Thomas Schulz ist Betriebsrat in einem Versicherungsunternehmen. Mit viel Engagement setzt er sich für die Interessen der Belegschaft ein. Er sitzt auch als Arbeitnehmervertreter in einem Rentenausschuss der Berufsgenossenschaft und am Wochenende häufig auf Gewerkschaftstagungen anzutreffen. Eigentlich hat er niemals frei.
von Barbara Reuhl (Referentin für Arbeitsschutz- und Gesundheitspolitik)
Oktober 2010
Katja Bader, mit 37 Jahren eine der jüngeren Beschäftigten im Pflegeheim, zieht sich in letzter Zeit bei der Arbeit immer mehr zurück und wirkt müde und verstimmt. An Teamgesprächen beteiligt sie sich eigentlich nur noch mit zynischen Bemerkungen über Bewohner oder Angehörige. Burn-out ist ein Phänomen mit ganz unterschiedlichen Gesichtern: völlig auf die Arbeit fixiert oder desinteressiert, übergroße Fürsorge für andere oder zu große Distanz, voll Begeisterung oder verzweifelt. In vielen Bereichen kommt Burn-out inzwischen vor. Pflegekräfte und Sozialpädagog/innen können ausbrennen, genauso wie Banker, Ingenieurinnen und Manager. Zunehmend sind auch jüngere Menschen, beispielsweise Männer in den sogenannten ›neuen‹ Branchen betroffen, und junge Frauen, die Beruf, Kinder und ein aktives Leben in Einklang bringen müssen. Burn-out gilt nicht als eigenständige Erkrankung. In der Internationalen Klassifikation der Erkrankungen (ICD) ist es nicht bei den psychischen Erkrankungen, sondern als einer der Faktoren aufgeführt, ›die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen: Z73.0 Ausgebranntsein - Burn-out, Zustand der totalen Erschöpfung‹.
›Wenn ich es nicht tue, macht es keiner‹
Damit es zum Ausbrennen - das bedeutet der englische Begriff - kommt, muss ein Ungleichgewicht zwischen möglicherweise begünstigenden individuellen Eigenschaften und gefährdenden Bedingungen entstanden sein. Die Erwartungen einer Person an die berufliche Tätigkeit sind nicht (mehr) mit der Realität in Einklang zu bringen. Das Verhältnis zwischen der eingebrachten Energie und der erzielten Wirkung stimmt nicht mehr. Wer zuviel von seinen eigenen Kraftreserven abfordert, reagiert mit dem Gefühl zu versagen, überfordert oder auch ausgepumpt zu sein. Begünstigende persönliche Faktoren für Burn-out bringt mit, wer sich selbst hohe Leistungen abverlangt und immer perfekt sein will besonders belastbar erscheint und sich immer mehr auflädt (oder aufladen lässt) sich nicht gut abgrenzen kann ängstlich und labil ist und an sich zweifelt wenig Wertschätzung für die geleistete Arbeit erfährt in starren, bürokratischen Organisationen arbeitet nicht genügend Ausgleich hat und sich nicht erholen kann.
›Die Arbeit muss unbedingt geschafft werden.‹
Arbeiten unter hohem Leistungsdruck, flexibel, ›ohne Ende‹, Unsicherheit und widersprüchliche Anforderungen bei gleichzeitig ausbleibendem Feedback kennzeichnet den normalen Arbeitsalltag von vielen Beschäftigten. Diese Faktoren gehören zu den psychischen Belastungen. Eine zentrale Rolle dabei spielen nach Einschätzung vieler Betroffener die Faktoren Zeit und Stress. In einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2009 gaben Betriebsräte als wesentliche Gründe für Stress und Arbeitsdruck vor allem an: Zu enge Personaldecke (84 Prozent der Nennungen), hohe Eigenverantwortlichkeit der Beschäftigten (79 Prozent) und Abhängigkeit von Kundenvorgaben (75 Prozent). Der Zeitdruck nimmt zu, wenn im Betrieb mit Zielvorgaben gearbeitet wird. Führungskräfte gaben an, dass ›gelegentlich‹ (44 Prozent), ›oft‹ (37 Prozent) bzw. ›immer‹ (fünf Prozent) von Beginn an nicht genug Personal und Geld zur Verfügung stehe, um vorgegebene Ziele zu erreichen.
