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Beschäftigung und Ausbildung im Gesundheitswesen sichern

30. Juni 2011 (aus: BAM 5/11)

Ein Blick in die Stellenanzeigen macht deutlich: Pflegekräfte werden gesucht. Für die kommenden zehn Jahre prognostiziert auch das Darmstädter Wirtschaftsforschungsinstitut in der Pflegebranche bundesweit einen Fachkräftemangel von 230.000 Vollzeitpflegekräften.


Beschäftigung in der Gesundheitswirtschaft in Bremen
Insgesamt 12.000 qualifizierte Fachkräfte sind zurzeit in den bremischen Krankenhäusern beschäftigt. Allein im Pflegebereich arbeiten rund 5.000 Pflegekräfte, die Hälfte davon in Teilzeit.

Über 4.000 Pflegekräfte arbeiten derzeit im Land Bremen in der stationären Altenpflege, mehr als 3.000 im ambulanten Bereich.

Betrachtet man die bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten Stellen und die gemeldeten Arbeitslosen, so wird die aktuelle Situation im Vergleich zu anderen Branchen deutlich. So waren im April 2011 in Bremen gerade 38 Krankenschwestern/Pfleger arbeitslos gemeldet. Dem gegenüber standen 61 offene Stellen. Etwas schwieriger ist die Situation für die weniger qualifizierten Krankenpflegehelfer/innen: Hier wurden lediglich 13 offene Stellen bei 122 gemeldeten arbeitslosen Helferinnen/Helfern angeboten.

Prämien für neue Mitarbeiter
Im April führten die städtischen Kliniken in Bremen sogar eine Art Kopfprämie ein. Mitarbeiter der Gesundheit Nord erhalten 1.000 Euro, wenn sie eine Pflegerin oder einen Pfleger erfolgreich anwerben. So will der Bremer Klinikverbund offene Stellen möglichst schnell mit gut qualifiziertem Personal besetzen. ›Auf die Konsequenzen und den heutigen Mangel an Pflegefachkräften hat der Betriebsrat schon vor Jahren hingewiesen‹, so Jochen Killing vom Betriebsrat des Klinikums Bremen-Mitte. Denn alleine in den Bremer Kliniken wurden seit Einführung der Fallpauschalen in den Krankenhäusern 500 Vollzeitstellen weggespart. Bundesweit haben rund 50.000 Krankenschwestern und Pfleger ihren Arbeitsplatz im Rahmen der Sparmaßnahmen allein in den Krankenhäusern verloren. Seit 1995 wurde bundesweit jede siebte Stelle weggespart, obwohl gleichzeitig die Zahl der Patientinnen und Patienten um zwölf Prozent stieg. In vielen Krankenhäusern liegt daher das Durchschnittsalter der Beschäftigten um die 45 Jahre plus‹ und es wird sich in den nächsten Jahren weiter erhöhen und zu einer Überalterung der Belegschaften führen. Überlastungsanzeigen häufen sich, auch Anträge auf Schwerbehinderung nehmen zu, ebenso Teilzeit. Arbeiten im Schichtdienst und eine relativ schlechte Bezahlung machen diese Berufe unattraktiv.

Aber nicht nur für Krankenhäuser wird es immer schwieriger, Pflegepersonal zu finden. In nahezu allen Bereichen spitzt sich die Situation langsam zu, in der stationären und in der ambulanten Altenpflege, der Jugend- und Behindertenpflege und in der Psychiatrie.

Häufig wird als Grund für einen steigenden Bedarf an Pflegekräften der demografische Wandel verantwortlich gemacht. Die Alterung der Bevölkerung lässt die Nachfrage nach Dienstleistungen in der Gesundheitsbranche steigen und immer mehr Fachkräfte gehen in den Ruhestand.

Qualifiziertes Pflegepersonal ist in der Tat begrenzt und Krankenhäuser, Heime und ambulante Pflegeeinrichtungen müssen Konzepte entwickeln, wie Mitarbeiter gewonnen und gehalten werden. Wichtige Frage für viele Beschäftigte sind dabei die Arbeitsbedingungen: Dazu gehören flexible Arbeitszeiten, hausinterne Aufstiegschancen und die Möglichkeit zur Weiterbildung.

Doch dies ist nur die halbe Wahrheit. So ist nicht nur von einem steigenden Bedarf auszugehen. Der steigende Kostendruck durch die Fallpauschalen und Pflegesätze hat dazu geführt, dass Personal abgebaut wurde. Immer mehr Patientinnen und Patienten bei immer weniger Personal war die Folge. Dabei sind die Liegezeiten beispielsweise im Vergleich zu früher kürzer geworden, was wiederum eine intensivere Pflege erfordert.

