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›Ohne Rückendeckung der Familie nicht zu schaffen‹

5. Januar 2016
von Janet Binder

Wer neben seinem Job studiert, braucht Disziplin, Organisationstalent und möglichst die Unterstützung vom Arbeitgeber. Doch die gibt es nicht immer in dem gewünschten Maße, wie eine neue Studie der Arbeitnehmerkammer zeigt.

Rainer Lehmann hat eine stressige Zeit hinter sich. Trotzdem möchte er sie nicht missen. Neben seinem Vollzeitjob als Technischer Angestellter hat der 48-Jährige an der Uni Bremen seinen Bachelor of Science im Bereich ›Berufliche Bildung‹ mit der Fachrichtung Metalltechnik-Fahrzeugtechnik gemacht – als berufsbegleitendes Studium. ›Ohne die Rückendeckung meiner Familie hätte ich das nicht geschafft‹, ist Lehmann überzeugt. Seine Frau und auch die beiden Söhne übernahmen Aufgaben im  Haushalt, für die er normalerweise zuständig ist.

Dennoch musste er auch zurückstecken. ›Einfach mal weggehen, das war im Semester stark eingeschränkt‹, sagt er. Rainer Lehmann ist ein sehr disziplinierter Mensch. ›Ich habe kontinuierlich immer ein bisschen gelernt und nicht blockweise vor den Prüfungen.‹ So schaffte er den Bachelor berufsbegleitend in der Regelstudienzeit von sechs Semestern. Dass er so gut vorankam, lag auch an seinem Arbeitgeber. ›Er hat mich voll unterstützt.‹ Durch Gleitzeit konnte er seine Arbeitszeit passend zu den Vorlesungen legen.

Möglichkeit der Freistellung wäre wichtig
Selten sind die Bedingungen für berufstätige Studierende so optimal wie für Rainer Lehmann. Das zeigt eine neue Studie der Arbeitnehmerkammer Bremen in  Kooperation mit dem Zentrum für Arbeit und Politik (zap) an der Universität Bremen. Darin wurden 53 Berufstätige im Alter von 23 bis 59 Jahren schriftlich befragt, 13 Berufstätige wurden ausführlich persönlich interviewt. Alle Teilnehmer der Studie absolvieren neben ihrem regulären Job ein Bachelor- oder Masterstudium an einer der  staatlichen Hochschulen in Bremen. ›Nur 14 Befragte gaben an, dass sie Unterstützung in Form von flexiblen Arbeitszeiten oder Arbeitszeitkonten bekommen‹, sagt Susanne Hermeling, Referentin für Bildungspolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. Von 53 Befragten arbeiten 41 mindestens 30 Stunden pro Woche, die meisten von ihnen in Vollzeit. Oft können Beschäftigte aus finanziellen oder betrieblichen Gründen ihre Arbeitszeit nicht reduzieren.

Doch die Möglichkeit der Teilzeitarbeit oder gar der Freistellung hält Susanne Hermeling für wichtig, um das Studium bewältigen zu können. ›Viele unterschätzen am Anfang den Aufwand für das Studium. Wer Vollzeit arbeitet, stößt schnell an seine Grenzen.‹ Ein tarifvertraglicher Anspruch auf Bildungsteilzeit mit klaren Regeln für eine Freistellung, wie ihn die IG Metall fordert, hält deshalb auch die Arbeitnehmerkammer für richtig.

›Man muss Prioritäten setzen‹
Die meisten Studierenden gaben an, vom Studium persönlich und beruflich zu profitieren, zugleich beklagten viele aber die hohe Belastung. ›Einige haben gesagt, dass sie nur noch durchkommen möchten‹, sagt Susanne Hermeling. Am meisten leide der private Bereich. Diese Erfahrung macht auch Michael Strauß. Für ihn ist die Situation besonders belastend: Der 50-Jährige arbeitet neben seinem Bachelorstudium nicht nur Vollzeit als Bauleiter; er ist auch alleinerziehender Vater einer  zehnjährigen Tochter. ›Man muss definitiv Prioritäten setzen‹, sagt er. Und die liegen nicht immer im Studium. ›Wenn meine Tochter krank ist, kann ich eben nicht zur Uni.‹ Dadurch komme er nicht so schnell voran wie andere.

