
Projekt ›ProAktiv!‹ unterstützt Betriebe und Arbeitnehmervertretungen
16. Mai 2011
von Gerlinde Hammer, Norbert Hübner, Nina Seibicke (Projekt ProAktiv!/Institut Arbeit und Wirtschaft)
Was die Lage in der Pflegebranche so brisant macht, ist der doppelte demografische Wandel. Doppelt, weil zum einen der Bedarf an ambulanter und stationärer Versorgung gestiegen ist. Und zum anderen, weil die Pflegekräfte selbst älter werden und gleichzeitig das Potenzial an jüngeren Pflegekräften sowie der Anteil pflegender Angehöriger abnimmt. Damit öffnet sich die Schere zwischen dem Bedarf an Pflege und im Berufsfeld (zukünftig) arbeitenden Pflegefach- und Hilfskräften. ProAktiv! - ein Projekt für Wissenschaftstransfer in Kooperation von Universität und Arbeitnehmerkammer Bremen - hat sich deshalb die Verbesserung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes in Pflegeeinrichtungen zum Programm gemacht.
›Dem Altenpflegeberuf haftet das Image eines physisch und psychisch besonders belastenden Berufes an, der von den Altenpflegerinnen und -pflegern nur für kurze Zeit ausgeübt werden könne‹, beschreibt Angela Joost vom Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) in Frankfurt die Vorurteile vieler Menschen. Ein nur kurzer Berufsverbleib wiederum gelte als Beweis für schlechte Arbeitsbedingungen in der Branche insgesamt. Dieses öffentlich eher negative Berufsbild wirkt sich unter anderem ungünstig auf die Rekrutierungspraxis für qualifizierten Ausbildungsnachwuchs aus. ›Altenpflegeschulen spüren diese Auswirkung, wenn sich bei einem entspannten Ausbildungsmarkt der potenzielle Nachwuchs in andere Berufsfelder orientiert‹, so Angela Joost.
Der doppelte demografische Wandel, physisch und psychisch belastende Arbeitsbedingungen, eine vergleichsweise geringe Verweildauer im Pflegeberuf, prekäre Beschäftigungsverhältnisse und ein daraus resultierendes schlechtes Image in der Öffentlichkeit: Das sind zusammengenommen die Gründe für den beklagten Fachkräftebedarf. Doch wenn der Bedarf tatsächlich so groß ist, müssen auch der Pflegeberuf insgesamt attraktiver und vor allem die Arbeitsbedingungen besser werden. Genau hier setzt das Projekt ProAktiv! an. Das Projekt arbeitet mit 41 stationären und ambulanten Pflegebetrieben aus Bremen und Bremerhaven zusammen. Ziel ist es, gemeinsam innovative Strategien für einen präventiven und beteiligungsorientierten Arbeits- und Gesundheitsschutz zu entwickeln und umzusetzen.
Dass neue Strategien und Wege im Arbeitsschutzgesetz gebraucht werden, ist mit der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie (GDA) 2008 festgeschrieben worden. Mit der GDA werden europäische und internationale Vorgaben umgesetzt. Bund, Länder und gesetzliche Unfallträger haben sich erstmalig auf Grundsätze der Kooperation und auf gemeinsame Ziele verständigt, wie etwa die Häufigkeit und Schwere von Muskel- und Skeletterkrankungen zu verringern oder gegen Haut- und Infektionserkrankungen zu wirken - jeweils mit besonderer Berücksichtigung von psychischen Belastungen.