Vieles ändert sich, wenn einiges anders läuft: Wer eines nach dem anderen macht, schafft mehr
Viel zu tun, dauernde Arbeitsunterbrechungen, schlechte Stimmung, überlange Arbeitszeiten: Die Leitung und das Team eines kleineren Pflegeheims haben gemeinsam einen wirksamen Weg gefunden, um dem Zeitdruck zu begegnen: Es ist nun fest verabredet, dass jede Pflegekraft die einzelnen Arbeitsgänge abschließt und dokumentiert, bevor sie sich der nächsten Aufgabe zuwendet. Die Übergabezeiten sind keine ermüdenden Meckerrunden mehr, sondern werden strukturiert für die Übergabe und für Fallbesprechungen genutzt.
Schuld oder nicht schuld: Das ist hier nicht die Frage!
Burn-out entwickelt sich über einen längeren Zeitraum, als schleichender Prozess mit mehreren, für sich genommen unspezifischen Phasen. Im Betrieb macht sich das Ausbrennen bemerkbar, wenn die Fehlzeiten steigen und Leistungsträger für längere Zeiten ausfallen. Es kommt zu Reibungsverlusten, die Arbeit bleibt liegen oder muss von anderen zusätzlich übernommen werden: Das alles sind Anzeichen für psychisch belastende Arbeitsbedingungen. Psychische Belastungen gelten nach Analysen der gesetzlichen Krankenkassen als eine der wesentlichen Ursachen für krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit und für Frühverrentung. Deshalb sollen sie in Bremen auch ein Schwerpunkt des Arbeitsschutzes werden. Dafür setzen sich die Bremer Regierungsfraktionen ein. Psychische Belastungen und die Prävention von darauf zurückzuführenden Erkrankungen sollen als eigenständiger Schwerpunkt in der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie verankert werden. Die Arbeitsbelastungen können erfolgreich bewältigt werden, wenn die Arbeit gesundheitsgerecht gestaltet ist. Dem Burn-out und anderen Folgen psychischer Belastungen kann mit vielen Maßnahmen begegnet werden: Dazu gehören eine gute Arbeitszeitorganisation, echte Handlungsspielräume und ›Rückendeckung‹ im Team, dass die Arbeit als sinnvoll erlebt werden kann und dass sie wertgeschätzt wird.
Dies hat auch der Betriebsrat der Gewoba erkannt. Gestiegene Überstunden und Leistungsverdichtung hatten zu Überlastung und Stress im Betrieb geführt. Als die Einführung von SAP anstand, wurde deutlich, dass die Mitarbeiter nicht unbegrenzt belastbar sind. ›Gesunde Arbeit für Supermänner und Superfrauen‹ heißt ein Projekt, mit dem der Betriebsrat gemeinsam mit der Geschäftsführung dafür sorgen will, dass der Arbeitsschutz zielgerichtet verbessert wird. ›Außerdem werden wir systematisch untersuchen, welche Faktoren die Kolleginnen und Kollegen belasten und welche Gesundheitsförderungsmaßnahmen in den Abteilungen durchgeführt werden können. Schließlich können wir eine gute Dienstleistung für unsere Kunden langfristig nur mit einer gesunden und motivierten Belegschaft erbringen‹, so Maren Bullermann, als Betriebsratsvorsitzende maßgeblich am Zustandekommen des Projekts beteiligt.
Es gibt nichts Gutes ...
Beides muss zusammen kommen: Arbeitsplatzbezogene Maßnahmen und die Arbeit an den persönlichen Faktoren. Denn diese spielen eine wichtige Rolle beim Entstehen von Burn-out. An den eigenen Kompetenzen und Bewältigungsmöglichkeiten arbeitet, wer Belastungen realistisch einschätzen kann, eigene Stärken und Schwächen wahrnimmt, seine Bedürfnisse und Ziele formuliert, Rat und Unterstützung akzeptiert.
Gute Bedingungen dafür kann man nur selbst herstellen. Das hat auch Thomas Schulz erkannt. Er nimmt sich jetzt die Zeit für persönliche Dinge. Er hat sich arbeitsfreie Inseln geschaffen, um Abstand zu gewinnen und plant jetzt freie Zeiten im Kalender ein. Außerdem hat er mal gründlich aufgeräumt. Er erledigt jetzt Dinge gleich, wirft auch schon mal was weg, aber er schiebt nichts mehr vor sich her. Außerdem geht er jetzt wieder regelmäßig zum Volleyballtraining - ein guter Ausgleich zum Beruf.