Dass er überhaupt die Zeit zum Studieren findet, verdankt er der Unterstützung durch seine Ex-Frau und seinen erwachsenen Stiefsohn sowie durch seinen Arbeitgeber. Er erlaubt, dass Michael Strauß auch von zu Hause aus arbeitet. Außerdem kann er sich die Zeit relativ frei einteilen. ›Es ist wichtig, dass ich die Arbeiten mache, nicht wann‹, sagt Strauß. Gerne würde er seine Arbeitszeit reduzieren, um mehr Zeit fürs Studium und für seine Tochter zu haben. ›Das kann ich mir aber nicht leisten.‹

Zur Motivation für ihr Studium gaben die meisten Befragten einen gewünschten beruflichen Aufstieg an, andere wollten in weniger belastende Arbeitsbereiche wechseln.  Einige streben einen kompletten Berufswechsel an. ›Dann sind die Rahmenbedingungen im Betrieb natürlich schwieriger‹, sagt Susanne Hermeling. Manchmal informieren Studierende ihre Arbeitgeber noch nicht einmal über ihr Studium, weil sie negative Reaktionen fürchten. ›Das bedeutet, dass die Organisation des  Studienalltags noch schwieriger wird‹, betont die Referentin. Strukturiert gefördert wird in vielen Industriebetrieben eher eine klassische Meisterfortbildung als ein Studium. Doch manchmal ändert sich die Sichtweise der Vorgesetzten. ›Wenn sie sehen, welche neuen Kompetenzen eingebracht werden, ist die Freistellung für ein Seminar plötzlich doch möglich‹, sagt Hermeling.

Ein anderer Befragter berichtete, dass sein Arbeitgeber ihm zwar erlaubte, seine Arbeitszeit zu reduzieren. Doch in der Folge wurden ihm nur noch Hilfsarbeiten zugeteilt. ›Das hat ihn zunehmend frustriert.‹ Am Ende ließ er sich beurlauben, um sein Studium beenden zu können. Finanziell war das für ihn eine Herausforderung. Die Referentin hält es deshalb für wichtig, dass Beschäftigte beispielsweise ihren Bildungsurlaub wahrnehmen oder Arbeitszeitkonten ansparen können, um in  Prüfungsphasen geballt Zeit zu haben. ›Betriebe denken meist nur daran, dass ihnen die Leistung eines Beschäftigten während eines berufsbegleitenden Studiums nicht voll zur Verfügung steht‹, beklagt Susanne Hermeling. ›So kann man aber keinen Fachkräftemangel lösen.‹

Doch auch die Angebote der staatlichen Hochschulen müssen sich verbessern. Bundesweit gibt es bisher nur relativ wenige berufsbegleitende Master- und noch weniger Bachelorstudiengänge. Und selbst bei den vorhandenen Angeboten sind die Bedingungen nicht immer optimal: Nicht alle Seminare finden am Wochenende oder abends statt. ›Weil die Ressourcen begrenzt sind, müssen die Studierenden auch auf das reguläre Studienangebot zurückgreifen‹, weiß Hermeling. Zudem können zwar alle Studienangebote der Hochschulen in Bremen in Teilzeit studiert werden. Doch Teilzeit bedeutet nicht berufsbegleitend; Seminare liegen gewöhnlich in der Woche.

Unterstützung durch Kommilitonen
Trotz der Schwierigkeiten kam für die meisten Befragten ein Fernstudium nicht infrage. ›Den Studierenden war es wichtig, an die Hochschule zu gehen, sich mit anderen auszutauschen und sich gegenseitig zu stützen.‹ Dass dieser Kontakt gut ist, zeigt auch die Erfahrung. ›Die Abbruchquote beim Fernstudium ist relativ hoch‹, so Referentin Hermeling.

Auch für Rainer Lehmann wäre ein Fernstudium nichts gewesen. ›Mir fällt es leichter zu verstehen, wenn ich in Vorlesungen zuhöre‹, begründet er. Außerdem traf er auf  einen Kommilitonen, der einen ähnlichen beruflichen Hintergrund hat wie er. Sie unterstützten sich beim Lernen gegenseitig. ›Wenn der eine mal ein Tief hatte, war der andere da, um ihn rauszuziehen.‹

Für ihn war das Bachelorstudium eine Herausforderung, die sich gelohnt hat: Für ihn persönlich, aber auch, weil er nun mehr verdient und sich seine Aufgaben geändert  haben. Nun setzt er noch einen drauf: Er hat sich für ein Lehramtsstudium (Master of Education) eingeschrieben. Aber das Studium wird nicht berufsbegleitend angeboten, zurzeit besucht er deshalb nur eine Vorlesung pro Woche. ›Wenn der Master berufsbegleitend angeboten würde, würde ich das schaffen. So glaube ich aber  nicht, dass ich ihn fertig kriege‹, sagt der 48-Jährige – und das findet er sehr schade.


Weitere Informationen:
 

Die Studie wird am 2. März 2016 um 15 Uhr im Beisein von Wissenschaftssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) im Kultursaal der Arbeitnehmerkammer vorgestellt. Infos können Sie per Mail anfordern unter: bildung@arbeitnehmerkammer.de.

Mehr Infos über berufsbegleitendes Studieren in Bremen unter: www.offene-hochschulen-bremen.de.