Bereits heute lässt Arbeitsverdichtung die Beschäftigten bis an den Rand ihrer Kräfte arbeiten: keine Pausen, Überstunden, kurzfristiges Einspringen, wenn Kollegen erkranken. Das ist traurige Realität in den Gesundheits- und Pflegeberufen.

Bremen startet Bundesratsinitiative
›Personalbemessungsgrenze‹ - so lautet das Zauberwort, das die rechtlichen Rahmenbedingungen regelt. Im November 2011 hat die Bremer Landesregierung im Bundesrat einen Initiativantrag für ein Gesetz eingebracht. Doch andere Bundesländer tun sich noch schwer, der Initiative beizutreten. Inhalt ist die Wiedereinführung der Pflegepersonalregelung. Ziel ist die Einführung von Standardschichtbesetzungen auf den Stationen beziehungsweise in den Abteilungen der Krankenhäuser. Bremen ist damit auf der Ebene des Bundesrates initiativ geworden, um die Qualität der Krankenhauspflege zu erhalten und sie nicht weiter Sparzwängen zu opfern. Die Wettbewerbsbedingungen sollten nicht durch immer niedrigere Personalstandards verzerrt werden.

Traumberufe - Gesundheitsberufe

Ausbildungen wie die der Medizinischen Fachangestellten in Arztpraxen oder in der Pflege gehören noch immer für viele Schülerinnen und Schüler zum Traumberuf. Tatsächlich steht weniger Nachwuchs an ausgebildeten Pflegekräften zur Verfügung. Immer weniger junge Menschen entscheiden sich eben nicht für einen Pflegeberuf - trotz guter und sogar exzellenter Arbeitsplatzsicherheit und vielen beruflichen Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Auch unter beschäftigungspolitischen Aspekten ist Bremen daher gut beraten, die Ausbildungsplätze weiter zu halten und wieder aufzustocken und die Gesundheitswirtschaft als personalintensiven Dienstleistungsbereich zu fördern.

In den vergangenen Jahren blieben Ausbildungsplätze häufig unbesetzt - mangels Bewerbungen von jungen Menschen. Die Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) im Klinikum Mitte fordert daher eine Übernahmegarantie für Pflegeschülerinnen und -schüler. Lisa Geffken von der JAV meint dazu: ›In den letzten Jahren wurden viele Pflegekräfte nach ihrer Ausbildung nicht übernommen. Ausbildung mit Perspektive - das wäre ein Signal an viele, die den Pflegeberuf gerne ergreifen würden, die von den schwierigen Rahmenbedingungen und der Unsicherheit danach aber abgeschreckt werden.‹

Bremen startet Pflegeoffensive
Neben besseren Arbeitsbedingungen und höherer Bezahlung gilt die Ausbildung von jungen Pflegekräften als Schlüssel gegen einen drohenden Pflegenotstand.

Die Sozial- und Gesundheitssenatorin gab im Mai den Startschuss für eine Werbekampagne für Pflegeberufe, die von den norddeutschen Bundesländern gemeinsam umgesetzt wird. Die Kampagne basiert auf einer Studie des Instituts für Public Health und Pflegeforschung (IPP) der Universität Bremen. Abgefragt wurde dabei unter anderem das Image der Pflegeberufe bei Jugendlichen und ihren Eltern. Untersucht wurde außerdem, was die Attraktivität des Pflegeberufs beeinflussen könnte.

Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse haben Schülerinnen und Schüler in Zusammenarbeit mit einer Werbeagentur eine Kampagne entwickelt. Entstanden sind Plakate, Anzeigen, eine Internetseite und ein Computerspiel, das das Interesse für einen Beruf in der Pflege wecken soll. Unter zeig-deine-pflegestaerken.de finden Jugendliche Lehrstellenangebote und Informationen.

›Der Druck muss raus!‹

fordern ver.di und Betriebsräte aus Kliniken und der Altenpflege. Dafür bedarf es abgesicherter Finanzierungen. Sowohl die Krankenhäuser wie eine Reform der Pflegeversicherung stehen auf der politischen Tagesordnung, denn die Versorgung in diesen Bereichen ist seit Jahren chronisch unterfinanziert. Eine Imagekampagne wird daher nur Erfolg haben, wenn die vermittelten Bilder mit der Realität übereinstimmen. 2011 hatte der ehemalige Gesundheitsminister Rösler zum ›Jahr der Pflege‹  ausgerufen - sechs Monate bleiben noch bis zum Ende des Jahres.

von Carola Bury
(Referentin für Gesundheitspolitik)