Im Land Bremen wird die Umsetzung der GDA im Rahmen der Bremer Landesinitiative ›Arbeits- und Gesundheitsschutz‹ unterstützt. Für die Pflegebranche ist modellhaft das durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) geförderte Projekt ProAktiv! zuständig. Im Zentrum steht dabei die Entwicklung und Anwendung neuer Handlungsstrategien. Dabei soll der Arbeits- und Gesundheitsschutz neu ausgerichtet werden, insbesondere unter dem Gesichtspunkt der aktiven Mitwirkung der Beschäftigten - und zwar in allen Phasen des Prozesses. Um Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für den Gesundheitsschutz zu motivieren und ihre Ideen ernst zu nehmen, wurde das klassische Instrument des Arbeits- und Gesundheitsschutzes, die Gefährdungsbeurteilung, weiterentwickelt. Herausgekommen ist ein moderiertes Verfahren, die mitarbeiterorientierte Gefährdungsbeurteilung. Diese setzt in allen Phasen des Regelkreises (siehe Grafik) auf die Partizipation der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen: von der Vorbereitung des Prozesses über die Beurteilung von Gefährdungen bis hin zur Umsetzung von Maßnahmen mit Wirksamkeitsprüfung. Das Know-how zur Einführung und Verbesserung der Prozesse liefert das Projekt ProAktiv!.
Der Veränderungsdruck im Arbeits- und Gesundheitsschutz ist deutlich zu spüren. Für die Pflegebetriebe besteht der Handlungsdruck wie beschrieben im Fachkräftebedarf - und hier können bessere Arbeitsbedingungen sicher Abhilfe schaffen. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, also die Pflegefach- und Pflegehilfskräfte, geht es dagegen ganz fundamental um ihre eigene Gesundheitsvorsorge. Doch dieser Druck führt nicht bei allen Pflegeunternehmen zum gewünschten Handeln.
Wenn die Umsetzung nicht schnell genug vorangeht, liegen die Ursachen häufig in durchaus nachvollziehbaren Vorbehalten und Bedenken der Leitungsebenen der Pflegeeinrichtungen. Veränderungsprozesse verschlingen Zeit und Ressourcen, die dann wiederum in der Pflege fehlen, so die Befürchtung. Oft fehlt es auch einfach an Informationen darüber, wie so ein Prozess gestaltet werden kann und aussehen muss. Und gerade hier ist das Feld, in dem Mitarbeitervertretungen aktiv werden können, um den Prozess der Neuorientierung ihres Betriebs in Sachen Arbeits- und Gesundheitsschutz voranzubringen und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu erreichen.
Der Gesetzgeber hat den Betriebsräten weitgehende Rechte und Pflichten bei der Ausgestaltung des betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutzes eingeräumt. Neben der Mitbestimmung bei der Bestellung von Fachkräften für Arbeitssicherheit, Betriebsärzten und Sicherheitsbeauftragten ist auch das Kernstück des Arbeits- und Gesundheitsschutzes nach § 5 Arbeitsschutzgesetz mitbestimmungspflichtig - nämlich die Auswahl und die Organisation geeigneter Verfahren der Gefährdungsbeurteilung. Pflegeeinrichtungen unterschätzen mitunter, welche Einflussmöglichkeiten Betriebsräte bei der Modernisierung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes haben. Von einem modernen Arbeits- und Gesundheitsschutz profitieren beide Seiten: Unternehmensleitung und Arbeitnehmervertretung. Und um den Prozess in Gang zu setzen, braucht es einen Dialog zwischen Leitung und Mitarbeitern - ein wichtiges Handlungsfeld für Arbeitnehmervertretungen. Die praktischen Handlungsanleitungen, die im Rahmen des Projekts ProAktiv! veröffentlicht werden, zeigen auf, wie es geht. Und: Beim Start unterstützen die Fachkräfte von ProAktiv! die Pflegeeinrichtungen beratend vor Ort.
ProAktiv! wendet sich an Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sowie Leitungskräfte in ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen im Land Bremen, die ihre betriebliche Praxis und ihre Kompetenzen im Arbeits- und Gesundheitsschutz weiterentwickeln möchten. Das Projekt kooperiert mit Pflegebetrieben, Institutionen und Interessenverbänden, die im Arbeits- und Gesundheitsschutz aktiv sind, sowie schulischen und hochschulischen Ausbildungseinrichtungen für die Pflege.
Betriebe, die Interesse am Projekt haben, können sich direkt an das Institut Arbeit und Wirtschaft wenden:
Anita Stickdorn
E-Mail: astickdorn@uni-bremen.de
Telefon 0421·218-9408
www.pflege-projekt.de



