Der Kampf um Entgeltgleichheit dauert offensichtlich länger.

Doch wie sieht es heute - 100 Jahre später - aus? In der Europäischen Union beträgt der Gender Pay Gap über alle Mitgliedsstaaten hinweg etwa 18 Prozent. Deutschland zählt mit 23 Prozent europaweit zu den Staaten mit dem höchsten Lohnabstand. Während Frauen einen Bruttostundenlohn von 13,91 Euro erzielten, belief sich der Durchschnittsverdienst der Männer auf 17,99 Euro. Diese Zahlen basieren auf Daten der Verdienststrukturerhebung von 2006 und sind einer Veröffentlichung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2010 zu entnehmen. Die Studie analysiert, dass sich der Unterschied mit steigendem Alter erhöht und speziell bei Fachhochschulabsolventen sehr groß ist. Weiteres Ergebnis: Die Höhe des Lohnabstands variiert je nach Beschäftigungsart und je nach Beruf. Zudem zeigen sich insbesondere zwischen weiblichen und männlichen Führungskräften erhebliche Verdienstunterschiede. Auch ist die Lohnkluft in Westdeutschland wesentlich höher als in Ostdeutschland. Besonders schlecht sieht es auch in privaten Unternehmen im Vergleich zum öffentlichen Dienst aus sowie für Arbeitnehmerinnen in Betrieben ohne Tarifbindung.

Als messbare Hauptursachen für die Lohnkluft werden unter anderem die unterschiedliche Berufs- und Branchenwahl genannt und der höhere Anteil von Frauen in geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen. Vor allem die Aufteilung in männer- und frauendominierte Tätigkeiten gilt es aufzubrechen. So arbeiten Frauen oft in Bereichen, in denen Arbeit geringer bewertet und entlohnt wird, beispielsweise im Gesundheits-, Erziehungs- und Pflegebereich oder im Einzelhandel. Dagegen noch immer zu selten engagieren sie sich in den sogenannten MINT-Berufen, also in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Dort aber spielt ein Stück weit die Zukunftsmusik am Arbeitsmarkt.

Der Blick auf den ›unbereinigten Gender Pay Gap‹, also der bloße Vergleich von Bruttostundenverdiensten, ist notwendig, aber nicht hinreichend. Das Statistische Bundesamt hat darum 2010 erstmals auch den Teil des Verdienstabstandes identifiziert, der nicht auf unterschiedliche Eigenschaften zwischen den Geschlechtergruppen zurückzuführen ist. Das heißt, hier wurden Ausbildung, Dienstalter, Branche, Unternehmen, Arbeitsumfang (Teilzeit/nicht Teilzeit), Region und Ähnliches angepasst. Doch auch der ›bereinigte‹ Lohnunterschied ist deutlich: Er beträgt satte acht Prozent. Frauen verdienen also weniger, weil sie Frauen sind!? Solange diese Diskrepanz besteht und nicht schlüssig erklärt werden kann, klafft hier nicht nur eine Lücke, sondern klaffen Welten zwischen dem Anspruch gleichberechtigter Geschlechter und diskriminierender Realität.

Zur Situation im Land Bremen

Bremen gehört in Deutschland zu den Bundesländern mit den höchsten Lohnabständen. Das Statistische Jahrbuch 2010 der Arbeitnehmerkammer Bremen weist die Verdienstabstände zwischen Frauen und Männern im Bundesländervergleich aus. Gemessen an den durchschnittlichen Bruttomonatsverdiensten von Vollzeitbeschäftigten im produzierenden Gewerbe und im Dienstleistungsbereich verdienen Frauen im Land Bremen etwa 22 Prozent weniger als Männer. Berechnungen zum ›bereinigten Gender Pay Gap‹ liegen landesbezogen nicht vor.

Zieht man den Bruttostundenverdienst 2009 (ohne Sonderzahlungen) für weitere Auswertungen heran, ergibt sich aus den Daten des Statistischen Landesamtes Bremen ein insgesamt düsteres und ein nach Wirtschaftsbereichen differenziertes Bild. Zunächst lautet die inakzeptable Botschaft, dass in allen Branchen der Privatwirtschaft und auch im öffentlichen Bereich Frauen weniger Lohn und Gehalt beziehen als Männer. Besonders groß ist die Lohnkluft in den freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen, im Gesundheits- und Sozialwesen, im Finanz- und Versicherungswesen sowie im Bereich von Information und Kommunikation. Die geringsten Lohnabstände zwischen Frauen und Männern werden in Bremen in der öffentlichen Verwaltung, in Erziehung und Unterricht sowie im Gastgewerbe gemessen. Mit 20,4 Prozent im produzierenden Gewerbe liegt der ›unbereinigte Gender Pay Gap‹ über dem im Dienstleistungsbereich mit 16,1 Prozent.

Selbstcheck für Unternehmen

Die Arbeitnehmerkammer Bremen sieht angesichts dieser Befunde nicht nur dringenden politischen Handlungsbedarf, sondern vor allem weiteren Forschungsbedarf. Mit dem sogenannten Entgeltgleichheits-Check (www.eg-check.de) ist ein neues Prüfinstrument entwickelt worden, das die Mechanismen der unterschiedlichen Bezahlung identifiziert. Es steht Unternehmen, Betriebs- und Personalräten, aber auch einzelnen Beschäftigten zur Verfügung, um zu prüfen, ob in ihrem Betrieb beide Geschlechter diskriminierungsfrei entlohnt werden oder nicht.

Der eg-check wird als Testversion angeboten und klopft auf Basis der geltenden Rechtslage wichtige Vergütungsbestandteile auf mögliche Diskriminierung ab, also das Grundentgelt, Stufensteigerungen, Überstundenvergütung, Leistungsvergütung und Erschwerniszuschläge. Die Arbeitnehmerkammer wird in Kooperation mit der Bremischen Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF) bei den hier ansässigen Unternehmen dafür werben, sich dem Prüfverfahren zu unterziehen und sich damit dem Thema Lohnkluft zwischen den Geschlechtern zu öffnen. Gleichzeitig fordert die Arbeitnehmerkammer Bremen die Landespolitik und Verwaltung auf, sich starkzumachen für eine breite Teilnahme von Bremer Unternehmen am eg-check.

Mehr Transparenz schaffen

Wir brauchen mehr Transparenz im Lohngefüge, um den Benachteiligungen von Frauen am Arbeitsmarkt entgegenzuwirken. Die Politik ist gut beraten, hier mehr Engagement zu zeigen. Gefragt sind die Gesetzgebung, der Dialog der Sozialpartner, Gleichstellungspläne in den Unternehmen und öffentlichkeitswirksame Aufklärungskampagnen und Initiativen. Denn es geht um nicht weniger als das Aufbrechen verkrusteter Strukturen in Gesellschaft und Wirtschaft, um mehr Frauen in männerdominierten Berufen und Branchen, um mehr Frauen in Management- und Führungspositionen und um eine gleichverteilte Familienarbeit. Heute wie damals geht es um die Stellung und Anerkennung der Frau im Beruf. Und so gilt es, nicht nur am Internationalen Frauentag mit der roten Rose Dank zu sagen, sondern typische Frauenarbeit heute gesellschaftlich mehr wertzuschätzen mit einem angemessenen Entgelt.


Weitere Informationen:
 

Infos zum Entgeltgleichheits-Check unter www.eg-check.de